04.05.2009 · Als Kind in Jerusalem wollte er ein Buch werden, als Schriftsteller schuf er die auf der ganzen Welt gelesene Bibliothek einer Schule der Menschlichkeit: Zum siebzigsten Geburtstag von Amos Oz.
Von Felicitas von LovenbergUm eine Geschichte zu erzählen, braucht man einen Menschen, einen Namen und einen Anfang. Da gehen die Probleme schon los. „Was ist denn ein Anfang? Kann es grundsätzlich überhaupt einen Anfang der Geschichte geben? Es gibt doch immer und ausnahmslos einen Anfang vor dem Anfang.“ Die Art, wie eine Frau sich die Haare aus der Stirn streicht. Ein knurrender Hund. Eine Hand, die einen Regenschirm hält. Das erste, zufällige Treffen der eigenen Eltern.
Wovon er auch erzählt, ob von Literatur und dem Wesen der Poesie („So fangen die Geschichten an“, 1997), von Politik und Religion („Wie man Fanatiker kuriert“, 2002), von Israel und den Israelis („Nenn die Nacht nicht Nacht“, 1995) oder von der eigenen Familie („Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“, 2004), Amos Oz ist unablässig auf der Suche nach dem Anfang vor dem Anfang, nach dem ursächlichen Grund für den Auslöser, der eine Handlung in Bewegung setzt. Darum ragen seine Bücher weit über den Rand dessen, was darin erzählt wird, hinaus und hinein ins Leben ihrer Leser. Auch, wenn ein Roman nur einen Ausschnitt Leben schildern kann, lässt Amos Oz uns das Davor und Danach, das Einerseits und das Andererseits, das Wenndochnicht und das Hätteichbloß erahnen, das eine Begebenheit zur Geschichte und eine Figur zum Charakter macht.
Ein Chor aus privaten Geschichten
In „Verse auf Leben und Tod“, seinem zuletzt auf Deutsch erschienenen Roman, wird dieser zugewandte, aufgeschlossene und aufschließene Blick zum eigentlichen Protagonisten. Ein Schriftsteller absolviert an einem schwülen Sommerabend in Tel Aviv eine Lesung. Die Fragen, mit denen ihn das Publikum löchert, sind ihm vertraut: „Warum schreiben Sie? Warum gerade in dieser Weise? Stammt das Material für ihre Geschichten aus Ihrer Phantasie oder aus dem wirklichen Leben? Was denkt Ihre Ex-Ehefrau über die weiblichen Protagonisten in Ihren Büchern?“ Doch dann, als er im Saal vor den Zuhörern sitzt, kehrt sich der Spieß der Projektion um, fällt der Blick des Autors auf die einzelnen Gesichter – und plötzlich erhebt sich in seiner Vorstellung ein Chor aus privaten Geschichten und möglichen Einzelschicksalen, in dem Wirklichkeit und Fiktion nicht mehr zu trennen sind.
Falls diese Hellhörigkeit und Vielsicht anstrengend sein sollten, so merkt man es Amos Oz selbst so wenig an wie seinem umfangreichen Werk, das als ein fortdauerndes Studium der Menschlichkeit über Romane wie „Mein Michael“ (1968), „Black Box“ (1987) bis hin zu „Allein das Meer“ (2002) nicht nur formal und stilistisch immer weiter wurde, sondern mit der autobiographisch gefärbten „Geschichte von Liebe und Finsternis“ von 2004 auch einen Rang und eine Relevanz erreicht hat, die man nur als Weltliteratur bezeichnen kann. Dabei sind die kleinen Bücher dieses Autors so lohnend wie die großen, allen voran „Sumchi“ (1977), die reizende Hans-im-Glück-Geschichte eines Jerusalemer Jungen, der ein Fahrrad gegen eine Eisenbahn tauscht, die er für einen Hund hergibt, an dessen Stelle er einen Spitzer findet, den er als Liebespfand einsetzt.
Wer schweigt, schweigt
Und in „Plötzlich tief im Wald“ (2006) erzählt Oz von zwei Kindern, die ihre Furcht besiegen und eines langen Tages die verschwundenen Tiere ihres Dorfes suchen gehen. Als sie zurückkehren und erzählen wollen, was sie entdeckt haben, überfällt sie Zweifel: „Wer würde ihnen überhaupt glauben, auch wenn sie alles erzählten?“ Die Strafe der Zweifler sei, schreibt Oz, sofort alles zu bezweifeln, sogar ihre eigenen Zweifel – und schon wird das Märchen nicht nur zur Metapher für den Konflikt mit den Palästinensern, in dem Oz’ Stimme seit Jahren für Ausgleich wirbt, sondern ebenso für den auch in Israel lange verbreiteten Umgang mit der Vergangenheit: „Wer sich erinnert, wird verspottet. Und wer schweigt, schweigt.“
Amos Oz lässt sich ein – darin, so verstehen wir, liegt für ihn der eigentliche Lohn seiner Arbeit. Seine beglückten Leser bringen ihm dafür nicht nur Anerkennung und Zustimmung, sondern jene tiefe Verehrung entgegen, die allein solchen Schriftstellern zuteil wird, deren Güte durch ihr Werk hervorscheint. Am heutigen Montag wird Amos Oz, dieser große Charakterschriftsteller unserer Zeit, siebzig Jahre alt.
Felicitas von Lovenberg Jahrgang 1974, verantwortliche Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben.
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