Home
http://www.faz.net/-gr0-pldq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ausstellung Klassiker für Kleine im Frankfurter Goethe-Haus

07.12.2004 ·  "Von der Stirne heiß / Rinnen muß der Schweiß" - gilt das auch, wenn man Kinder mit unseren großen Dichtern vertraut machen will? Das Frankfurter Goethe-Haus stellt Klassiker für Kleine aus.

Von Monika Osberghaus
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Zwar hat Schiller sehr richtig gesagt: "Man muß können, was man will." Aber viele, die jetzt Großeltern sind, wollten es nicht, und konnten's doch. Weil sie mußten. Noch jetzt leiern sie mit einer Stimme, aus der die Ödnis längst vergangener Schulstunden staubt: "Fest gemauert in der Erden / Steht die Form, aus Lehm gebrannt ..." - und es ist erstaunlich, wie weit sie immer noch kommen mit dem Lied von der Glocke, mag es auch fünfzig Jahre her sein, daß sie es auswendig lernten.

"Von der Stirne heiß / Rinnen muß der Schweiß" - gilt das auch, wenn man Kinder mit unseren klassischen Dichtern vertraut machen will? Die alten Schulmeister hätten darauf sicher mit "Ja" geantwortet, und viele heutige Großeltern sind im nachhinein dankbar für den Drill, der ihnen jetzt ermöglicht, aus dem Stand unerhörte, gereimte Geschichten zu deklamieren. Etwa die vom Handschuh, der unter die Löwen fällt und eine unglaubliche Spannung erzeugt zwischen einem Mann und einer Frau - und zwischen kurzen und längeren Verszeilen. Man kann mitten in der überfüllten U-Bahn stehen und den "Handschuh" sprechen: Die Kinder schauen auf und hören zu, bis zum Schluß. Und wenn sie vorher nicht wußten, daß man einen Löwen auch "Leu" nennt, dann wissen sie es beim Aussteigen, ohne gefragt zu haben.

Kein "Goethe light"

Heutzutage aber lautet die Antwort natürlich "nein". Daß Schüler im Schweiße ihres Angesichts Schillers Balladen auswendig lernen oder sich durch Goethes "Faust" ackern müssen, ist selten geworden. Was jedoch nicht bedeutet, daß es nicht viele Versuche gibt, Kinder mit den klassischen Texten der Literatur bekannt zu machen, seien sie nun ursprünglich für sie gedacht oder - wie im Fall Goethes und Schillers - eher nicht. Wer diese Vermittlungsarbeit leistet, muß sich entscheiden. Entweder man beugt die Texte gleichsam zu den Kindern hinunter, indem man sie stark kürzt, in einem anderen Ton nacherzählt oder als Zeichentrickserie produziert, die dem Original nur noch entfernt ähnelt. Oder man hilft den Kindern zu ihnen hinauf, baut Brücken zwischen die Zeiten, weckt Neugier und steht für Nachfragen zur Verfügung. Vor allem traut man den Kindern zu, daß sie sich von einem gewissen Maß an Überforderung eher angezogen als abgeschreckt fühlen.

Die aufschlußreiche Ausstellung "Goethe und Schiller für Kinder", die jetzt vom Freien Deutschen Hochstift im Frankfurter Goethe-Haus ausgerichtet wird, befaßt sich eher mit Werken - meist sind es Bücher -, die den schwierigeren, aber nachhaltigeren zweiten Vermittlungsweg beschreiten. Und sie kann sich selbst am Ende einreihen: Wer einmal den Arkadengang der Halle im Goethe-Haus umrundet hat, hat keinen "Goethe light" konsumiert. Er ist den beiden Dichtern deutlich näher gekommen, ob nun als junger oder älterer Leser.

Von der Kaiserzeit bis zur Kunst

Wie im Laufe der Zeit versucht wurde, zwei Klassiker ans Kind zu bringen, das ist für Kinder selbst auf Anhieb wohl kein reizvolles Thema: Wenn sie Leser sind, wünschen sie sich eher Lesestoff als eine Ausstellung darüber. Sind sie keine Leser, ist es noch schlimmer. Unverdrossen richtet sich die Schau trotzdem auch an diese, angefangen von den ungewöhnlich gut formulierten Begleittexten in den Vitrinen über die Impulse zur kreativen Mitarbeit bis hin zu diversen Begleitveranstaltungen. Nicht alle Versuche, mehr zu bieten als aufgeschlagene Bücher in Vitrinen, sind hier geglückt. Nahezu albern wirkt etwa der Bildschirm, auf dem ein Endlosfilm zeigt, wie Bücher, die in der Ausstellung nur unter Glas zu sehen sind, Seite für Seite umgeblättert werden - lesbar werden sie dadurch leider nicht. Am meisten werden Kinder profitieren, die mit Erwachsenen, idealerweise mit engagierten Lehrern, zusammen kommen.

Erstaunlicherweise wird hier die Kunst, Kindern unsere wichtigsten Klassiker näherzubringen, zum ersten Mal chronologisch erfaßt (der Überblickartikel im Katalog faßt diese Forschungsansätze klug zusammen). Sind die ersten Stücke ihrer inhaltlichen Ausrichtung wegen interessant - während der Kaiserzeit, zur Jahrhundertwende und in den Zwischenkriegsjahren wurden die beiden Dichterfürsten von rechts wie von links politisch vereinnahmt und entsprechend tendenziös präsentiert -, so wird in der Zeit nach 1945 immer deutlicher, daß die Bekanntmachung der Kleinen mit Zauberlehrling, Wilhelm Tell & Co. im wahrsten Wortsinn zu einer Kunst wurde, nämlich einer Kunst der Illustratoren.

"Guck mal, Mama, da ist eine Meeresstille"

Janosch und Tomi Ungerer haben schon in den sechziger und siebziger Jahren angefangen, den "Reineke Fuchs" und den "Zauberlehrling" zu interpretieren. In den letzten zehn Jahren gab es dann fast einen Boom von "Dichter-Bilderbüchern", deren Originalzeichnungen sich hier zum Teil betrachten lassen. Sie helfen den Kindern, die klassischen Worte mit ihrem Alltag zusammenzureimen.

Wenn ein Dreijähriger wochenlang an keiner Pfütze vorbeigehen kann, ohne "Guck mal, Mama, da ist eine Meeresstille" zu sagen, dann hat er die Vertrautheit mit dem seltsam schönen Wort nicht zuerst Goethe zu verdanken, sondern Peter Schössow, der dessen elegisches Gedicht über die Flaute und das nachfolgende über die endlich aufkommende Brise so eindrucksvoll in Wasserbilder gegossen hat. Und gerade weil Wolf Erlbruchs bizarre Interpretation von Goethes "Hexeneinmaleins" für eine Dreizehnjährige das "Haßbuch" der Ausstellung ist, wird sie den "Faust" wohl immer als das verstörende, nie ganz faßbare Stück betrachten, das es auch für die Experten ist.

"Goethe und Schiller für Kinder", bis zum 6. Februar 2005 im Frankfurter Goethe-Haus. Der Katalog kostet 6 Euro.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.12.2004, Nr. 286 / Seite 33
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen