Home
http://www.faz.net/-gr0-nn2y
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Aus amerikanischen Zeitschriften Das abgelichtete Spektakel der Wirklichkeit

28.04.2003 ·  Susan Sontags neuer Essayband weckt Erinnerungen nicht nur an den Irak-Krieg

Von Verena Lueken
Artikel Lesermeinungen (0)

Wer nach Stellungnahmen von Schriftstellern und Intellektuellen zu aktuellen Ereignissen in den amerikanischen Medien sucht, wird, wenn überhaupt, fündig in den klassischen Rezensionen. Daß Susan Sontag mit ihrem Essayband "Regarding the Pain of Others" (F.A.Z. vom 12. April) sozusagen punktgenau zur Irak-Krise herauskam, gab Autoren wie Charles Simic, Tzvetan Todorov oder Neal Ascherson Gelegenheit, anhand dieses Buchs, das sich mit Darstellungen früherer Kriege und ihrer Opfer auseinandersetzt, zumindest implizit auch darüber zu reflektieren, wie der gerade zu Ende gegangene Irak-Krieg in unserer Erinnerung präsent bleiben wird.

Susan Sontags Buch ist eine Art Fortsetzung und Revision ihres 1977 erschienenen Standardwerks "On Photography". Es geht also um Bilder und darum, welche Wirkung gerade fotografische Abbildungen von unvorstellbar grausamen Ereignissen auf den Betrachter haben, ob sie die Wirklichkeit abbilden können, ob sie erschrecken oder abstumpfen, ob bewegte Fernsehbilder oder fotografische Momentaufnahmen eine größere Kraft entfalten, und darum, was es mit der Faszination auf sich hat, die die Darstellungen der Qualen anderer auf uns haben.

Charles Simic beschreibt in der "New York Review of Books", wie er als Kind im Haus seiner Großmutter alte Magazine mit Zeichnungen und Stichen vergangener Balkankriege durchblätterte und beim Anblick heroisch sterbender Soldaten sofort den Wunsch hatte, Krieg zu spielen. Das war 1944 in Belgrad, und selbst ein Sechsjähriger, wie es Simic damals war, hatte ausführlich Gelegenheit, Tote und Gefallene vor der eigenen Haustür zu sehen. Doch diese Erfahrung brachte Simic mit den Abbildungen in den Magazinen in keinerlei Verbindung. Er erkannte sozusagen den Krieg auf der Straße nicht - bis er Jahre später Dokumentarfilme und Fotografien zu Gesicht bekam, die ihm klarmachten, was er eigentlich erlebt hatte.

Noch heute erinnert sich Simic an seine erste Konfrontation mit Kriegsfotografien und daran, daß es ihm ähnlich erging wie beim ersten Betrachten von pornografischen Bildern, die einen "in Erstaunen darüber versetzen, was Menschen einander antun". Simic folgt Susan Sontag in ihrer Argumentation, daß ein einzelnes Foto einen ungleich stärkeren Eindruck erzeuge als bewegte Fernsehbilder, denen immer etwas Irreales, Fiktives anhafte.

Muß man sich schämen, wenn man seine Augen von einem Bild unfaßbarer Grausamkeit wie dem berühmten aus Vietnam, auf dem nackte, verbrannte Kinder vor den Napalmbomben fliehen, nicht abwenden kann? Ja, schreibt Simic, es gibt diese Scham, weil eine Fotografie solcher Greuel uns gleichsam fragt: "Kannst du wirklich hinschauen?" - eine Frage, die der Betrachter bejahen und außerdem noch zugeben muß, daß den schrecklichsten Bildern oft eine Schönheit innewohnt, die man von den Martyriendarstellungen der bildenden Kunst kennt. Darin liegt ihre doppelzüngige Botschaft: Hört damit auf! meint ein solches Foto, aber auch: Was für ein grandioses Spektakel!

Gegen dieses Spektakel, so schreibt Neal Ascherson in der "Los Angeles Times Book Review", setzt Susan Sontag ihr gesteigertes Vertrauen in die Wirklichkeit. Nur Ignoranz und Provinzialismus seien in der Lage, mediale Repräsentationen mit der Realität in eins zu setzen, zitiert Ascherson die Autorin zustimmend, und nur, wer den Krieg erlebt habe - wie Susan Sontag bei ihrem Aufenthalt in Sarajevo -, könne ermessen, daß kein Bild ihm gerecht werde. Moralismus auf seiten der Autorin sei eine entschuldbare Konsequenz.

