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Aus dem Evakuierungsgebiet : Die Welse von Prypjat

  • -Aktualisiert am

Am 26. April 1986 kam es in Tschernobyl zum GAU. Erst einen Tag später wurde Prypjat evakuiert Bild: dpa

Vor 25 Jahren kam es im Atomkraftwerk Tschernobyl zum ersten GAU der Geschichte, aus dem nahegelegenen Städtchen Prypjat wurde eine Geisterstadt. Ein modernes Pompeji? Notizen anlässlich eines verbitterten Jubiläums.

          Prypjat ist die einzige Stadt der Welt, deren Alter so leicht zu berechnen ist: 1970 (Gründung) bis 1986 (Untergang). Außerdem existierte es von allen untergegangenen Städten am kürzesten, eben nur sechzehn Jahre. Kein Kind mehr, aber auch noch kein junger Mann, vielmehr ein noch nicht volljähriger Teenager mit dem Recht auf einen Personalausweis. Statt des Ausweises aber stellte man eine Sterbeurkunde aus. Todesursache: Strahlenkrankheit.

          Im Falle von Prypjat kennen wir sogar das exakte Sterbedatum: Es ist der 27. April 1986. Nein, nicht der 26., sondern der 27. April. Erst einen Tag nach dem Unfall im benachbarten Atomkraftwerk Tschernobyl wurde die Stadt evakuiert. Der Umstand, dass es ein fixiertes Enddatum gibt, hebt Prypjat auf eine Stufe mit Pompeji. Auch dessen Untergang lässt sich ja exakt datieren, und zwar auf den 24. August des Jahres 79.

          Bloß nicht barfuß gehen

          Das Gespenst von Pompeji tauchte ganz plötzlich auf, als wir, durch Glasscherben und verfaulte Holzstücke staksend, das Café „Prypjat“ betraten - einmal das angesagteste Etablissement im Ort. Das Café lag auf einem Hügel über den Anlegestellen am Fluss. Von hier aus konnte man den Strand beobachten und die Ankunft der blendend weißen Tragflügelboote aus Kiew. Die dem Fluss abgewandte Wand nahm ein Glasfenster ein. Unser Führer erzählte, dass der Künstler noch ein anderes Fenster geschaffen haben soll, mit dem er das Unheil heraufbeschworen habe: ein Werk mit dem Titel „Der letzte Tag von Pompeji“. Er also hat die Stadt verwünscht. Niemals hätte man ihn beauftragen dürfen, ein Fenster in Prypjat zu gestalten. Unser Führer lachte, als er diese Legende erzählte.

          Bilderstrecke

          Was zeigt das erhaltene Glasfenster? Zuerst muss ich anmerken, dass es fast zur Hälfte zerstört ist. Dass es heute also kein Fenster mehr ist, sondern nur noch ein halbes, das ganz aus Bruchstücken besteht. Die andere Hälfte knirscht unter den Füßen, wenn man unvorsichtigerweise hineintritt. Übrigens: Der Geigerzähler, den unser Führer über der Schulter trug, begann wie wild zu ticken, als wir das Café betraten, und zeigte damit eine ernsthafte Verseuchung an. Wir gingen vorsichtig um den Scherbenhaufen herum. Bloß nicht barfuß gehen - sonst wirst du erleuchtet.

          Mittendrin in der Natur

          Was vom Fenster übrig geblieben ist, vermittelt den Eindruck übertriebener Farbigkeit. Das Fenster ist ungewöhnlich aktiv, es strahlt aus. Üblicherweise verwenden wir das Verb „ausstrahlen“ mit Akkusativobjekt. Man kann „etwas“ ausstrahlen, zum Beispiel Glück. Oder Radioaktivität. Das Glasfenster im Café „Prypjat“ am Ufer des Flusses Prypjat in der Stadt Prypjat aber strahlt einfach nur aus. Seine Sonne ist vielfarbig. Wie die übrige Welt ist sie gestreift. Die Streifen sind dunkelrot, hellgelb, dunkelblau, hellblau, grün. Der Sommer in seiner ganzen Pracht, in vollster Blüte, im Überfluss: die Gesänge der Wälder, die Stille der Seen, Schilf, Kiefern, summende Bienen in den Himbeersträuchern, Einswerden mit der Natur, süßes Schwellen des Bios.

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