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50 Jahre Gruppe 47 in Amerika : Wir brauchen eine neue Gruppe

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Die berühmteste Klassenfahrt des deutschen Literaturbetriebs: Vom 22.-24 April 1966 tagte die Gruppe 47 in Princeton Bild: Renate von Magoldt

Sollte es wieder einen Zusammenschluss einiger Autoren geben? Ja, meint unser Autor Simon Strauss, er könnte der Literatur neue Impulse geben.

          Lange nicht schienen die Zeichen der Zeit so günstig für eine außerbetriebliche Opposition. Lange nicht standen die Chancen so gut für die Gründung einer Gruppe, die ihre eigenen Regeln bestimmt, sich absetzt vom Gehabten, Avantgarde sein will. Während in der Politik die Neuetablierung von Parteien und „Denkfabriken“ zum Alltag gehört, hat die Kunst und besonders die Literatur das Kollektiv als formbildenden Impuls seit einiger Zeit verabschiedet. Nicht zu ihrem Vorteil.

          Seit der Antike, seit den Akademien und Schulgründungen um Philosophen, hat die Bildung einer Gruppe, einer Sinn-, nicht Zweckgemeinschaft immer dazu gedient, neue schöpferische Energie in Umlauf zu bringen. Vom „Scipionischen Kreis“ um den kunstliebenden römischen Feldherrn Scipio Aemilianus bis zur „Bloomsbury Group“ um Virginia Woolf, von der Pléiade bis zu den Futuristen war der Zusammenschluss unter einem gemeinsamen ideellen Banner wichtiges Heilmittel, um der bitteren Erfahrung eines dominierenden Mainstreams etwas Eigenes, Anderes entgegenzusetzen. Immer ging es dabei auch um das identitätsstiftende Geheimnis, die kerzenscheinflackernde Aura des ästhetischen Widerstands.

          Bedeutet Gemeinschaft Gefahr?

          In Deutschland bilden der edle Glanz und hohe Ton des George-Kreises und die ausgenüchterte, pathos-skeptische Atmosphäre der Gruppe 47 gewissermaßen die beiden Pole, zwischen denen der literarische Geistesstrom innerhalb eines Jahrhunderts hin und her wechselte. Ihre Existenz sorgt heute dafür, dass deutschsprachige Autorinnen und Autoren literarischen Gruppenbildungen eher distanziert gegenüberstehen. Die elitär-geistesaristokratische Grundausrichtung passt nicht in eine Zeit, die das eigene Ich, den Individualismus für absolut hält. Thomas Glavinic setzt in seinem im „Literatur Spiegel“ erschienenen Text über die Gruppe 47 dem Ideal eines literarischen Kollektivs dann auch nur das Bekenntnis zur Einsamkeit entgegen: „Schriftsteller sind allein. Schriftsteller müssen allein sein. Gruppen ersticken den einzelnen.“

          Dass die Gemeinschaft Gefahr bedeute, weil sie entindividualisiere, den eigenen Willen einschränke und auf gefährliche ideologische Nenner bringe, ist das Vorurteil der Spätgeborenen. Schon in der Schule hat man uns vor zehn Jahren eingehämmert, jede Gruppendynamik unter Generalverdacht zu stellen. Die Gruppe, das waren immer die Springerstiefel tragenden Anderen. Oder die mit der RAF sympathisierenden Kommune-Eltern. Das Kollektiv war einmal. Heute braucht man vor allem eines: sich selbst. Dieser Tenor ist auch in die Literatur eingegangen. Sieht man von der Poetry-Slam-Bewegung (und vielleicht noch randständigen Lyrikgruppen) ab, ist in der derzeitigen literarischen Welt keine besondere Sehnsucht nach Vergemeinschaftung zu spüren. Matthias Polityckis Versuch, Autoren unter Ausschluss der Presse zusammenzubringen, und „Tristesse Royale“ sind gefühlt Jahrzehnte her.

          Für den Zusammenschluss einiger weniger

          Dabei wäre doch gerade jetzt wieder nichts wichtiger, weil provokativer als das: eine eingeschworene literarische Gruppe. Der Zusammenschluss einiger weniger, die sich zum methodischen Ziel setzen, das Gedachte nicht gleich mit Millionen anderen zu teilen (oder gar ihre dramaturgischen Anweisungen zu befolgen), sondern erst einmal in einem kleinen Resonanzraum mit Vertrauten hin und her zu erwägen.

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