http://www.faz.net/-gr0-70rln

Alexander Kluges Poetikvorlesung : Lebensläufe gegen die Allmacht der Krise

Das 21. Jahrhundert durchdringen: Alexander Kluge im Hörsaal Bild: Wonge Bergmann

Zurück an alter Wirkungsstätte: Alexander Kluge hält in Frankfurt eine mitreißende Poetikvorlesung und erzählt die treffendsten Geschichten zur Lage der Zeit noch immer selbst.

          Hätte man Alexander Kluge gewähren lassen - diese Assoziation erweckte die diesjährige Frankfurter Poetikvorlesung gleich zu Beginn -, so hätte er wohl die ganze Stadt mit Poesie überzogen. Auf dem Römer wäre eine große Leinwand errichtet worden, die Filmmontagen aus Kluges Werk in einer Dauerinstallation gezeigt hätte, an den U-Bahnsteigen liefen Ausschnitte von Operninszenierungen mit fettgedruckten Untertiteln und auf den Fernsehern der Elektronikmärkte seine besten Interviews. Damit wäre es aber wohl auch gut gewesen. Kluge sucht zwar nach größtmöglicher Wirksamkeit für seine Werke, von der Notwendigkeit poetischer Weltaneignung ist er getrieben, sein Gefühl für angemessene Proportionen aber verlässt ihn nicht.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Größenverhältnisse waren dann auch eines der verborgenen Leitmotive in den bisherigen drei Vorlesungen im Hörsaal 2 des Campus Westend, der zeitweilig ganz im Widerschein einer großen Filmleinwand stand; am vergangenen Dienstag flimmerten sogar gleich drei Bildflächen parallel. Einerseits ist Alexander Kluge, wie er theoretisierend und anhand von Text- und Filmbeispielen deutlich machte, nichts zu klein, um zum Gegenstand seiner poetischen Erzeugnisse zu werden - so rühmte er die Poesie der punktförmigen Elementarteilchen, die auf den von James Joyce erfundenen Namen „Quarks“ hören. Andererseits kann ihm das Kleine nicht groß genug präsentiert werden. Besonders affiziert zeigte er sich, als er auf die Vorführung seiner „Minutenfilme“ während der Filmfestspiele von Venedig 2007 zu sprechen kam: „Die Leinwand in der Sala Grande ist riesig“, erinnerte er sich mit ungewöhnlich fester Stimme, „und wenn Sie da einen von Michael Ballhaus gefilmten Kerzendocht zeigen, der verglüht, und der ist mannshoch - dann bekommen Sie Applaus.“

          Die unsichtbare Schrift der Vorfahren

          Doch auch ohne Großflächenpoetisierung hatten die bisherigen Vorträge bemerkenswerte Ausmaße. Der Hörsaal 2, mit einem Fassungsvermögen von tausend Zuhörern, war jedes Mal fast bis auf den letzten Platz gefüllt, selbst auf den Treppen mischten sich zeitweilig Jung und Alt, in die nahe gelegene Mensa wurde per Video übertragen. Aber auf die Aura Kluges und seine schmeichelnde, immer wie von einer Gänsehaut belegte Stimme wollte dann doch keiner verzichten. Der Achtzigjährige, den man im Fernsehen meist sitzend von der Seite sieht, machte, ganz in Schwarz gekleidet, eine elegante Figur hinter seinem Stehpult, von dem aus er, mit einem Bleistift gelegentlich den Takt vorgebend, ebenso beiläufig Aphorismen über das moderne Arbeitsleben fallenließ wie große Bögen ins Unendliche schlug. Was man zum Beispiel noch nicht wusste: dass die Dinosaurier das Zentrum der Milchstraße wahrscheinlich von einer ganz anderen Seite gesehen haben als wir Menschen. Schlagartig ergab sich ein neuer Blick auf das Universum, begleitet von einem Lachen.

