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Mittwoch, 19. Juni 2013
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100 Jahre Echtzeitkommunikation Kafka erweckt das Internet und fürchtet sich

 ·  Am 20. September vor hundert Jahren schreibt Kafka den ersten Brief an Felice Bauer. Eine der ungewöhnlichsten Korrespondenzen ihrer Zeit beginnt. In seinen Briefen nimmt Kafka die Medienrevolution des 21. Jahrhunderts vorweg.

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© Reiner Stach / S. Fischer Verlag Daumenkino: Felice Bauer präsentiert den Parlographen

Das Jahr 1912 ist für die deutsche Post so erfolgreich wie keines zuvor. Mehr als sechs Milliarden Briefe werden ausgeliefert, 17 000 Eisenbahnzüge dazu laut den Statistiken eingesetzt. In Berlin wird die Post achtmal am Tag zugestellt, auch sonntags, in Prag immerhin zweimal. Und ein gerade 29 Jahre alt gewordener Prager Versicherungsjurist, Angestellter bei der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt, schwimmt mit mehr als zweihundert privaten Briefen in nur einem Jahr auf der anschwellenden Mitteilungswelle des nicht mehr allzu frischen Mediums ganz obenauf. Bis zum Äußersten strapaziert er die Grenzen der botenüberbrachten Intimitätsbezeugung und präsentiert die von Telefon und Telegrafie bedrohte Mitteilungsform noch einmal in ihrer ganzen Kraft. Mehr als fünfhundert Briefe wird er von Prag aus an Felice Bauer, Vertriebsleiterin für Diktiergeräte bei der Lindström AG in Berlin, schreiben, zeitweise verschickt er sie mehrfach am Tag. Es fallen Sätze wie dieser: „Vorläufig schicke ich diesen Brief so weg, ich schreibe heute wohl noch einige Male.“

Kennengelernt hatte er Felice Bauer am 13. August im Haus seines Förderers Max Brod in Prag, körperlich ist Franz Kafka, der gerade von einem Sanatoriumsaufenthalt zurückgekehrt ist, so fit wie lange nicht, angeregt zudem von einem schöngeistigen Weimar-Aufenthalt, bei dem er die Hoffnung entwickelte: „Wenn es wahr wäre, dass man Mädchen mit der Schrift binden kann!“ Im Gepäck hat er das Manuskript seiner ersten Buchveröffentlichung, einer Prosasammlung namens „Betrachtung“, es soll nur noch die Reihenfolge der Stücke festgelegt werden. Kafka ist an diesem Abend für seine Verhältnisse äußerst lebhaft, einmal sogar schlägt er - gerade hat Felice erwähnt, dass sie „mit Vergnügen“ Abschriften von Manuskripten erstellt - vor Überraschung auf den Tisch, als wolle er sagen „Potzblitz, das ist eine Frau fürs Leben“. Wir werden auf den genauen Schlüsselreiz dieses seltenen Gefühlsausbruchs noch zurückkommen, der auch Kafkas Dichtungsverständnis im Kern berührt.

Am Ende des Abends, an dem er Felice, die sich als Zionistin erwiesen hat und die ihm „zum Seufzen“ gefällt, das Versprechen einer gemeinsamen Palästina-Reise abgerungen hat, bringt er sie mehrfach stolpernd und wortkarg ins Hotel, wo er, als sei die Situation nicht kafkaesk genug, in der Drehtür mit ihr zusammenstößt. Die Blumen, die er ihr am nächsten Morgen eigentlich überbringen wollte, verwirft er.

