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Ausstellung: „Ich liebe Dich!“ : Dann muss ich weinen bitterlich

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Zeichnung „Ich liebe Dich - (Sie lieben sich) - In Südtirol”, Monika Rinck Bild: Monika Rinck / Deutsches Literaturarchiv Marbach

Drei Worte, ein Satz ohnegleichen und das produktivste Problem der Literaturgeschichte: Marbach sucht in einer rosaroten Schau den dichterischen Mehrwert von „Ich liebe Dich!“.

          Die Franzosen seufzen es. Die Engländer fallen hinein. Die Amerikaner sagen es andauernd, die Schwaben hingegen nie, jedenfalls nicht so direkt. Aber trotzdem geht gerade von dort, nämlich vom Deutschen Literaturmuseum in Marbach, jetzt die Einladung aus, jene drei Worte in den Mund zu nehmen, die die Welt bedeuten: „Ich liebe Dich!“ Die Formel hat ihre sprachliche Unschuld schon vor solcher Urzeit verloren, dass man zwischen individuellem Glücksverheißen und Zumutung, kollektiver Holophrase und Sprachschleuder schon mal die Frage aller Fragen in den Schauraum stellen darf: Ist der Satz der Sätze überhaupt noch literaturfähig?

          Den Fehdehandschuh hatte ausgerechnet ein Schriftsteller, nämlich Wilhelm Genazino, in die Arena geworfen. In einem Gespräch mit seiner Autorenkollegin Annette Mingels bemerkte Genazino vor einigen Jahren, die Wendung „Ich liebe dich“ habe für ihn „einen bedrohlichen Verwurstungsgrad“ erreicht. Um nicht in die Klischeefalle zu geraten, vermeide er sie in seinen Büchern ganz. Und diesseits der Literatur, fuhr Genazino fort, könne er den Satz nur ernst nehmen, wenn er von jemandem ausgesprochen wird, der kein Schriftsteller, Geisteswissenschaftler oder Philosoph ist, sondern „aus dem wirklichen Leben“ dazu kommt, der um den „Klischeevorbehalt“ nicht weiß und die Debatte darum für überflüssig hält.

          In diese Falle hätte auch der jetzt eröffnete Marbacher Ausstellungstanz ums goldene „Ich liebe Dich!“-Kalb leicht tappen können: gemacht von Profis, die große Worte gewohnheitsmäßig auf ihre Aussagekraft hin abklopfen und „Liebe“ gewissermaßen nur in Gänsefüßchen und mit dazugedachten geisteswissenschaftlichen Fußnoten (Roland Barthes! Niklas Luhmann!) aussprechen, richtet sich die Schau schließlich nicht zuletzt an Besucher aus jenem wirklichen Leben. Und dort löst der Satz „Ich liebe dich“ eben nicht zuerst skeptisches Stirnrunzeln, hektische Meta-Beklommenheit und Banalitätsverdacht aus, sondern Glück, Bestätigung, Geborgenheit. Dass die Macher sich dieser lebensbejahenden Macht keineswegs nur intellektuell entziehen wollten, zeigt schon die Ausstellungsarchitektur: Eingefasst in Passepartouts aus grellrosa leuchtendem Plexiglas, hängen die Liebes-Bekenntnisse und -Erklärungen auf Augenhöhe der Betrachter von der Decke und werfen rechteckige Schatten auf den Boden, die an Zugwaggons erinnern.

          Denn mit einer Bahnfahrt durch Deutschland verband der Schriftsteller Michael Lentz 2003 seinen unvergesslichen Roman „Liebeserklärung“. Entflammen, Eroberung, Ekstase, Erkalten, Ernüchterung hießen Stationen der geschilderten Beziehung, gedanklich ließ sich das Buch aber auch als Auseinandersetzung mit Luhmanns „Liebe als Passion“ lesen: „dass wir keine Sprache der Liebe haben, die so ganz lieb ist, und immer wieder sagen wir ,Ich liebe dich‘, und sind auch beschämt, nicht etwas anderes zu sagen von identischer Wucht, aber nein, wir können nur ,Ich liebe dich‘ sagen, und sagten wir endlich etwas anderes, es liefe auf dasselbe hinaus.“ Wie sich die Fragmente einer abgenutzten Liebessprache poetisch verwandeln lassen, hat Michael Lentz immer wieder untersucht, zuletzt in seinem Liebesgedichtband „Offene Unruh“. Und so war er für Museumsleiterin Heike Gfrereis der ideale Co-Kurator dieser Ausstellung, die mit 66+6 Dokumenten und dreizehn als „Liebesbatterien“ aufgefassten Objekten dem glorreich verhängnisvollen rhetorischen Phänomen von der offiziellen Literaturgeschichte bis ins Privatleben der Autoren nachspürt.

          Ausdauernde Charmeure und illusionslose Schreiber

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