20.08.2004 · Wenn die arabische Liga zur Buchmesse anreist, wird sie keinen Wüstensand mehr im Gepäck haben: literarische Ansichten Saudi-Arabiens und ein Blick auf das Werk Abdalrahman Munifs, Abdallah al-Qasimis und Raja' Alims.
Von Hussain Al-MozanyMit flatternden Gewändern patrouillieren die Sittenwächter auf Straßen, Märkten und in Restaurants. Ihren scharfen Blicken entgeht kein Härchen. Unermüdlich lassen sie ihre Mahnung schallen: "Bedecke das Haar, du unantastbares Weib; lege deine Handschuhe an, deine Finger sind entblößt . . ."
Weil der männliche Blick in weibliche Antlitze in der wahhabitischen Monarchie höchst verdächtig ist und darin etwas unterschwellig Erotisches vermutet wird - trotz der totalen Verschleierung bei über vierzig Grad Hitze -, gilt die religiös legitimierte Überwachung als Privileg. Manche aufgebrachten Frauen wehren sich: "Warum schaust du mich so an? Laß den Blick von mir!" Es kann vorkommen, daß eine Frau einfach festgenommen wird, wenn sie ohne Begleiter unterwegs ist. Auch die Männer müssen sich an die Normen halten. Einem Mann ist es untersagt, in kurzer Hose auf die Straße zu gehen oder sich mit einer ihm nicht verwandten Frau öffentlich zu zeigen.
Jede Einmischung von außen zum Scheitern verurteilt
Im posttalibanischen Musterstaat Saudi-Arabien ist lediglich der Herrscherfamilie, die nahezu 2500 Prinzen umfaßt, alles erlaubt, Prinzessinnen natürlich ausgenommen. In der Zeit der "unkalkulierbaren Risiken", in der Kriege jederzeit vom Zaun brechen können, bemüht sich die Prinzenriege, Einheit und Entschlossenheit zu demonstrieren. Wortführer der Wüstendynastie ist der saudische Außenminister Prinz Saud al-Faisal. Beim Kulturfestival "al-Qanadiriya" beschwor er die islamisch-arabische Identität seines Landes und zeigte sich gleichzeitig offen für Reformen - sofern diese in den "Rahmen des gesamten arabischen Reformprozesses" gestellt würden.
Drei fatale Illusionen, so al-Faisal, beeinträchtigten die Beziehungen zwischen Volk und politischer Führung. Erstens die wiederholte Forderung der Regierung, Reformen zu verschieben, damit die inneren Kräfte gegen äußere Aggressoren mobilisiert werden können; zweitens der angebliche Widerspruch zwischen Moderne, Globalisierung und traditionellen Werten der arabischen Gesellschaft; drittens der mißverstandene Pluralismus, wo die Einmischung der Bürger entweder übertrieben vergrößert oder zur Bedeutungslosigkeit reduziert werde. Den arabischen Menschen, so der Prinz, stehe nichts Geringeres bevor als die Befreiung von allen Hindernissen, die sie am Denken und an kreativer Beschäftigung hindern. Die Europäer sollen allerdings nicht zu ungeduldig sein: "Wir wollen von Ihnen lernen, aber wir wollen nicht, daß uns Dinge aufgezwungen werden." Die Botschaft ist klar: Jede Einmischung von außen ist zum Scheitern verurteilt.
Der Mut und der Einsatz saudischer Intellektueller
Tatsächlich bewegt die saudische Gesellschaft sich stetig nach vorn. Es gibt zur Zeit etwa 4,3 Millionen Schüler und Studenten im Königreich, wobei Schülerinnen und Studentinnen sogar überwiegen. Ein Drittel der staatlichen Stellen wird von Frauen besetzt. Zugleich läßt sich erstmals eine Öffnung in Richtung anderer Konfessionen ausmachen. Wo früher Schiiten, Saiditen oder andere religiöse Minderheiten mit Argwohn betrachtet wurden, führt man inzwischen Gespräche auch über andere religiöse Überzeugungen. Diese Öffnung geht unter anderem auf eine Empfehlung des "Nationalen Treffens für Gedankenaustausch" zurück, die vorsieht, daß die Informationspolitik ein Gleichgewicht im Dienst "der Religion und des Vaterlands" herstellt, eine "objektive wissenschaftliche Darstellung fern von jeglicher Teilung und Splitterung und die gedankliche und konfessionelle Vielfalt berücksichtigt".
Dies praktizieren die saudiarabischen Intellektuellen seit langem. Ihnen ist es zu verdanken, daß im Denken der politischen Elite eine wenn auch erst zögerliche Veränderung eingetreten ist. Liest man die Schriften von saudischen Intellektuellen wie Turki al-Hamad, Abdallah al-Qudami oder Abda Khal, beeindruckt der Mut und der Einsatz, den sie aufbringen.
