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Veröffentlicht: 25.04.2017, 14:08 Uhr

Albert Uderzo zum Neunzigsten Deshalb wird „Asterix“ gelesen

Ein Fuchs? Ein Steinzeitmensch? Ein Gallier! Albert Uderzo zeichnete die erfolgreichste Comicserie der Welt. Und traf spät eine Entscheidung, die sie rettete. An diesem Dienstag wird er neunzig.

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© Egmont Ehapa So eine Freude: Asterix und Obelix, die Hauptfiguren der von Albert Uderzo gezeichneten erfolgreichsten Comicserie der Welt

Über jedem genialen Einfall liegt ein Schatten des Geheimnisses, der Mystifikation gerade durch diejenigen, die ihn hatten. Nehmen wir den tapferen Gallier Asterix. Er kam angeblich in die Welt, weil es im 1959 neugegründeten französischen Comicmagazin „Pilote“ noch eine Lücke gab. Der Chefredakteur, der sie mit einer eigenen Serie füllen wollte, überlegte, und als Erstes fiel ihm als mögliche Vorlage für einen Comic die hochmittelalterliche Erzählung „Roman du Renart“ ein, der Fuchsroman. Doch den gab es schon als Comic – kein Wunder, der Stoff dürfte einer der meistadaptierten überhaupt sein, bis hin zu Goethes „Reineke Fuchs“.

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Dann wurde eine prähistorische Handlung erwogen, aber die schied angeblich aus, weil es in Amerika schon die „Flintstones“ gab, die man in Deutschland als Familie Feuerstein kennt. Wenn die Prähistorie ausfällt, bleibt nur die Historie selbst, sagte sich der Chefredakteur und fragte den von ihm ausersehenen Zeichner, was ihm als Erstes zur französischen Geschichte einfalle. Der sagte: „die Gallier“. Und so geschah es.

Eine Goldgrube, auf die man nicht verzichtet

So erinnerte sich Albert Uderzo, der Zeichner, vor ein paar Jahren an die Genese von „Asterix“, der erfolgreichsten Comicserie der Welt. Die Geschichte hat den Schönheitsfehler, dass es die „Flintstones“ erst seit 1960 gibt. Also wird wohl nie mehr herauszubekommen sein, was in einer alternativen Comicgeschichtsschreibung an die Stelle von „Asterix“ hätte treten können. Denn seit vierzig Jahren kann nur noch einer der beiden Schöpfer Auskunft über die Ursprungsidee geben, eben Uderzo, weil der Chefredakteur und „Asterix“-Szenarist René Goscinny 1977 starb. Die Serie stand da auf dem Höhepunkt des Erfolgs.

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Jedes Jahr seit 1959 war zuverlässig mindestens ein neues Abenteuer erschienen, und in Frankreich, aber auch in Deutschland konnte man gar nicht rasch genug drucken, um die Nachfrage an den Kiosken zu befriedigen. Die Startauflagen eines neuen „Asterix“-Bandes lagen und liegen immer noch in beiden Ländern bei jeweils mehr als einer Million Exemplaren. Auf so eine Goldgrube verzichtet man nicht, also entschloss sich Uderzo nach Goscinnys Tod, die Serie allein fortzusetzen. Dass ihm das Erzählen weniger leichtfiel als das Zeichnen, merkte man schon an den seitdem jahrelangen Pausen zwischen den Einzelbänden.

46050873 Uderzo am Zeichentisch über den Dächern von Paris © Egmont Ehapa Bilderstrecke 

Uderzo war in den sechziger Jahren berühmt nicht nur als einer der schnellsten französischen Zeichner – sein Wochenpensum lag bei fünf Seiten, und das will bei seiner Detailversessenheit etwas heißen –, sondern auch als jemand, der alle Stile beherrschte. Zwischen anderen wunderbaren Serien wie „Umpah-Pah“ oder „Tanguy und Laverdure“ liegen Welten. Diese Vielseitigkeit im doppelten Sinne verdankte sich seiner Bewunderung für die amerikanischen Klassiker des Metiers, allen voran die Disney-Comics und noch mehr die Disney-Trickfilme. Ihnen hat Uderzo die Beweglichkeit und das Volumen seiner Figuren abgeschaut – „illusion of life“, wie man es bei Disney nannte, wenn man die gezeichnete Welt so gestaltete, als wäre sie real, aber nicht dank Fotorealismus, sondern durch visuelle Plausibilität über Phänomene wie Schattenwurf oder physiognomische Verformungen bei Belastung der Figuren, die dann auch gerne übertrieben dargestellt sein durften.

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„Asterix“ folgt diesem Ideal und ist damit das Gegenteil von Hergés in „Tim und Struppi“ entwickelter Ligne claire, bei der alles auf die notwendigen Dekors reduziert ist, die dafür aber höchst akribisch sind, während Dinge wie gerade die Schatten entfallen dürfen. Deshalb wird Hergé von Künstlern bewundert: weil er eine eigene Welt geschaffen hat. Deshalb wird „Asterix“ mehr gelesen: weil er von dieser Welt ist.

Eine späte Entscheidung

Als Uderzo aber „Asterix“ allein übernahm, brach eine Welt zusammen, weil nun der feine Humor Goscinnys einer Brachialkomik wich, die mit den plattesten Anspielungen zufrieden war. Uderzo musste erst Mitte achtzig werden, bis er sich dazu entschloss, die Serie in andere Hände zu geben – und mit dem Verkauf seiner Rechte an Hachette noch einmal Kasse zu machen. Der Verlag engagierte dann wieder ein Autorenduo: Jean-Yves Ferri für die Texte, Didier Conrad für die Zeichnungen, und „Asterix“ kam zurück in die Erfolgsspur.

Das wird auch Albert Uderzo erfreuen, denn dass sein Herz mehr an dieser Serie hängt als an allem anderen, was er geschaffen hat, ist unbestreitbar. Im Herbst wird ein neues Album mit seinem tapferen Gallier erscheinen, das einen Titel trägt, der so klassisch klingt, als wäre er bereits vor fünfzig Jahren publiziert: „Asterix in Italien“. Alle Asterix-Abenteuer sind in deutscher Sprache bei Egmont Ehapa Media und der Egmont Comic Collection erschienen. Dank dieser Serie ist Uderzo unsterblich. An diesem Dienstag wird der Zeichner neunzig Jahre alt.

© AFP, afp Neuer Band des Klassikers: Asterix reist nach Italien
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