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Ausstellung: „Ich liebe Dich!“ Dann muss ich weinen bitterlich

22.09.2011 ·  Drei Worte, ein Satz ohnegleichen und das produktivste Problem der Literaturgeschichte: Marbach sucht in einer rosaroten Schau den dichterischen Mehrwert von „Ich liebe Dich!“.

Von Felicitas von Lovenberg
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Die Franzosen seufzen es. Die Engländer fallen hinein. Die Amerikaner sagen es andauernd, die Schwaben hingegen nie, jedenfalls nicht so direkt. Aber trotzdem geht gerade von dort, nämlich vom Deutschen Literaturmuseum in Marbach, jetzt die Einladung aus, jene drei Worte in den Mund zu nehmen, die die Welt bedeuten: „Ich liebe Dich!“ Die Formel hat ihre sprachliche Unschuld schon vor solcher Urzeit verloren, dass man zwischen individuellem Glücksverheißen und Zumutung, kollektiver Holophrase und Sprachschleuder schon mal die Frage aller Fragen in den Schauraum stellen darf: Ist der Satz der Sätze überhaupt noch literaturfähig?

Den Fehdehandschuh hatte ausgerechnet ein Schriftsteller, nämlich Wilhelm Genazino, in die Arena geworfen. In einem Gespräch mit seiner Autorenkollegin Annette Mingels bemerkte Genazino vor einigen Jahren, die Wendung „Ich liebe dich“ habe für ihn „einen bedrohlichen Verwurstungsgrad“ erreicht. Um nicht in die Klischeefalle zu geraten, vermeide er sie in seinen Büchern ganz. Und diesseits der Literatur, fuhr Genazino fort, könne er den Satz nur ernst nehmen, wenn er von jemandem ausgesprochen wird, der kein Schriftsteller, Geisteswissenschaftler oder Philosoph ist, sondern „aus dem wirklichen Leben“ dazu kommt, der um den „Klischeevorbehalt“ nicht weiß und die Debatte darum für überflüssig hält.

In diese Falle hätte auch der jetzt eröffnete Marbacher Ausstellungstanz ums goldene „Ich liebe Dich!“-Kalb leicht tappen können: gemacht von Profis, die große Worte gewohnheitsmäßig auf ihre Aussagekraft hin abklopfen und „Liebe“ gewissermaßen nur in Gänsefüßchen und mit dazugedachten geisteswissenschaftlichen Fußnoten (Roland Barthes! Niklas Luhmann!) aussprechen, richtet sich die Schau schließlich nicht zuletzt an Besucher aus jenem wirklichen Leben. Und dort löst der Satz „Ich liebe dich“ eben nicht zuerst skeptisches Stirnrunzeln, hektische Meta-Beklommenheit und Banalitätsverdacht aus, sondern Glück, Bestätigung, Geborgenheit. Dass die Macher sich dieser lebensbejahenden Macht keineswegs nur intellektuell entziehen wollten, zeigt schon die Ausstellungsarchitektur: Eingefasst in Passepartouts aus grellrosa leuchtendem Plexiglas, hängen die Liebes-Bekenntnisse und -Erklärungen auf Augenhöhe der Betrachter von der Decke und werfen rechteckige Schatten auf den Boden, die an Zugwaggons erinnern.

Denn mit einer Bahnfahrt durch Deutschland verband der Schriftsteller Michael Lentz 2003 seinen unvergesslichen Roman „Liebeserklärung“. Entflammen, Eroberung, Ekstase, Erkalten, Ernüchterung hießen Stationen der geschilderten Beziehung, gedanklich ließ sich das Buch aber auch als Auseinandersetzung mit Luhmanns „Liebe als Passion“ lesen: „dass wir keine Sprache der Liebe haben, die so ganz lieb ist, und immer wieder sagen wir ,Ich liebe dich‘, und sind auch beschämt, nicht etwas anderes zu sagen von identischer Wucht, aber nein, wir können nur ,Ich liebe dich‘ sagen, und sagten wir endlich etwas anderes, es liefe auf dasselbe hinaus.“ Wie sich die Fragmente einer abgenutzten Liebessprache poetisch verwandeln lassen, hat Michael Lentz immer wieder untersucht, zuletzt in seinem Liebesgedichtband „Offene Unruh“. Und so war er für Museumsleiterin Heike Gfrereis der ideale Co-Kurator dieser Ausstellung, die mit 66+6 Dokumenten und dreizehn als „Liebesbatterien“ aufgefassten Objekten dem glorreich verhängnisvollen rhetorischen Phänomen von der offiziellen Literaturgeschichte bis ins Privatleben der Autoren nachspürt.