Erst am 20. September, mehr als fünf Wochen später, kann er sich nach nächtelangem Grübeln zu einem ersten Brief durchringen, er schreibt, betont förmlich, unter dem Briefkopf seiner Versicherungsanstalt. Sie antwortet ihm rasch, lässt sich auf seine immer distanzloser werdenden Freundschaftswerbungen ein und erhält von ihm in den nächsten Wochen und Monaten herzergreifende Zeilen voller Selbstzweifel und Witz, Annäherung und Abwehr. Es ist einer der ungewöhnlichsten Briefwechsel, die das Licht der Öffentlichkeit jemals erblickt haben, und doch kommt einem hundert Jahre später vieles daraus erstaunlich bekannt vor. Mit den sparsamen Mitteln seiner Zeit versucht Kafka eine Echtzeitkommunikation herbeizuführen, die für uns heute wie selbstverständlich wirkt. Erwartet hätte man sie bei dem Kritiker jeglicher Form von Überwachungseifer nicht.

Ein echter Kafka-Angsttraum

Alles, wirklich alles will Kafka schon im zweiten Brief über die Frau, mit der er sich zweimal verloben und ebenso oft entloben wird, wissen: wann sie ins Büro kommt, was sie frühstückt, wohin die Aussicht aus ihrem Bürofenster geht, wie ihre Freunde und Freundinnen heißen - verschärfte soziale Netzwerkneugier würde man das heute wohl nennen. „Und Gruppenaufnahmen aus dem Bureau gibt es nicht? Ansichten der Bureaulokalitäten? Der Fabrik? Der Immanuel-Kirch-Straße? Prospekte der Fabrik?“ Nach einem Theaterbesuch Felices interessiert ihn nicht das Stück des Abends, sondern wie sie angezogen und wie das Wetter war.

Dass er ein „Quälgeist“ ist, weiß Kafka. Doch er leidet wie ein Hund, wenn kein neuer Brief von Felice kommt, er macht ihr Vorhaltungen, schaltet gemeinsame Bekannte ein, schimpft auf die „elende Post“, schickt zeitweilig nur noch Einschreiben und entschuldigt sich dann für die angeforderten Empfangsbestätigungen. Wenn sich Felice unwohl fühlt, sendet er besorgt Telegramme, Stunden später zählt er ihr wieder die unbeantworteten Briefe vor, legt neuen Briefen alte Entwürfe bei, schickt zuweilen jüngere Nachrichten vor älteren ab, nicht ohne die Kenntnis der älteren vorauszusetzen. Ein heilloses Durcheinander.

„Wie kann eine Frau das aushalten“, fragte sich Marie Luise Kaschnitz nach der erstmaligen Veröffentlichung des Briefwechsels 1967 in einer Rezension für den „Spiegel“, „diesen Katarakt der Gefühle, dieses ewige Betteln um Briefe, und dazu den postalischen Wirrwarr, ein echter Kafka-Angsttraum.“ Felice Bauer kann es aushalten. Sie lässt sich von Kafka, der beim ersten Kennenlernen, wie sie später schreibt, keinen bleibenden Eindruck bei ihr hinterlassen hatte, förmlich mit Worten und Erwartungen in ein unentwirrbares Netz von Briefbezügen einspinnen, in dem Kafka sich auf der anderen Seite zu einem unentbehrlichen Partner verpuppt.

Anfang Dezember erwächst bei ihm aus der Wunschvorstellung einer angestrebten Unmittelbarkeitskorrespondenz eine hellsichtige Vision, die ihn zugleich fasziniert und abstößt: Er träumt von einem Mitteilungsapparat, „derartig konstruiert, dass man nur auf einen Knopf drücken musste und sofort erschien auf dem Papierbändchen die Antwort aus Berlin . . . Was war das für eine Freude, als die ersten Schriftzeichen . . . erschienen.“ Allerdings wird er in der ausgespuckten Nachricht als „Nimmersatt“ bezeichnet, und wir Briefleser kommen nicht umhin festzustellen: Wenn es die Echtzeitkommunikation und das Internet nicht schon gäbe, nach den Bedürfnissen und Träumen des Prager Nerd-Vorläufers könnte man sie entwickeln.

