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Albert Camus zum Hundertsten : Der Autor verfluchter Bücher

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Die große Stunde im Jahr 1957: Das Foto zeigt Albert Camus, nachdem das Nobelpreiskomitee bekanntgegeben hat, dass er die begehrte Auszeichnung erhält Bild: AFP

So können wir frei, souverän und ohne Angst sein: Albert Camus, der an diesem Donnerstag vor hundert Jahren geboren wurde, hat seine Aktualität nicht eingebüßt. Ein Plädoyer gegen die Vereinnahmung des großen französischen Denkers.

          Das offizielle Gedenken an Albert Camus, der heute hundert Jahre alt geworden wäre, misslingt auf sympathische Weise. Die Tagungen geraten langweilig, die Ausstellungen sind vor allem durch den vorhergehenden Zank bemerkenswert, sogar der geplante Umzug des Sargs aus der Provinz nach Paris, ins Panthéon, sorgte erst für viel Aufregung, bevor nichts daraus wurde. Die Panthéonisierung hätte auch ungefähr allem widersprochen, was Camus je geschrieben und gesagt hat.

          Der Mann braucht selbst als Toter noch Humor. Es ist mit ihm, wie es immer gewesen ist: Je mehr er im Fokus steht, mitten im Licht, desto weniger gleicht er sich selbst. Er gehört da einfach nicht hin. Es ist auch nicht nötig, längst hat jeder seinen privaten Camus. Wie kaum ein anderer französischer Autor des zwanzigsten Jahrhunderts gehört Albert Camus den Leuten, den Lesern. Bis heute ist er der am meisten gelesene, am meisten übersetzte, am meisten gekaufte französische Autor weltweit. Seine Leser finden sich in nahezu allen Schichten, viele von ihnen haben keine akademische Bildung, auch kein Abitur.

          Hinter den Weihrauchschwaden

          Seine Schriftstellerkollegen und die akademischen Philosophen hat das nicht gefreut: Sie haben nach Argumenten gesucht, ihn geringzuachten. „Philosoph für Abschlussklassen“ lautet das berühmte Urteil eines gelehrten Zeitgenossen, das war abwertend gemeint. In unserer Abschlussklasse wurde auch Camus gelesen, und soweit ich es beurteilen kann, hielt sich der Schaden in Grenzen. Aber Schullektüre zu werden ist in gewisser Hinsicht schon ein Fluch. „Der Fremde“, „Die Pest“ und auch „Der Mythos des Sisyphos“ sind in diesem Sinne verfluchte Bücher, Ohrwürmer der Geistesgeschichte. Ihre literarische Klarheit und meisterliche Komposition transzendieren die Umstände ihrer Entstehung und noch die der Rezeption; man meint, sie gerade gestern gelesen zu haben, auch wenn das nicht stimmt. Die Folge ist, dass man sie zu selten zur Hand nimmt und sich mit irgendetwas anderem, vermeintlich Aktuellerem abgibt und doch nicht weiterkommt.

          Camus aber führt uns weiter. Man soll sich nicht täuschen lassen: Dies ist kein gut abgehangener Klassiker, sein Werk wächst – wichtige Teile der Korrespondenz sind noch gar nicht veröffentlicht – und verändert sich. Und die wirklich heiklen Stellen, jene, an denen die europäischen Intellektuellen und die politische Linke gleichsam eine Weiche verpasst haben, mit so blutigen Folgen, die sind gar nicht Teil seines Kanons, es gibt sie zum Teil nicht einmal schriftlich.

          Sisyphos im aufrechten Gang

          Kehren wir beispielsweise zurück zum Nachmittag des 12.Dezember 1957 in Stockholm. Camus hat zwei Tage zuvor den Nobelpreis für Literatur entgegengenommen und trifft nun eine Gruppe von Studenten der Universität zur Diskussion. Zum ersten Mal seit langem kommt er dort auf die Lage in seiner algerischen Heimat zu sprechen. Es wird einer der Schlüsselmomente seines öffentlichen, politischen Wirkens und, wie ich glaube, ein kritischer Moment in der Geschichte des vorigen Jahrhunderts. Ein junger Algerier geht Camus in Fragen sehr kritisch an, holt sich zwischendrin immer wieder Rat und Stichworte bei schwedischen Kommilitonen. Camus stellt fest: „Ich war und bin für ein gerechtes Algerien, in dem beide Bevölkerungsgruppen in Frieden und Gleichheit zusammenleben.“ Doch die Lage habe sich so zugespitzt, dass er keinen Sinn darin sehe, sich zu äußern: „Mir schien es sinnvoller, den geeigneten Moment zum Einigen, nicht zum weiteren Trennen abzuwarten.“

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