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Andreas Maier : Warum mir der Heilige Abend zu heilig ist, um ihn in Gesellschaft zu verbringen

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Andreas Maier Bild: F.A.Z. - Helmut Fricke

Jeder weiß, die Stunden des 24. Dezember, sagen wir von 16 bis 20 Uhr, sind die prekärsten im ganzen Jahr, Schönheit und Traurigkeit liegen so eng beisammen wie nirgends sonst. Es ist ein großes Durchatmen. Das Fest des Erlösers.

          Lange Zeit bin ich an Weihnachten, genauer gesagt am Heiligen Abend, allein geblieben. Der Grund war profaner Natur, aber dennoch wurde das Fest dadurch immer mehr zu einer Erfüllungsstunde. Der Tag hatte stets vergleichsweise turbulent begonnen, nämlich mit dem Besuch einer Wirtschaft. Sowohl in meiner Heimat, der Wetterau, als auch in Frankfurt wird nämlich nach wie vor der Brauch gepflegt, sich am Morgen des 24. Dezember in der Stammwirtschaft einzufinden. In Friedberg, meiner Heimatstadt, waren es die „Dunkel“ und die „Schillerlinde“, in Frankfurt gehe ich ins „Gemalte Haus“ auf der Schweizer Straße.

          In der „Dunkel“ war es stets so voll, dass man teilweise nicht einmal die Einkaufstüte abstellen konnte, wenn man vom Markt kam. Auch das „Gemalte Haus“ ist an Weihnachten so voll wie nie im Jahr. Es sind einfach wesentlich mehr Menschen da, als das Restaurant normalerweise bewältigen kann. Gegen zwölf, ein Uhr steigt die Stimmung gewaltig, teils auch ins Rührselige, das liegt nicht zuletzt an den Schnäpsen, die mit fortschreitender Zeit immer mehr die Runde machen, Korn und Calvados. Es kommen an diesem Tag viele der uralten Gäste, und die Bedienungen kümmern sich herzlich um sie.

          Manche dieser Gäste finden sich nur noch an Weihnachten ein, aber das ist dann auch ganz wichtig für sie. Wenigstens das soll in ihrem Leben noch möglich sein trotz aller Gebrechen, die sie sonst an ihre Wohnung oder ihr Haus binden, oder vielleicht bereits an das Wohnheim. Die Kellner wissen das. Natürlich sind auch deshalb alle so aufgeputscht, weil diese Riesenveranstaltung zugleich eine Art Abschiedsfest ist, nämlich bevor sich alle Beteiligten nun für einige Tage in ihre Familien und in ihre engsten Kreise zurückziehen. Um zwei Uhr schließt die Wirtin die Tür zu, nun kommt keiner mehr herein, und mit der Zeit machen sich die Gäste durch den Hinterausgang auf den Heimweg. Dort steht dann die Wirtin und überreicht jedem Gast das Weihnachtsgeschenk. Jedes Jahr ist es ein anderes, mal ein Schoppenglas mit einer Blutwurst darin, mal ein Glas Apfelmarmelade, mal eine Dose Lebkuchen, alles immer liebevoll verpackt.

          Hat man das „Gemalte Haus“ verlassen, steht Weihnachten bereits unmittelbar bevor. Lange Zeit haben mich die Leute gefragt, wo ich Weihnachten verbrächte. Ob bei der Familie? Das verneinte ich. Ich bliebe einfach zu Hause. Ob denn Freunde kämen? Nein. Ob ich denn nicht meinerseits zu Freunden führe? Nein, sagte ich, ich fahre nach Hause und bleibe dort. Ja, ob das denn nicht traurig sei? Nein, sagte ich, ich würde das schon seit vielen Jahren so machen. Ob ich denn zu ihnen mitkommen wolle? Nein, nein, das sei sehr nett, aber es handle sich ja gar nicht um ein Problem. Ich führe sehr gern nach Hause und bliebe dort. Das machte alle immer fassungslos. Den wahren Grund freilich verriet ich nicht, warum der Heilige Abend mir zu heilig war, um ihn in Gesellschaft zu verbringen.

          Ich hatte lange Zeit Glück, was Weihnachten anging. Ich war noch nicht verheiratet, meine Freundin fuhr am Heiligen Abend immer zu ihren Eltern, und ich fand das auch sehr vernünftig. Ich wollte ihr keinesfalls zu ihrem ohnehin bestehenden Weihnachtsstress noch aufbürden, einige Stunden mit mir zu organisieren. Das hätte Fahrerei von fünfzig Kilometern bedeutet. Da meine eigene Familie irgendwann ebenfalls vor Weihnachten und der Frage, wie sämtliche ihrer Familienmitglieder unter einen Hut zu bringen wären, kapituliert hatte, war ich sozusagen in die Weihnachtsfreiheit entlassen.

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