Einen weiteren virtuellen Meilenschritt vollzieht Kafka im Brief vom 5. November. Nachdem er Felices Adresse nur mit Mühe herausgefunden hatte - „man weiß ja in Prag gar nicht bestimmt, ob Sie in Nr. 20 oder 30 wohnen“ -, versetzt er sich, fast wie die Pegman-Figur bei Google Street View, direkt vor Felices Haustür. Er hat sie von Jizchak Löwy in Augenschein nehmen, man könnte auch sagen „scannen“ lassen, einem polnischen Schauspieler, zu dem er eine veritable Facebook-Freundschaft unterhält: „Er schreibt mir nämlich sehr oft und schickt mir auch sonst Bilder, Plakate, Zeitungsausschnitte und dgl.“

Und auch den Twitter-Tweet nimmt Kafka in forcierter Analogizität vorweg, wenn er Felice drei Wochen später vorschlägt, sie sollten sich doch „Zeitungsnachrichten“, die ihnen „aus irgendeinem Grund überraschend waren“, gegenseitig zuschicken. Kaum mehr vorstellbar hingegen ist die Schwere der Gedanken, die sich beide darüber machen, wie sie die Fotos und Bücher zurückbekommen, die sie postalisch ausgetauscht haben. Von „Copy und Paste“ oder dem Filesharing ist man im Jahr 1912 zwar noch weit entfernt, allerdings versuchte man, was bei Polemiken gegen das heutige Medienverhalten in sozialen Netzwerken oft vergessen wird, schon vor hundert Jahren fast die gleichen Informationen und Vorlieben zu teilen wie heute. Zum Kopieren von Texten verwendet man vorerst aber noch das Kohlepapier - auch von dem ersten Brief an Felice hat Kafka einen Durchschlag angefertigt -, und die Musikindustrie darf sich damals noch im Expansionsstadium wähnen. Sie ernährt auch Felice, die bei Odeon, der damals größten Plattenfirma Deutschlands, als Stenotypistin ihre berufliche Laufbahn beginnt und bei der Lindström AG, die Odeon aufkauft, auch für Grammophone zuständig ist.

Aber bitte nur auf Schallplatte

Zwar hat Kafka zur Musik kein ausgeprägtes Verhältnis, Grammophone mag er nicht, sie sind ihm zu laut, ihr Ton ist ihm zu schlecht. Angetan aber zeigt er sich von einem Pariser Grammophongeschäft, dessen Erlösmodell wir heute vielfach im Netz wiederfinden: „Dort hat die Firma Pathé auf irgendeinem Boulevard einen Salon mit Pathephons, wo man für kleine Münze ein unendliches Programm (nach Wahl an der Hand eines dicken Programmbuches) sich vorspielen lassen kann.“ Das Jahr 1912 zeigt die Medienlandschaft in großer Bewegung - und Felice, die als Frau der damaligen Zeit ungewöhnlich schnell Karriere macht, ist mittendrin im Geschehen.

Sogar ein Telefon hat sie schon zu Hause stehen, aber Kafka ruft nicht an. Vor dem damals noch voluminösen Apparat, der ja auch in seinen Werken meist eine störende, mysteriöse Rolle spielt, hat er Angst, wie er mehrfach betont. Gerne würde er Felices Stimme hören, aber bitte nur auf Schallplatte, tausend Exemplare würde er abnehmen, schreibt er schmeichelnd, wenn das möglich wäre.

Seine Abneigung gegen Ferngespräche und Hörapparate hält ihn jedoch nicht davon ab, zu Felices Anregung neue Audio-Medien und Vertriebsformen zu erfinden. So denkt er am 22./23. Januar 1913 darüber nach, wie man das Telefon mit dem Parlographen und dem Grammophon kombinieren könnte, eine Idee, die ihn geradezu elektrisiert: „Das hätte natürlich ungeheure Bedeutung für Redaktionen, Korrespondenzbureaus u.s.w.“ Kaum zu glauben, wie treffsicher Kafka hier technische Entwicklungen vorausahnt, die erst durch die digitale Datenübermittlung möglich werden und durchaus den Fähigkeiten des heutigen Smartphones entsprechen, inklusive Anrufbeantworter, MP-3-Player und Spracherkennungssoftware.

