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Ausstellung über „Die Seele“ : Eine Schichtung der Zeit im Raum

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Die Nähe verstärkt den Eindruck der Gleichzeitigkeit. Man flaniert durch die wispernde Zeit wie durch eine Neubausiedlung, in der in lauter uniformen Häusern die erstaunlichsten WGs beheimatet sind: Da residieren 1997 etwa Bernhard Schlink („Der Vorleser“), Robert Gernhardt („Gittis Hirsch“), Martin Walser („Ein springender Brunnen“) und Hans Ulrich Gumbrecht („1926. Ein Jahr am Rand der Zeit“) unter einem Dach. Gleich nebenan beäugen sich Judith Schalanskys Spickzettel, ein Brief Erwin Strittmatters an einen Deutsch-Leistungskurs und Peter Rühmkorfs Büchner-Ausgabe. Ein anderes „Haus“ besetzen 1977/78 Peter Handke, F. C. Delius und Jörg Fauser.

Smart Camera: W. G: Sebald nutzte seinen Fotoapparat als Gedächtnisstütze.

Eine Schichtung der Zeit im Raum! Doch um sinnfällig zu werden, müssen die subkutanen Verbindungen zwischen Autoren, Werken und Themen kenntlich gemacht werden. Ob als Buch oder im Museum: Es liegt am Leser, was er aus Literatur macht. Mit dieser Notwendigkeit geht die Ausstellung offensiv um. Von ausführlichen Beschriftungen und Erläuterungen hat man sich verabschiedet; stattdessen gibt es nur knappe Angaben von Jahreszahl, Autorenname (oft sogar ohne Vorname) und Werktitel. Erst die Neologismen, die die Museumsleiterin und Kuratorin Heike Gfrereis jedem Stück emblematisch an die Seite gestellt hat, führen ins Innere, eben zur Seele des Gezeigten.

Doch wo „Zarathustragesicht“ zu Nietzsches Totenmaske noch jedem einleuchtet, wird es mit „Durchschnittsschwindel“ bei Kafkas Abiturzeugnis oder „Schriftschreck“ bei einem Brief der „Frankfurter Zeitung“ an Walter Benjamin (Kürzestinhalt: Schreiben Sie weiter, nur nicht an uns) schon schwieriger. Zwar gibt es zur Ausstellung die traditionelle „Hardware“, also einen ausführlichen Katalog, der die Beschreibung der Exponate weniger lehrbuchhaft als literarisch unternimmt. Da man im gedämpften Licht die Kleinschrift aber ohnehin kaum entziffern könnte, setzt Marbach zur Erschließung der Objekte vor allem auf eine App, die pünktlich zur Eröffnung der Schau an diesem Sonntag verfügbar sein soll. Dort lässt sich jedes Objekt viel näher anschauen und heranzoomen, als es die Vitrine erlaubt. Per App, die durch aufwendige Verschlagwortung das Assoziative des Museumsbesuchs professionell nachahmt, ist es auch leichter, Verwandtschaften abzubilden. Wer nach „Kafka“ sucht, bekommt alle dreizehn Kafka-Exponate auf einen Blick - und dazu all jene, die sich auf Kafka beziehen.

Blick in die neue Dauerausstellung: Die Flachware Buch verweigert sich der Inszenierung

Das Argument, dass es für Marbach wichtiger ist, dass Literaturinteressierte in aller Welt die Bestände erleben und sich auf sie beziehen können, als dass mehr als die durchschnittlich 60:000 Besucher im Jahr die Reise an den Neckar antreten, leuchtet ein. Dennoch erscheint es zumindest riskant, eine Schau einzurichten, die ohne Smartphonehilfe ein Schatten ihrer selbst bleibt. Da man nur sieht, was man weiß, entfaltet etwa eine Manuskriptnachbarschaft wie die von Bernward Vespers „Reise“ (Stichwort „Sprachtrip“) und Ernst Jüngers „Annäherungen. Drogen und Rausch“ („Blütenregion“) erst dann ihren ganzen Reiz, wenn man erfährt, dass beide 1969 mit LSD experimentierten - und dass Vespers imposante Krakelzeichnungen aus einer einzigen Linie während seiner Trips entstanden sind. Ob die Seele sich per Fingertipp leichter finden lässt als mit bloßem Auge? Unten im Literaturmuseum gibt es jedenfalls kaum Handyempfang.

Das Literaturmuseum der Moderne,  links neben dem Schiller-Nationalmuseum in Marbach am Neckar

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