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100 Jahre Peterchens Mondfahrt : Fahren wir Schlitten auf der Milchstraße?

Vor hundert Jahren tat sich Gerdt von Bassewitz mit dem Maler Hans Baluschek zusammen und schuf „Peterchens Mondfahrt“, eines der beliebtesten Theaterstücke für Kinder.

          Die Antwort kam prompt. Am 9. März 1917 war der Brief des Lexikographen Franz Brümmer eingetroffen, bereits am Tag darauf machte sich Gerdt von Bassewitz daran, Brümmers Bitte um eine biographische Skizze zu erfüllen. Diese Eile mag damit zusammenhängen, dass ein Brief von Brümmer wie ein Ritterschlag war, denn mit seinen Schriftstellerlexika, für die er die autobiographischen Texte einforderte (oder eben nicht), war Brümmer derjenige, der für den damaligen Literaturbetrieb entschied, welchen Autor man ernst nehmen musste - in Brümmers Nachlass finden sich noch heute etwa zehntausend solcher Biogramme.

          Wie gelangte nun Gerdt von Bassewitz in diesen Kreis? Der 1878 geborene Autor hatte eine Reihe von Theaterstücken geschrieben, die kaum aufgeführt wurden und wenn, dann nicht lange. Mit einer Ausnahme: „Peterchens Mondfahrt“, erschienen 1912 bei Kurt Wolff, wurde nach der Leipziger Uraufführung auch an zahlreichen anderen deutschen Bühnen ein großer Erfolg und machte seinen Verfasser schlagartig berühmt.

          Auch Bassewitz schrieb also zurück und erklärte noch schnell, warum ihn Brümmers Brief erst über Umwege erreichte - er sei seit nun mehr als zwei Monaten Patient im Sanatorium Dr. Sinn in Neubabelsberg, „wo ich mich zur Wiederherstellung meiner im Felde und durch mancherlei Sorgen sehr heruntergekommenen Nerven aufhalte“. Dass er nicht das erste Mal wegen psychischer Probleme stationär behandelt wurde, teilte der offenherzige Bassewitz auch mit - der behandelnde Arzt habe ihm zu absoluter Ruhe geraten, er aber hatte unbedingt an die Front des Ersten Weltkriegs gewollt, bis er dann im März „auf Grund eines kleinen Ärgers über die Unaufrichtigkeit eines Offiziers einen vollkommenen Zusammenbruch“ erlitt. Nun war er, nach Genesungsaufenthalten im Taunus und im Schwarzwald, im zehn Jahre zuvor eröffneten Nobelsanatorium des Aachener Nervenarztes Richard Sinn gelandet, wo ihn Brümmers Brief erreichte.

          Ein reizbarer Offizier

          Die Antwort ist eines der wichtigsten Dokumente zum Leben des Autors überhaupt. Und zeigt Bassewitz von einer Seite, die auf den ersten Blick kaum zu dem Verfasser eines der noch immer meistgespielten Kindertheaterstücke passen mag. Ein reizbarer Offizier - „groß, nervös, trockenes Gesicht“, so beschreibt ihn Franz Kafka 1912 -, der wegen eines Herzfehlers aus der Armee ausscheidet, als Theaterautor Verschwörungen im Publikum und absichtliche Sabotage der Regie gegen seine Werke wittert, dessen Bücher für ein erwachsenes Publikum schließlich wenig Vertrauen in sein literarisches Vermögen einflößen, allen voran die 1911 publizierte „Schahrazade“ nach der Rahmenerzählung von „Tausendundeine Nacht“.

          Bassewitz behält die Grundkonstellation bei, er bringt einen Kalifen auf die Bühne, der wegen der Untreue seiner Gemahlin nun allen Frauen misstraut und jede Nacht mit einem anderen Mädchen seines Volkes schläft, um sie am nächsten Morgen umbringen zu lassen. Während aber die kluge Wesirstochter in der Vorlage dem Morden ein Ende machen will, Nacht für Nacht ein Märchen erzählt und so den Kalifen schließlich durch geschickt gewählte Stoffe geradezu umerzieht, erklärt in Bassewitz’ Stück Schahrazade dem Kalifen ihre Liebe gerade wegen dessen ungeheurer Misogynie: „Doch Herr, daß ich aus deiner Taten Art / Es lesen muß, daß du die Frauen liebst, / Wie noch kein Mann vor dir, da deine Liebe / So haßgewaltig ist, daß ihre Rache / Nicht stirbt am Jammer eines ganzen Volkes / Und dir des Zweifels Otter neu erzeugt / Mit jedem Frauenantlitz, das du siehst; / Dies weckte mich im Allertiefsten auf.“ Schahrazade versteigt sich jedenfalls zu dem Ausruf, dass „jedes Weib an Allah danken sollte / Wie ich, daß du auf Erden wandelst, König!“

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