Kult des Analogen

Besäße Kafka heute ein solches Smartphone? Telefoniert wird mit den neuen Alleskönnern ja ohnehin nicht mehr viel, und den blechernen Grammophontrichter haben die Kopfhörer ersetzt. Könnten wir ihm bei Twitter und Facebook folgen? Die Frage kann man ziemlich eindeutig beantworten: So groß Kafkas Sehnen nach Dauerkommunikation mit Felice ist, so inspiriert er, um ihr zu gefallen, neue Medienformate ausheckt - einen Minicomputer hätte er sicher nicht besessen. Multitasking, das für ihn schon mit dem Beantworten von Felices Briefen im Büro beginnt, hasst er inständig, Touristen, die Schnappschüsse machen, statt ein Reisetagebuch zu führen, verachtet er aus ganz grundsätzlichen Erwägungen. Ein dauerbereites Smartphone hätte auch seinen traumartigen Dämmerzustand aufgehoben, aus dem heraus er nach Dienstschluss seine literarischen Werke schöpft. Zwar möchte Kafka auf regelmäßige Briefe von Felice nicht verzichten, doch immer zahlreicher werden seine Vorschläge, Sendepausen einzulegen, „sonst überströme ich von Ideen“.

Während er vor Grammophonen und Telefonen „Angst“ hat, findet er Felices Hauptgeschäft, das Diktiergerät „Parlograph“, eines der raffiniertesten technischen Geräte seiner Zeit, einfach nur „unmäßig langweilig und unpraktisch“. Im Brief vom 2. Oktober heißt es: „Ich bin glücklich, einem lebendigen Menschen diktieren zu können (das ist meine Hauptarbeit), der hie und da, wenn mir gerade nichts einfällt, ein wenig einnickt . . . und mich unterdessen ruhig aus dem Fenster schauen lässt.“ Wie kein Zweiter seiner Zeit trägt Kafka das Für und Wider neuer technischer Kommunikationsformen in sich aus - zu der höchst widersprüchlichen Bedeutung des Parlographen für Kafkas Dichtungsverständnis kommen wir später noch zurück.

Und das ist die andere Seite von Kafkas medialem Avantgardismus, den er durch einen Kult des Analogen kontrastiert: Der ideale Bote ist nach den vielen verlorenen und unpünktlichen Briefen für ihn immer noch einer, der Kafkas Schreiben in Prag persönlich entgegennimmt und Felice in Berlin in die Hand übergibt, Einschreiben sind nur ein Surrogat dieses Wunschtraums. Immer wieder versucht er, seine Briefe mit haptischen Qualitäten aufzuladen. Entzückt ist er von einer mitgesandten Blume Felices, er selbst bevorzugt brieflich überbrachte Küsse oder Sprachbilder wie das folgende, mit dem er das Ablegen der Höflichkeitsform zwischen ihnen feiert: „Das ,Sie’, das gleitet wie auf Schlittschuhen, in der Lücke zwischen 2 Briefen kann es verschwunden sein, man muss dahinter her jagen mit Briefen und Gedanken . . ., das Du aber, das steht doch, das bleibt wie Dein Brief da, der sich nicht rührt und sich von mir küssen und wieder küssen lässt.“ Was Kafka hier ausbreitet, ist eine selbstbezügliche 3D-Literatur, die in einer E-Mail verpuffen würde, als handbeschriebenes Stück Papier in Händen der Phantasie aber neue Räume erschließt - wobei man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass er diese Form des vergegenwärtigenden Schreibens auch deshalb so gut beherrscht, weil sie ihm gestattet, das nächste persönliche Treffen mit Felice hinauszuzögern. „Dein Morgenbrief hat mich zu Dir hingezogen wie mit Händen“, schreibt er, der Zug nach Berlin aber fährt wieder einmal ohne ihn ab.

