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Astrid-Lindgren-Preis : Aus dem kleinen feinen Reingarnichts

Das berühmteste Werk Wolf Erlbruchs: „Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“ Bild: Peter Hammer Verlag / Wolf Erlbruch

Wolf Erlbruch hat als erster Deutscher den wichtigsten internationalen Kinderbuchpreis gewonnen. Er ist der richtige Preisträger, denn er schreibt und zeichnet fürs Kind in uns allen. Und für die ganze Welt.

          Um zu ermessen, was die Vergabe des Astrid-Lindgren-Gedächtnispreises an Wolf Erlbruch bedeutet, könnte man darauf verweisen, dass diese bedeutendste internationale Auszeichnung für Kinder- und Jugendliteratur noch nie an jemanden aus Deutschland gegangen ist, seit sie vor anderthalb Jahrzehnten deshalb als bewusste Ergänzung zum Literaturnobelpreis geschaffen wurde, weil der sich noch nie um das geschert hatte, was für Kinder geschrieben wurde. Daran hat sich auch seitdem nichts geändert – ein blinder Fleck der Schwedischen Akademie als Nobelpreisjury. Bewusste Ergänzung im internationalen Literaturgeschehen ist der Lindgren-Gedächtnispreis auch insofern, als die Koordination seiner Vergabe bei einer staatlichen Institution Schwedens liegt und aus der ganzen Welt Bewerbungen eingereicht werden können – genau wie beim Literaturnobelpreis. Und dass er, auch das muss gesagt werden, mit fünf Millionen Kronen, also mehr als einer halben Million Euro, immens hoch dotiert ist (wenn auch nicht ganz so hoch wie der Nobelpreis). Wichtiger aber als all diese Parallelen zum berühmten anderen Literaturpreis ist die individuelle Qualität des Gewinners. Und da bleibt nur zu sagen: selten so konsequent geehrt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Wolf Erlbruch ist ein Wunderwirker: ein kindgerechter Bücherbildner, der zudem die schönsten Geschichten, die er illustrierte, selbst geschrieben hat: „Die fürchterlichen Fünf“, „Ente, Tod und Tulpe“, „Frau Meier, die Amsel“, „Nachts“, „Die große Frage“. Allerdings nicht sein erfolgreichstes Bilderbuch „Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“, 1989 erschienen, seitdem in fast drei Dutzend Sprachen übersetzt und millionenfach verkauft. Dessen Verfasser ist Werner Holzwarth, aber nicht nur, dass Erlbruch sich die Vorlage durch seine wunderbaren Bilder mit Haut und Haaren angeeignet und die dabei verwendete Aquarelltechnik zu einem Markenzeichen seines Schaffens gemacht hat, er hat sich dann vor allem auch wieder von diesem Stil lösen können, ehe der zur Masche wurde. Erzählerisch und graphisch suchte er neue Wege.

          Plötzlich illustrierte Erlbruch Texte von Goethe, Karl Philipp Moritz, Gottfried Benn, James Joyce. Und er zeichnete nicht mehr nur, sondern begab sich ans Collagieren, wie man es seit Max Ernst nicht mehr gesehen hatte. Dazu hütet der Künstler in seinem Eigenheim mitten in Wuppertal einen Schatz an alten farbigen Papieren und Rechnungsbüchern, aus denen er jene Elemente ausschneidet, die ein Bücherbild von Erlbruch, das immer auch ein Bühnenbild ist, ausmachen.

          Autor und Illustrator Wolf Erlbruch

          Diese buntmontierte Welt ist surrealistisch in ihrer Musterkombination und trotzdem so kindgerecht lebensnah wie nichts sonst in der internationalen Bilderbuchszene. Dass Wolf Erlbruchs Erfolg eine Überlebensversicherung für den in seiner Neugier und Vielfalt nahezu einmaligen Peter Hammer Verlag ist, dem der Zeichner seit mehr als dreißig Jahren die Treue hält, sei nur nebenbei bemerkt. Jahr für Jahr zieht so aus Wuppertal Erlbruchs Welt in unsere Wohnungen ein: als längst schon legendärer „Kinderzimmerkalender“ im Überformat.

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