Ascherson folgt Susan Sontag auch in ihrer Verachtung für Sebastiao Salgado und seine wunderschönen Fotos der Armen und Geschundenen in Afrika und Südamerika. Sie belegten, daß sich die Scheu von Elendsfotografen, erkennbar die Gesichter der Opfer zu zeigen, nur auf die eigenen Toten beziehe. Auf die Gesichter der anderen richte ein Fotograf seine Kamera unter Umständen frontal. Dennoch blieben diese Toten anonym, sie selbst exotisch, und ihr Leid eine gleichsam anthropologische Konstante, gegen die es kein Mittel gebe - was die Passivität erkläre, mit der die Zuschauer durch eine Ausstellung von Salgado gingen. Er reduziere die Machtlosen auf ihre Machtlosigkeit.

Dennoch haben fotografische Abbilder grauenvoller Geschehnisse ihren Wert, sogar einen unschätzbaren, wie Tzvetan Todorov im "New Republic" bemerkt - nicht etwa, weil sie uns etwas erklärten, sondern weil sie uns daran erinnern, wozu Menschen fähig seien. Todorov bleibt den Bildern gegenüber dennoch mißtrauisch. Es sei eine der größten Platitüden unserer Zeit zu behaupten, fotografische Abbildungen sprächen eine unmißverständliche Sprache. Selbst wenn man von ihrer Manipulierbarkeit absehe, könnten Fotografien, so Todorov, uns höchstens erstaunen oder entsetzen. Ohne Kontext aber blieben sie darüber hinaus ohne spezifische Bedeutung. Sie evozieren die Welt, aber sie erklären nichts. Wie anders verhält es sich dagegen mit der Sprache, setzt der Semiotiker nach, in der einem Subjekt zumeist ein Prädikat folge, so daß eine Bedeutung entstehen könne: "Die einfache Beschwörung einer qualvollen Vergangenheit (auf einer Fotografie) weckt Gefühle, aber das ist für sich selbst genommen eine unangemessene Reaktion: Es ist immer besser zu analysieren und nachzudenken."

Auch ohne Analyse ist es möglicherweise das Wort, das uns den Krieg näherbringt als jede Fotografie. Die genaue Beschreibung des Geschehens, die Konzentration aufs Detail, die sorgfältig gewählten bildhaften Ausdrücke einer herausragenden Kriegsreportage erzählen mehr als zahlreiche Fotos. Liest man einen Text des im Irak ums Leben gekommenen Journalisten Michael Kelly aus dem ersten amerikanischen Einsatz am Golf (F.A.Z. vom 11. April) oder im "New York Times Magazine" die Reportage von Peter Maass über die Schlacht um die Diyala-Brücke in Bagdad am 6. und 7. April, scheint es, ganz im Sinn von Todorov, tatsächlich das Wort zu sein, das lauter, vor allem deutlicher spricht als alle Bilder.

Peter Maass war mit dem 3. Bataillon im Irak unterwegs, das auf den Wüstenkrieg spezialisiert ist und auf eine Weise kämpft, die den Fernsehzuschauern unbekannt geblieben ist: in roher militärischer Aktion mit der Aufgabe, jeden irakischen Soldaten zu töten, der sich nicht sofort ergibt. Maass zitiert den Kommandanten der Truppe, der an General Sherman erinnert und an dessen Ausspruch vom "grausamen Krieg". "Es ist sinnlos, darum herumzureden. Je grausamer der Krieg ist, desto schneller ist er vorbei."

Die Grausamkeiten, die Maass beschreibt, richteten sich gegen Zivilisten. Hocherregt über den Tod eines ihrer Kameraden, hatten Soldaten der Truppe nach dem Überqueren der umkämpften Brücke auf jedes Fahrzeug geschossen, das sich ihnen näherte. Warnschüsse, so sie abgegeben wurden, wurden von den Zivilisten in den Autos offenbar nicht als solche gedeutet, am Ende war etwa ein Dutzend Menschen tot, nur zwei von ihnen zweifelsfrei irakische Milizen. Maass hat die Leichen gesehen, er hat mit den Scharfschützen gesprochen. Ihm gelingt zu vermitteln, was keine Fotografie kann - daß auch die Täter einen hohen Preis bezahlt haben. Der saubere Krieg fand nicht am Boden statt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.04.2003, Nr. 97 / Seite 39
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1955, stellvertretende Leiterin des Feuilleton.

Jüngste Beiträge