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Arno Schmidt zum Hundertsten : Ein deutscher Notfall

Der Notstandsdiktator des Erzählens auf einer Fotografie aus dem Jahr 1955. Bild: Arno-Schmidt-Stiftung

Riesige Textmengen, kleinste Zettel, dazu ein Leben abseits der Welt - was man vom Dichter Arno Schmidt weiß, verdunkelt sein Werk oft, statt es zu erhellen. Heute wäre er hundert Jahre alt geworden. Eine Befragung.

          Manchmal verstehen uns die Ausländer am besten. Ein französischer Mathematiker und Literaturfreund, dem man eine Dreiviertelstunde lang Arno Schmidt zu erklären versucht hat, fasst zusammen: „Mais votre Arno Schmidt, c’est Canada Dry!“ Man hat ihm erzählt, dass der Schriftsteller nach Erscheinen seines ersten Erzählungsbandes „Leviathan“ 1949 kaum einen Text mehr zu Papier brachte, der nicht einer theoretischen Überlegung abgerungen oder der Poetik als Problem vorgesetzt wurde. Fotoalben in Prosa, phonetische Schreibweise, Interpunktion als Äquivalent zu Vortragsbezeichnungen in der Musik, Mehrspaltendruckbild als Trennung von Erlebnisebenen, Dialoginszenierung als Treibmittel der Selbstinfragestellung, eine Theorie der „Etyms“ als Sprachteilchenmetaphysik - lieber Himmel, sind wir im CERN oder am Schreibtisch?

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Arno Schmidts schönste Stellen sind Löcher in jenen Konzeptarchitekturen: Wenn er schildert, wie eine Wölfin geht, wenn er das blaugrüne Munkelbild eines Nachtwaldes beschwört, wenn die Natur auflebt bei ihm - „Gras schnurrte nebenher“, „,Rot & Grün paßt nich zu’nander?‘: jeder rotblühende Strauch widerlegt Dich!“ -, dann spürt man vom eisernen Skelett kühner Grundsätze fast nichts, das seiner Prosa tief eingesenkt war. Und erst die derben Witze! Die kann man sich, sagt der Meister, „am Arsch abklavieren“, da braucht man gar nicht gucken „wie ein von hinten Gezeugter“ - weiß Gott: „Ich, an Deiner Stelle, würde meine rechte Hand schlagen, die so ein Buch beim Les’n gehalten hat.“

          Die grollende Avantgarde

          Wer so unterhaltsam sein kann, wo’s ihn zwickt, und seine „Berechnungen“ so schnell vergisst, wo ihn ein Detail verführt, zieht den Groll gerade der Avantgarde auf sich, die ihn vor Spießerzorn beschützen könnte - streng verurteilte ihn etwa der Kollege Oswald Wiener,der ihn einen Pseudo-Experimentellen fand. Unlängst ist Wieners „die verbesserung von mitteleuropa, roman“ von 1969 neu erschienen. Neben dieser Trümmerstätte der Kommunikation wirkt selbst Schmidts stachliges Spätwerk ab „Zettel’s Traum“ (1970) in der Tat wie ein Mischmonster aus Feuilleton, Kreuzworträtsel und Zotenparade.

          Arno Schmidt mit Zettelkasten und Katze, um 1955.

          Aber da lebt dennoch etwas Unbesiegbares in diesem Spät- wie in Schmidts Gesamtwerk, etwas, das von Wieners Attacke verfehlt wird - und das auch andere Anklagen nicht in den Blick bekommen, die sich etwa darüber beschweren, dass das, was bei Schmidt anfangs charmante Tricks sind, später monomane Ticks werden, oder darüber, dass er am Ende so wenig an einem Gegenüber auf gleicher Höhe interessiert war, dass auch sein erotisches Ideal nur mehr das unmündige Mädchen sein konnte, das ihn anhimmelt.

          Passion für Wissenslandschaften

          Für Stoffliches wie Formales ging man ihm immerfort ans Leder - Gerichte jagten ihn wegen Gotteslästerung und Pornographie, ein Verleger strich ihm aus politischer Angst ein Buch zusammen, ein unbedarfter Biograph rügte ihn dafür, dass so wie seine Spätwerkfiguren doch kein Mensch rede (als ob je ein Nachtwächter oder König geredet hätte wie bei Shakespeare - was wollen bloß immer diese Buchstäblichkeitsknödel von Kunst?). Das allerblödeste, aber eben deshalb hartnäckigste Fehlurteil sieht ihn als Angeber, der mit Wissen protzt und dabei auch noch Fehler macht - die ärmsten Erbsenzähler ertappen ihn bei Fremdsprachenschnitzern und mathematisch-physikalisch Halbgarem. Verzerrte Zitate! Schlecht verhehlte Plagiate!

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