01.10.2006 · Feridun Zaimoglu ist einer der muslimischen Teilnehmer der Islam-Konferenz. Der Schriftsteller über Schäubles Treffen, die schädliche „Idomeneo“-Debatte, eine Intendantin als Sünden-Zicklein und den Glutkern des Glaubens.
Feridun Zaimoglu ist einer der muslimischen Teilnehmer der Islam-Konferenz. Der Schriftsteller über Schäubles Treffen, die schädliche „Idomeneo“-Debatte, eine Intendantin als Sünden-Zicklein und den Glutkern des Glaubens.
Hat die Absetzung der Mozart-Oper „Idomeneo“ vom Spielplan der Deutschen Oper in Berlin dem Gespräch zwischen Christen und Muslimen auf der Islamkonferenz genützt oder geschadet?
Es war schon ein wenig schade, daß das große Treffen, die erste große nichtökumenische Begegnung von der Absetzung der Oper überschattet war. Gleichzeitig fand ich es aber auch schade, daß der Chor der aufgeklärten Empörer als Gegenschlag konzipiert wurde.
Als Gegenschlag gegen die Absetzung?
Genau, man hat sich nicht entblödet, von einem Kniefall vor den Islamisten zu sprechen. Wenn man die Freiheit der Kunst hochhält und sagt, die Kultur darf keinem Druck weichen, wieso baut man dann so eine Druckkulisse auf? Da haben sich viele Leute Luft gemacht, und diese arme Intendantin mußte als Sünden-Zicklein herhalten. Ich fühlte mich auch überrumpelt, als auf der Islamkonferenz plötzlich gesagt wurde, dann gehen wir alle in diese Oper. Das ging anderen wohl auch so. Von einem einstimmigen Beschluß kann nicht die Rede sein, weil wir nicht die Möglichkeit hatten, uns zu Wort zu melden. Aber sonst finde ich die Islamkonferenz großartig.
Warum?
Es wird ja damit erklärt, daß der Islam nicht in Hinterhofvereinen stattzufinden hat. Hier wird Symbolpolitik gemacht, und die darf man nicht geringschätzen. Die emotionale Wirkung reicht sehr weit. Mir haben allein in den vergangenen Tagen Dutzende von Menschen, ob säkular, gnostisch oder orthodox muslimisch, gesagt, wie positiv sie diese Konferenz sehen. Sie hatten allerdings alle auch Kritik anzumelden.
Wirkte sich die „Idomeneo“-Absetzung auch positiv aus?
Alle muslimischen Teilnehmer, das war ja das Verblüffende, hatten sich für diese Konferenz Ziele gesteckt. Die standen längst vor der Absetzung fest. Sie erhoffen sich etwas davon. Weil sie angesprochen worden sind und - guten Morgen, Deutschland! - die deutschen Politiker endlich realisiert haben, daß hier Muslime leben.
Haben also die Muslime eine neue Gemeinsamkeit entdeckt?
Es wird im Islam dabei bleiben, daß nicht mit einer Stimme gesprochen wird. Wenn aber die Muslime angesprochen werden, Einzelpersonen oder Verbandsvertreter, dann sind sie da. Seit Jahren haben sich ja die Muslime zu Wort gemeldet mit dem Appell, nehmt uns ernst, tut uns nicht immer als Sorgenkind ab. Das war jetzt dazu ein Startschuß.
Dann ist das die Gemeinsamkeit?
Allen gemeinsam ist die Hoffnung, daß am Ende dieser Konferenz in zwei Jahren Entscheidungen gefällt werden: über die Ausbildung von islamischen Geistlichen, den Islam-Unterricht in der Schule, die Gleichstellung des Islams mit den anderen Religionen. Wobei es selbstverständlich ist, daß die Religion sich nicht in die Angelegenheiten des Staates einzumischen hat. Aber: Es gibt in jedem Glauben einen unvergänglichen, überlebensstarken Glutkern. Und da hat sich auch der Staat nicht einzumischen. Der Glaube als Privatangelegenheit muß unangetastet bleiben. Hier habe ich als gläubiger, aber nicht religiöser Mensch den Eindruck, als wollten bestimmte Politiker da hineinfummeln.
Nun hat der Vertreter des Islamrates die Teilnahme von Necla Kelek und Frau Ates heftig kritisiert. Sie zeichneten sich nicht durch besondere Frömmigkeit aus. Das richtet sich auch gegen Sie.
Ich kann das Argument völlig nachvollziehen. Ich bekenne mich ja zum deutschen Islam. Mit dem kann der Islamrat nichts anfangen.
Und was ist der deutsche Islam?
Daß Deutschland unser Mutterland ist, daß wir hier leben und auch hier glauben, das ist der deutsche Islam. Es gibt auch eine persische Variante des Islams, eine palästinensische, eine arabische, eine türkische. Es grenzt an Klugschwätzerei, wenn man sagt, es gibt nur einen Islam.
Sie meinen auch eine emotionale Identifikation mit diesem Land?
Selbstverständlich. Deswegen begrüße ich es, wenn fremdstämmige Deutsche der zweiten und dritten Generation in die Moscheeverbände, wenn sie in Schlüsselpositionen nachrücken. Die sind einfach vom Leben hier geprägt, verhalten sich anders.
Sollten die säkularen Muslime nicht stärker in die orthodoxen Kreise hineinwirken?
Das kann ich so nicht fordern. Die säkularen Einzelpersonen haben gute Gründe, sich nicht einzumischen. Ich würde die Kritiker aber doch bitten, wahrzunehmen, daß in den Moscheeverbänden Menschen sitzen, die tatsächlich glauben. Warum sind alle Frauen, die an der Konferenz teilnehmen, bekennende Säkulare oder Islam-Kritikerinnen? Wieso fehlt eine gläubige Muslima?
Braucht es trotzdem nicht mehr Gespräch zwischen den Muslimen in Deutschland?
Auf der Alltagsebene kommt es seit Jahren dazu. Es gibt aber auch weltliche Menschen, die keine Lust auf solche Gespräche haben. Umgekehrt muß man den Gläubigen zugestehen, daß sie keine Lust haben, über ihren Glauben ausgefragt zu werden.
Bald wird die Hälfte der Bevölkerung von Großstädten einen sogenannten Migrantenhintergrund haben. Wie wird dieses Deutschland aussehen?
Wenn dieses Deutschland, das ich sehr liebe, es verinnerlicht, daß es sich nicht um Ausländer handelt, sondern um Menschen, die zu diesem Land gehören, wenn die Politiker und die Medien auch realisieren, daß wir alle in einem Boot sitzen, dann wird es eine Erfolgsgeschichte. Davon bin ich überzeugt.
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