Manische Mediennutzung

Im Grunde weiß Kafka nur allzu gut, dass der Briefverkehr ihm Felice nicht wirklich näherbringt: „Wir peitschen einander mit diesen häufigen Briefen. Gegenwart wird ja dadurch nicht erzeugt, aber ein Zwitter zwischen Gegenwart und Entfernung, der unerträglich ist“, schreibt er am 18. November und nimmt damit die massive Sprach- und Medienskepsis vorweg, die er zehn Jahre später in einem Brief an Milena Jesenská formulieren wird. Von „Gespenstern“ der verbal-distanzierten Verständigung spricht er dort, welche der Mensch mit technischen Mitteln („Post“, „Telegraph“, „Telephon“) zu beherrschen glaubt. In Wahrheit aber treiben sie ihn in den Untergang.

Wozu dann aber die ganze Briefflut nach Berlin, warum besucht er die Geliebte nicht so oft er kann, heiratet sie gar? Ihr wäre es nur recht. Es muss sich etwas Höheres hinter Kafkas zuweilen fast manischer Mediennutzung verbergen. Er selbst nennt es Liebe, nachweislicher ist es eine besondere Form der Inspiration, die von Felice ausgeht. Denn genau zu der Zeit, in der er den Briefwechsel mit ihr aufnimmt, reift er zum Schriftsteller. Nur zwei Tage nach dem ersten Brief schreibt er in einer einzigen Nacht „Das Urteil“ nieder, den ersten Text, der ihn literarisch vollauf befriedigt. In den fortgesetzten Felice-Jahren entstehen „Der Verschollene“, „Die Verwandlung“, die Arbeit am „Prozeß“ wird aufgenommen. Es ist eine der kreativsten Phasen in Kafkas Leben.

Worin aber besteht die Inspiration durch Felice - erschreckend uninspirierend war ja der erste Eindruck, den Kafka in seinem Tagebuch von ihr festhält, „ihr knochiges leeres Gesicht, das seine Leere offentrug“. Um diesen Widerspruch aufzulösen, müssen wir zurückkehren zu Kafkas Schlag auf den Tisch im Hause Brod.

Warum hatte es ihm am 13. August ausgerechnet die Tatsache, dass Felice gerne Manuskripte abtippt, angetan? Eigentlich würde man dieses Detail nicht besonders betonen wollen, doch Kafka nimmt in seinem ersten Brief den Faden auf und preist die belebenden Kräfte der Scheibmaschinen-Mechanik: „wenn auch einmal meine Laune zu einem Brief nicht hinreichen sollte, so sind . . . die Fingerspitzen zum Schreiben immer noch da“. Und auch die hier erwähnte mangelnde Laune würde man wohl überlesen, läge es nicht nahe, sie mit den Schreibschwierigkeiten in Beziehung zu setzen, die Kafka im zweiten Brief schildert und die sich darin äußern, dass er seine fragmentarischen Wahrnehmungen und Überlegungen nicht in eine Ganzheit zu überführen imstande ist. Er hat die Teile in der Hand, was fehlt, sind die „Übergänge“: „Setze ich mich . . ., um den gemerkten Satz zu schreiben, sehe ich nur Brocken, die da liegen, sehe weder zwischen ihnen durch noch über sie hinweg.“ Was Kafka hier am Beispiel einer Briefblockade beschreibt, entspricht wiederum genau den Schwierigkeiten, die ihn beim Verfassen literarischer Texte überkommen und die Max Brod Felice am 15. November schildert.