Abdalrahman Munifs frühes Wagnis
Eine offene Auseinandersetzung mit der saudischen Gesellschaftsordnung wagte schon vor Jahrzehnten der Schriftsteller Abdalrahman Munif, der vor einigen Monaten in Damaskus starb. Bereits in seinem ersten, 1973 erschienenen Roman "Alaschqar wa igtial Marzuq" (Die Bäume und Ermordung Marzuqs) erzählt Munif die Geschichte eines Universitätsdozenten, der seine offizielle und damit verbundene soziale Identität verliert und wegen politischer Betätigung vom Dienst suspendiert wird. Erst viel später gelingt es ihm, seine ihm abgesprochenen Rechte wiederzuerlangen.
Munif wurde 1933 in Amman geboren. Der Vater war ein saudischer Kaufmann, die Mutter Irakerin. Teile seiner Kindheit verbrachte er in Jordanien und Saudi-Arabien. Aufgrund seiner arabisch-nationalistischen Aktivitäten wurde ihm 1963 der saudische Paß entzogen. Sein Roman "Östlich des Mittelmeeres" schildert die tragische Geschichte eines Gefangenen, dem die Folterknechte ein Geständnis abzwingen, um ihn später als gebrochenen Menschen zu entlassen, dem man erlaubt, nach getanem "Dienst" das Land zu verlassen. Der Erfolg dieses Romans mit mehr als zehn Auflagen in fünfzehn Jahren veranlaßte den Autor, den Stoff nochmals aufzugreifen.
Ein neuer Staat aus dem Nichts
In dem fünfteiligen Roman "Mudun al-milh" (Salzstädte) wandte sich Munif dann einem anderen heiklen Thema zu: der Entstehung des modernen Ölstaats Saudi-Arabien und dem daraus resultierenden Bruch mit den alten arabischen Gesellschaftsstrukturen und Traditionen. Da die offizielle Geschichtsschreibung vollendet ist, versucht Munif hier, Aufrichtigkeit und Leichtgläubigkeit, aber auch den Widerstand der einfachen Menschen zu schildern. Die nach Öl gierenden Amerikaner, einige arabische Stammesoberhäupter, Prinzen, ihre Diener, Vermittler und Zuhälter stehen Hirten, Bauern und Besitzlosen in einer erbarmungslosen Konfrontation gegenüber, die trotz Widerstand zugunsten eines künstlichen Staatsgebildes entschieden wird. Obwohl der Roman von den Betonstädten Harran und Muran spricht, wissen viele, daß die Ölstädte Dahran und Riad gemeint sind, deren Baumaterial nicht aus der natürlichen Umgebung stammt, wo einst Nomaden und Hirten ihre Behausungen im Wüstensand aufstellten, sondern aus Glas und Zement und die sich bei Stromausfall und 50 Grad im Schatten in regelrechte Backöfen verwandeln.
In seinem letzten großen Roman versuchte Munif nicht weniger als Gründung und Etablierung eines neuen Staates aus dem Nichts. Der doppeldeutige Titel "Das schwarze Land" deutet auf die früharabische Bezeichnung für Mesopotamien, meint aber auch das von Schicksalsschlägen heimgesuchte Land. In der 1400 Seiten starken Trilogie geht es um das mutige Unterfangen des mamlukischen Herrschers Daud Pascha (1774 bis 1851), einen modernen Staat zwischen Euphrat und Tigris zu errichten. Sein Vorbild war Muhammad Ali in Ägypten, der allmählich seine Unabhängigkeit von der Hohen Pforte erlangte. Die politischen Ereignisse sind Nebensache; in den Mittelpunkt tritt die Befindlichkeit der Bagdader Bevölkerung, Patriotismus, Schlagfertigkeit und Doppelmoral von unzähligen Nebenpersonen. Manko dieser Trilogie ist Munifs Versuch, die Lehren der Vergangenheit, welche die Gegenwart zu ziehen hat, auf die Zukunft zu projizieren, doch eher aus Kalkül denn aus echter Betroffenheit.
Einer der feurigsten, wortmächtigsten Kritiker: Abdallah al-Qasimi
Düster ist das Weltbild des ebenfalls in Verbannung lebenden saudiarabischen Denkers Abdallah al-Qasimi, eines der feurigsten, wortmächtigsten und radikalsten Religions-, Politik- und Sozialkritiker der modernen arabischen Kultur. Er wurde 1907 in einem Dorf im Nagd, im Norden der Arabischen Halbinsel, in bitterarme Verhältnisse hineingeboren. Sein Vater war ein fanatischer Muslim, der die Familie verstieß, als der Sohn erst vier Jahre alt war. In Riad nahm er Unterricht in Koraninterpretation. Später besuchte er die Al-Azhar-Universität in Kairo, wo er sein erstes Buch, eine polemische Auseinandersetzung mit den Al-Azhar-Gelehrten, verfaßte - woraufhin er entlassen wurde. Es folgten eine Reihe von Schriften zum "Kampf zwischen Islam und Heidentum", die ihm Vergleiche mit dem berühmten sunnitischen Theologen Ibn Taymiyya eintrugen.