          Zeitgeschichte ist besser als Mensa: Alexander Kluge vor der Auftaktvorlesung
          Zeitgeschichte ist besser als Mensa: Alexander Kluge vor der Auftaktvorlesung : Bild: Wonge Bergmann

          Für Kluge, der an der Universität Frankfurt studiert, gelehrt und seine meisten Filme hier in der Stadt gedreht hat, ist die Poetikvorlesung, und auch das macht seine Auftritte so besonders, eine Rückkehr an die alte Wirkungsstätte. In einem performativen Akt inszenierte er sie sogleich als Einstieg in die Vorlesung selbst: Mit Ausschnitten aus seinem frühen Film „Abschied von gestern“ gelang ihm ein müheloser Übergang in die Zeiten seines eigenen Studiums in Frankfurt-Bockenheim und zugleich eine Überblendung der Wirklichkeit mit der Vergangenheit, auf die er noch oft als artistische Technik zu sprechen kommen sollte. Das ist das Einnehmende an Kluge und seiner Poetologie: wie intensiv er sich allein an zeitlichen und räumlichen Verschiebungen oder, noch einfacher gesagt, am Vergehen der Zeit und daran, wie das Leben so spielt, begeistern kann. Mit den Worten „Das hat mich sehr bewegt“ leitete er immer wieder familien- und weltgeschichtliche Erinnerungen ein. Er zeigte sich als Sucher nach der „unsichtbaren Schrift der Vorfahren“ und ihrer Lebensläufe, die, so Kluge, für Menschen zur „Behausung“ werden, „wenn draußen Krise herrscht“.

          Das Partisanenheer der Libido

          Die Wirklichkeit ist für Kluge selbst der Erzähler, sie bringt die Dinge zusammen und will im rechten Augenblick, dem Kairos, erfasst sein. Es komme nicht darauf an, „Antagonismen zu kitten“, im Gegenteil. Darzustellen sei, durchaus in Fortführung der Kritischen Theorie, wie sich die Gefühle der Einzelnen, etwa „das Partisanenheer der Libido“, der „Pranke der wirklichen Verhältnisse“ widersetzen. Erzählen ist für Kluge eine Frage respektvoller Neugier auf die Dinge, die alle gleichzeitig sprechen wollen, die unterschiedliche Tiefenebenen besitzen, welche es auszuloten und in Beziehung zu setzen gilt.

          Wenn es noch eines Grundes bedürfte, auch die letzte der vier Vorlesungen am 26.Juni um 18.15 Uhr nicht zu verpassen, dann den, dass Kluge es geradezu als Projekt begreift, speziell die Wirklichkeit des 21.Jahrhunderts zu durchdringen. Ob Strauss-Kahn oder Fukushima, die Ökonomie Chinas oder die ausbleibende Revolution in Portugal - die Geschichten, deren Versiegen man angesichts einer thematisch und formal verengten Gegenwartsliteratur häufig schon befürchtet hat, liegen für ihn auf der Straße. „Zeitgeschichte ist besser als Homer“, sagte er einmal leichthin, und auch an dieser Aussage sollte man, gerade weil man Kluges Begeisterung für den griechischen Epiker kennt, nichts kitten. Unsere Zeit ist voller aufregender Geschichten, die angeeignet sein wollen, das fiel einem im Westend wie Schuppen von den Augen. Die treffendsten Geschichten erzählt derzeit Alexander Kluge.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          "Vorwärts immer" Video-Seite öffnen

          Kinotrailer : "Vorwärts immer"

          Regie: Franziska Meletzky Cast: Jörg Schüttauf, Josefine Preuß, Devid Striesow, Alexander Schubert, Marc Benjamin u.a. Produzenten: Philipp Weinges, Günter Knarr Ko-Produzenten: Andreas Richter, Annie Brunner, Ursula Wörner

          Trump spaltet LeBron James und die Cavaliers

          NBA : Trump spaltet LeBron James und die Cavaliers

          LeBron James ist derzeit wohl der beste Basketballspieler der Welt. Nun könnte er die Cleveland Cavaliers wieder verlassen. Das liegt am Klub-Eigentümer – und dem amerikanischen Präsidenten.

          Topmeldungen

          Sahra Wagenknecht in Potsdam

          Krise der Linkspartei : Kompromiss in Sicht

          In der Linkspartei geht es nach umstrittenen Anträgen und der Rücktrittsdrohung von Sahra Wagenknecht hoch her. Doch nun zeichnet sich in Potsdam eine Lösung ab.

          Neuer Finanzminister : Lindner vergrätzt die Union

          „Alles, bloß kein CDU-Finanzminister“, forderte FDP-Chef Christian Lindner im F.A.Z.-Interview. Das kommt beim potentiellen Koalitionspartner alles andere als gut an.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.