Die Öffnung in der Brust

Felice aber scheint diese Schwierigkeiten zu beseitigen, Kafka schreibt sich für sie nicht nur in einen Briefrausch, sondern erlebt in der Nacht des 22. September, in der „Das Urteil“ entsteht, erstmals in seinem Leben jene kreative Stimmung, die es ihm ermöglicht, zusammenhängende literarische Werke seinem Ideal gemäß in einem Schwung niederzuschreiben: „Nur so kann geschrieben werden, nur in einem solchen Zusammenhang, mit solcher vollständigen Öffnung des Leibes und der Seele“, heißt es im Tagebuch.

Wie aber bewirkt der „gute Stern“ mit dem „glückbringenden Namen“ Kafkas Öffnung? Zum einen ist Felice für Kafka „Repräsentant der Welt“ außerhalb der verhassten, ihn lähmenden Familienstruktur. Max Brod, der Literat, kann diese Rolle für Kafka offenbar nicht ausfüllen. Kafka wählt die literarisch eher unbeschlagene Felice als Muse: unkonventionell, lebenspraktisch, mutig. Er rechnet gar nicht damit, dass sie seine Werke wirklich versteht, es ist ihm aber wichtig, sie ihr zu widmen und bei nächster Gelegenheit laut vorzulesen.

Zurück zu Felices Kopier-Freude - welche Bedeutung könnte sie für Kafkas literarische Produktion haben? Entscheidend ist wohl die Tatsache, dass Felice Texte ohne Ansehen ihrer Verständlichkeit verarbeitet und zu einem publizierbaren Abschluss bringt. Wobei dieser mechanische Vorgang auf Kafka keinen Druck, sondern einen angenehmen Sog ausübt. Seit dem Abend ihres Kennenlernens ist ihm „ein Gefühl“ vertraut, als hätte er „eine Öffnung in der Brust, durch die es saugend und unbeherrscht ein- und auszog“.

Die perfekte Muse

An dieser Stelle kommen das Daumenkino und der Parlograph ins Spiel. Betrachten wir die von Felice in dem Werbefilm vorgeführte Textverarbeitung genauer, so wäre Kafka dabei derjenige, der in das Mikrofon ihres Diktiergeräts spricht - im Falle des Lindström-Parlographen sieht es bezeichnenderweise schon wie eine Saugvorrichtung aus. Felice würde Kafkas Worte abhören, sie gingen durch ihren Körper in die Fingerspitzen und bereiteten ihr allein als eine Abfolge mechanischer Anschläge „Vergnügen“. Felice käme bei dieser Dienstleistung nicht die nachträglich bewertende Rolle zu, die etwa Molières Magd noch für den Dichter einnahm, Felice erinnerte vielmehr an die Figur der Schwester in Kleists Verfertigungs-Aufsatz, die den Erzählenden allein dadurch inspiriert, dass sie eine Bewegung vollführt, als ob sie ihn „unterbrechen wollte“. Im Falle Felices ginge der Impuls ebenfalls von den Händen aus, allerdings solchen, die sich in Bereitschaftsstellung zum ersten Maschinenanschlag befinden. Wenn Kafka nicht weiterweiß, genügt die Vorstellung Felices als sitzender Dea ex Machina - wenn ihm die Laune zum Schreiben fehlt, sind ihre Fingerspitzen „immer noch da“.

Anfang Dezember schreibt Kafka über seine Leidenschaft, eigene oder fremde Texte öffentlich vorzutragen, wobei es sehr laut werden konnte: „Weißt Du, Menschen kommandieren oder wenigstens an sein Kommando zu glauben - es gibt kein größeres Wohlbehagen für den Körper.“ Das ist sein analoges Gefühl zu ihrem „Vergnügen“. Und was er an anderer Stelle am Parlographen bemängelt, ist im Grunde das, was er als Dichter zuweilen braucht: „Wie werden dem armen, von Natur aus langsam arbeitenden Verstand die Gedanken in einer langen Schnur abgezwungen!“

Für Kafka ist Felice die perfekte Adressatin. Sie ist unbestimmt und zugleich entschlossen, ein Sog geht durch ihren Körper bis zu Kafka hin, und zugleich ist sie - nicht weniger wichtig - sein imaginiertes Tor zur Welt, die perfekte Partnerin für eine nie ausgeführte „Palästinareise“ ins Gelobte Land.