Ausdauernde Charmeure und illusionslose Schreiber

Die unaufdringliche chronologische Hängung vergisst man bereits im ersten der drei Räume, schon weil sich der beschleunigte Herzschlag auch graphologisch oft spannend nachvollziehen lässt. Auf jedem Blatt sucht man unwillkürlich die verräterischen drei Worte, und lässt sich erst dann auf die Scham, die Projektionen, die Vermeidungsstrategien und Beteuerungen, den Triumph, die Zweifel und nicht zuletzt den Egoismus ein, die sie begleiten. Dass sich der Satz „Ich liebe Dich“ oft gegen den Autor richtet, der ihn schreibt, wie Michael Lentz zur Eröffnung bemerkte, lässt sich in den ausgestellten Briefen und Manuskripten ebenso erleben wie seine Ur-Wirkung, nämlich nicht nur das Gefühl des anderen, sondern auch das eigene noch zu steigern.

Zwischen Goethes Ur-Romantiker Werther („Lotte auf ewig!“, 1774) und Hölderlin, der trotz seiner berühmten Diotima-Widmung im „Hyperion“ („Wem sonst als Dir“) in professioneller Hinsicht eher sparsam damit umging, über einen Brief Ricarda Huchs an ihren Vetter und Schwager Richard Huch („Soll ich jetzt mal eine Seite lang schreiben wie ich Dich liebe?“, 1887) und einem illusionslosen Schreiben von Rudolf Borchardt an seinen Kurschatten Margarete Ruer („Ich nehme an, dass es Ihnen sehr gleichgiltig ist, ob ich Sie liebe, aber gar nicht gleichgiltig, wie ich es ausdrücke“, 1901), bilden die um den Geliebten Trauernden ein stilles Zentrum („am 9. Juni 2000, als dein brach, dachte ich unter Tränen, ich liebe dich“, Friederike Mayröcker an ihren Mann Ernst Jandl). Leicht lassen sich hingegen die gewohnheitsmäßigen oder mindestens ausdauernden Charmeure, denen die Liebesbekundungen nur so aus der Feder fließen („Geliebtes Seelchen, verzweifle nicht, nimm mich an Dein Herz und fühle mich ganz – ich liebe liebe liebe Dich und küsse Dich mit allem Feuer namenloser Sehnsucht“, Friedrich Gundolf 1919 an Elisabeth von Salomon) von denen trennen, die sich dem Heiklen des Gefühls und seines Bekenntnisses hochbewusst sind.

Dieser Satz verlangt nach Erneuerung

Zu den stärksten Beispielen zählen Briefe Kafkas an Milena Jensenská aus dem Jahr 1920. In ihnen offenbart er sich der Freundin nur, um sich sogleich wieder vollständig zu verhüllen: „Du willst immer wissen, Milena, ob ich Dich lieb habe, aber das ist doch eine schwere Frage, die kann man nicht im Brief beantworten. Wenn wir einmal nächstens einander sehen werden, werde ich es Dir gewiß sagen (wenn mir nicht die Stimme versagt).“ Dass der vom Gegenüber keineswegs durchwegs ersehnte Satz die Wirkung einer eiskalten Dusche haben kann, erfährt, wem es gelingt, Martin Mosebachs von winzigen Tintenwellen bedeckte Manuskriptseite aus dem Roman „Die Türkin“ (1999) zu entziffern, jene Stelle, da die Worte „Ich liebe dich“ die ganze Hilflosigkeit des Sprechers offenbaren und die ganze Distanz zwischen Frankfurt und Lykien aufreißen. Schließlich ist die Frage, ob, wann und wie man eine solche Ungeheuerlichkeit äußert, auch eine der Manieren. Und weil kein Satz, ob gesagt oder geschrieben, so sehr nach Erneuerung verlangt wie dieser, gibt es im dritten Raum dreizehn private Symbole oder eben „Liebesbatterien“ zu bestaunen, darunter Paul Celans Ingeborg Bachmann zugeeignete Ausgabe von „Mohn und Gedächtnis“, ein Klappaltärchen, das Rilke auf seiner Russlandreise mit Lou Andreas-Salomé von Tolstoi geschenkt bekam, und die als Liebesorakel befragten und anschließend gepressten Gänseblümchen des portugiesischen Autors Eça de Queiroz, zu denen Michael Lentz einen Text, „Maßliebchen“, geschrieben hat.

Ob die Literatur aus ihrem jahrhundertelangen Nachdenken über „Ich liebe Dich“-Sagen oder Nichtsagen gelernt hat, will die Schau nicht beurteilen. Die Zurückhaltung ist größer geworden, die Vorbehalte auch. Am Ende erweist sich der kleinste poetische Nenner „zwischen Menschen und Schriftstellern“, als den die Ausstellung den Satz verstanden wissen will, aber als ausreichend groß. Im wahren Leben ist gegen einen Satz, den man keiner Romanfigur mehr in den Mund legen würde, bisweilen nämlich gar nichts einzuwenden.

„Ich liebe Dich!“. Bis 29. Januar im Literaturmuseum Marbach. Das zur Schau erschienene Marbacher Magazin mit einem Gespräch zwischen Sibylle Lewitscharoff und Michael Lentz kostet 18 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1974, verantwortliche Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben.

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