Home
http://www.faz.net/-gr2-14lu8
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Albert Camus Das Comeback des ersten Menschen

Lange hatten die Franzosen ein gespaltenes Verhältnis zu einem ihrer größten Schriftsteller. Erst jetzt, da sein fünfzigster Todestag bevorsteht, wird er neu gelesen: Die triumphale Renaissance des Albert Camus.

© AFP Vergrößern Anarchist von radikaler Humanität: Albert Camus im Jahr 1959

„Und jetzt Camus!“ Mit zwanzig Jahren Verspätung hatten die Franzosen den Fall der Berliner Mauer verinnerlicht und der deutschen wie der europäischen Wiedervereinigung einen späten Triumph bereitet. „Und jetzt Camus!“ war der Titel eines Leitartikels in der Euphorie zum 9. November 2009: Auch die Mauern, die man rund um Camus aufgebaut hat, müssen fallen. Es ist Zeit, den Kalten Krieg, der gegen diesen Schriftsteller geführt worden war, zu beenden.

Jürg     Altwegg Folgen:  

Es hat für diese Einsicht nicht zwanzig, sondern fünfzig Jahre gebraucht: Am 4. Januar 1960 war Albert Camus im Alter von siebenundvierzig Jahren bei einem Autounfall im Wagen seines Verlegers Michel Gallimard ums Leben gekommen. Der Nobelpreisträger war der große - wahrscheinlich größte - Dichter des Existentialismus. Er schrieb politische und philosophische Essays, Romane, Theaterstücke, Leitartikel und Reportagen. Im Nachkriegsdeutschland, dessen Kultur am Boden lag, begeisterte er zusammen mit Jean-Paul Sartre und auch noch den Dichtern des absurden Theaters, Ionesco und Beckett, eine neue Generation für die französische Kultur, in der die Dichter und Philosophen eine politische Rolle spielen.

Mehr zum Thema

Die Bedeutung der Atombombe

Der Kalte Krieg trennte Frankreich in zwei unversöhnliche Lager. Die Kultur und die Intellektuellen standen links, waren Mitglieder der Kommunistischen Partei oder zumindest ihre Weggefährten. Sartre verniedlichte den GULag mit dem Hinweis auf die fehlenden Gaskammern. Camus bekämpfte den roten Totalitarismus und weigerte sich, die Literatur Sartres Imperativ des Engagements zu unterwerfen. Mit seinen Positionen wurde Camus zum Opfer des Lagerdenkens, dem er sich entzog. Er ließ sich weder auf den Antifaschismus der Marxisten noch auf den Antikommunismus der Rechten reduzieren.

Camus © dpa Vergrößern Camus 1957, nun auch Träger der Banderole „Prix Nobel”

Schon unter der Besatzung, als Vercors in „Das Schweigen des Meeres“ die Unmöglichkeit eines Dialogs zwischen der deutschen und der französischen Kultur thematisierte, hatte Albert Camus mit der Niederschrift seiner „Briefe an einen deutschen Freund“, der ein Nationalsozialist war, begonnen. Camus ging, wie François Bondy festhielt, „so weit, dem imaginären deutschen Briefpartner zu sagen, sie beide, der Nazi und er, seien von den gleichen Erfahrungen des Absurden und der Abwertung aller Werte ausgegangen“. Hitler ging nicht nur die Deutschen an - aber in Frankreich, das seine Kollaboration verdrängte, blieb der „boche“ noch immer der ausschließliche Bösewicht.

Die Selbstgerechtigkeit der antifaschistischen Säuberungen war Camus fremd. Er unterstützte die Petition gegen die Erschießung des faschistischen Schriftstellers Robert Brasillach - Sartre verweigerte die Unterschrift, de Gaulle lehnte die Begnadigung ab. Am Tag nach den Nürnberger Prozessen forderte er weltweit die Abschaffung der Todesstrafe. Im Spätsommer 1945 hatte Albert Camus als einziger prominenter französischer Intellektueller die Bedeutung und Bedrohung der Atombombe erkannt. In der im Widerstand gegründeten Zeitung „Combat“ reagierte er nach Hiroshima voller Entsetzen auf den „größten Vernichtungsrausch der Menschheit seit Jahrhunderten“: „Die mechanische Zivilisation hat ihren höchsten Grad der Verwilderung erreicht. Man wird in Zukunft zwischen dem kollektiven Selbstmord und der intelligenten Verwendung wissenschaftlicher Errungenschaften wählen müssen.“

Wunderwerk Autobiographie

Der Bruch der Freundschaft zwischen Sartre und Camus war letztlich so unausweichlich wie der Ausbruch des Kalten Kriegs zwischen den Siegermächten. Vollzogen wurde er nach der vernichtenden Besprechung von Camus' philosophischem Hauptwerk „Der Mensch in der Revolte“ in Sartres Zeitschrift „Les Temps modernes“. Die Auseinandersetzung war mehr als eine Meinungsverschiedenheit. Camus wurde mangelnde Revolutionsbereitschaft vorgeworfen und eine „humanistische Gesinnung“ unterstellt. Das war im Paris der fünfziger Jahre und der marxistischen Hegemonie, als auch noch die Historiker François Furet und Le Roy Ladurie der Kommunistischen Partei angehörten, ein Todesurteil: Von den Antifaschisten wurde Camus fortan gehasst, den Antikommunisten blieb er suspekt - sie hatten als politischen Theoretiker Raymond Aron. Noch verzweifelter wurde seine Position mit dem Krieg in der Kolonie: Camus weigerte sich, zwischen Algerien, der Heimat seiner Familie, und Frankreich zu wählen. Auch dem Antikolonialismus sprach er das Recht auf Gewalt - und Gegengewalt - ab.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Kammerspiele Frankfurt Im falschen Film

Zwischen Parodie und Tragödie, Blödelei und ergreifenden Momenten: Alexander Eisenach inszenierte Sartres Drehbuch Das Spiel ist aus an den Frankfurter Kammerspielen. Mehr Von Claudia Schülke

02.03.2015, 15:00 Uhr | Rhein-Main
Monaco Albert und Charlène zeigen ihren Nachwuchs

Rund einen Monat nach der Geburt haben Fürst Albert II. von Monaco und seine Gemahlin Charlène ihre Zwillinge der Öffentlichkeit vorgestellt. Mehr

07.01.2015, 13:41 Uhr | Gesellschaft
Herzblatt-Geschichten Im Griff der Wrestlerin

Promis Fremdgehen zu unterstellen, ist die Paradedisziplin der Klatschblätter: Diesmal trifft es Fürst Albert – und Günther Jauch und Thomas Gottschalk. Ihnen wird mehr als eine Männerfreundschaft unterstellt. Die Herzblatt-Geschichten. Mehr Von Jörg Thomann

22.02.2015, 12:05 Uhr | Gesellschaft
Monaco Fürstin Charlene von Monaco bringt Zwillinge zur Welt

Fürst Albert II. und die Monegassen freuen sich über die guten Nachrichten. Mehr

14.12.2014, 13:27 Uhr | Gesellschaft
Deutschland und seine Nachbarn Die Nazi-Keule wird weggepackt

Von Schuld und Schulden: Die historische Angst vor Deutschland bei Franzosen, Italienern und Schweizern ist verflogen und einer regelrechten Begeisterung gewichen. Besonders das politische System wird gelobt. Mehr Von Jürg Altwegg

05.03.2015, 12:10 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 01.01.2010, 08:05 Uhr