Ihre Anwesenheit in einer gemeinsamen Wohnung aber ist nicht erwünscht. Ungezählt die Briefpassagen, in denen Kafka über die Unvereinbarkeit von Ehe und Schriftstellerei nachdenkt. Dennoch: dass Kafka ihr „Das Urteil“ widmet, ist nur allzu angemessen, als Fräulein Bürstner tritt Felice auch im „Prozeß“und anderen Werken in Erscheinung. Kafka hat selbst darauf hingewiesen.

Die Sendepausen sind verschwunden

Es ist erstaunlich, welch entscheidende Rolle, folgt man dieser Argumentation, für Kafka die neuen Medien in ihrer mechanischen Stupidität spielen und wie engagiert er das alte Medium des Briefs an Zukunftsentwicklungen heranführt. Ohne die Sendepausen aber, die sich ihm durch mediale Unzulänglichkeiten ergeben, ohne das Sehnen nach der abwesenden Felice und dem großen literarischen Wurf käme der kreative Akt nicht in Gang: „Ich muss Unsicherheiten in mir aufhäufen, ehe sie eine kleine Sicherheit oder ein Brief werden“, hieß es im zweiten Brief an Felice.

Die technischen Übertragungslücken sind es, die uns heute von Kafka, mit dem uns sonst so viel verbindet, trennen. Die Sendepausen haben in den letzten hundert Jahren massiv an Raum eingebüßt. Statt des Dämmerzustands, in dem Kafka sein Inneres abruft, dämmern wir vor unseren Bildschirmen dahin und lassen uns unsere Lebensgeschwindigkeit von einem vermeintlich maßgeblichen Außen vorgeben. In seinen Briefen hält Kafka uns den Spiegel vor: So, wie er es zu seiner Zeit erträumte, kommunizieren wir heute tatsächlich. Doch Kafkas Spiegel hat blinde Stellen - Übermittlungsfehler, Datenlücken und Idiosynkrasien, mit denen er seine Freiheit als Schriftsteller und seine Würde als Sonderling bewahrt. Noch heute gleitet durch diese Lücken „wie auf Schlittschuhen“ Kafkas „Du“ zu uns. Und wir fragen uns bei der Lektüre der Briefe an Felice, ob sich das Ich in einer Zeit ohne Sendepausen noch in vergleichbarer Komplexität auszudrücken versteht.

Zu einem der beeindruckendsten Sätze, die sich in Kafkas Briefen finden, gehört jener aus der Korrespondenz mit Felices Freundin Grete Bloch, die in einem Seitenzweig des Briefwechsels mit Felice plötzlich als Vermittlerin, erotischer Attraktor und auch als Anklägerin auftritt: „Sie saßen zwar im Askanischen Hof als Richterin über mir“, schreibt Kafka an Bloch, nachdem sie durch eine Indiskretion zur Auflösung der ersten Verlobung beigetragen hatte, und er ergänzt: „es war abscheulich für Sie, für mich, für alle - aber es sah nur so aus, in Wirklichkeit saß ich auf Ihrem Platz und habe ihn bis heute nicht verlassen.“

Hundert Jahre später muss man sagen: Wir können über Kafka heute gar nicht mehr zu Gericht sitzen, ohne es über uns selbst zu tun. Wer hätte gedacht, dass wir ihm, dem Bindungsängstlichen, dem überzeugten Kinderlosen, dem Vegetarier, Diätbegeisterten und Kommunikationsverzweifler, der sich 1912 noch so sehr als Außenseiter fühlen musste, im Jahr 2012 so nahe sind wie nie zuvor.

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Jahrgang 1971, Redakteur im Feuilleton.

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