Den wahren Bruch mit dem islamischen Gedankengut markierte das 1946 erschienene "Das sind die Fesseln!", das er dem saudischen König Abdelaziz widmete. Das Buch wurde ein großer Erfolg. Das geistliche Oberhaupt von Al-Azhar stellte den Verfasser in eine Reihe mit Aufklärern wie Ibn Chaldun, al-Afghani und Muhammad Abda. Dennoch erklärte man ihn in Saudi-Arabien zum Ketzer und plante seine Ermordung. In einem Kairiner Café kam es zu einer Begegnung zwischen dem Opfer und seinem bestellten Attentäter. Jener, beeindruckt von der Persönlichkeit al-Qasimis, gestand, von religiösen Eiferern geschickt zu sein, worauf al-Qasimi ihn fragte, welche Versprechungen sie ihm denn gemacht hätten. "Das Paradies", antwortete der junge Saudi. Al-Qasimi entgegnete: "Wenn mein Tod einen Platz im Paradies garantieren kann, warum haben die Auftraggeber die Tat dann nicht selbst vollbracht?" Er entging drei Mordversuchen. 1996 starb er eines natürlichen Todes.
Atheismus als komplizierte Stufe des Denkens
Mit bitterem Hohn beschreibt al-Qasimi die arabischen Diktatoren und ihre angeblichen Siege gegen Israel, wobei er das Wort "Ubur", Durchbruch, im Zusammenhang mit der Überschreitung des Suezkanals im Oktoberkrieg zu "Uburi", einer Verballhornung für "hebräisch" im Arabischen, benutzt. Damit löst er im Handumdrehen den verbalen Konflikt zwischen Juden und Muslimen. Nach Nietzsche verkündet er den Tod des Menschen, welcher Gott und den Propheten, die Religion und den Lehrer, mit unterschiedslosem Blick sieht. Der Atheist dagegen, der nicht als Nachahmer denke, urteile mit verschärfter Moral und Verstand. Die Muslime, so al-Qasimi, zeigten äußerste Naivität, wenn sie sagen, es gebe keinen Gott außer Allah und daß ihnen das Paradies gesichert sei, selbst wenn sie Unzucht begehen, stehlen oder morden. Gibt es einen unzivilisierteren Gott als den, der vor Heuchlern, Lobrednern und Gläubigern Gefallen findet, fragt al-Qasimi.
Für ihn reduziert sich das Niveau des arabischen Diskurses auf das vorsprachliche Zeitalter. Es gäbe kein besseres Beispiel für die Verständnislosigkeit der Araber als ihren Glauben, die Erdbeben, Orkane und Donner als Sprache Gottes zu verstehen. Nicht einmal als Ketzer seien sie geeignet, denn der Atheismus sei eine schwierige und komplizierte Stufe des Denkens, denn er erfordere Mut, Zorn, Moral und eine umfassende Weltanschauung.
Verweigerung der westlichen Literatur: Raja' Alim
Anders als diese beiden verbannten saudischen Schriftsteller lebt Raja' Alim immer noch in ihrem Geburtsort Mekka, wo auch ihre inzwischen sieben sowohl stilistisch als auch inhaltlich komplexen Romane spielen. Darin offenbaren sich fremde Welten, in denen der Kampf um endgültige körperliche und geistige Gestaltung ausgetragen wird. Auch die Sprache Alims ähnelt einem Taumeln zwischen archaisch hermetischen Formen und unmittelbarer Offenbarung. Die Autorin greift auf alte arabische Sagen und Fabeln zurück und weigert sich demonstrativ, Themen oder Erzähltechniken aus der westlichen Literatur zu übernehmen. Immer wieder testet sie, wie weit sie gehen kann.
Raja' Alim stellt neben ihrer Schwester Shadia, einer Malerin und Bildhauerin, ein neues Phänomen in Saudi-Arabien da. Beide haben Anglistik studiert, beide sind Kinderpädagoginnen, beide sind angetan von der Stoffülle vorislamischer Zeit, allen voran das heidnische, ungebundene Nomadenleben mit seinen Wüstendüften, Geisterbeschwörungen und Wahrsagereien. Beide sind total verschleiert, beide unverheiratet geblieben - das allein ist schon ein Kunststück im heutigen Saudi-Arabien.