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Antja Rávic Strubel: Tupolew 134 Wer nicht liebt, verrät sich selbst

Das wunderböse Märchen vom verlorenen Märchenglauben in der DDR: In ihrem faszinierenden Roman „Tupolew 134“ erzählt Antje Rávic Strubel die Geschichte einer Republikflucht.

© C.H.Beck Vergrößern

Antje Rávic Strubel war vier Jahre alt, als der DDR-Bürger Detlev Tiede ein polnisches Flugzeug entführte, das von Warschau nach Ost-Berlin fliegen sollte. Am Ende landete es jedoch in West-Berlin, wo Scharfschützen der amerikanischen Armee auf der Landebahn des Flughafens Tempelhof warteten, die Waffen im Anschlag.

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Sie war fünfzehn, als die Mauer fiel, und nur wenig jünger, als sie als Schülerin den Arbeitsalltag im Automobilwerk Ludwigsfelde kennenlernte. Dort, in der kleinen Stadt unweit von Potsdam, wo Antje Rávic Strubel 1974 geboren ist, wurden jene schweren allradgetriebenen Lastwagen gebaut, die ihren Dienst in der ganzen sozialistischen Welt versahen. Sie transportierten Schutt und Erz, Kies und Zuckerrüben, und sie dienten als fahrbare Abschußrampen für die Raketen, deren Sprengköpfe für jenen Westen gedacht waren, in den Detlev Tiede die Tupolew mit einer Spielzeugpistole dirigierte.

Ungeheures Aufsehen

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Der Fall erregte damals ungeheures Aufsehen. Die polnische Linienmaschine war am 30. August 1978 pünktlich um 6.50 Uhr in Warschau gestartet und in Danzig zwischengelandet. Von dort sollte es weitergehen zum Ost-Berliner Flughafen Schönefeld, wo der Flug mit der Nummer Lo 363 für 8.55 Uhr erwartet wurde. Die Landung erfolgte aber erst eine Stunde und neun Minuten später - und zwar im Westen, in Tempelhof.

antje ravic strubel © dpa Vergrößern Antje Rávic Strubel

Die Fakten lassen sich noch heute genau rekonstruieren, es gibt Protokolle der Verhandlungen, alle Zutaten für einen perfekten Thriller sind vorhanden. Ist dieser Roman also eine dramatische deutsch-deutsche Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Kalten Krieges, mit spektakulären Schauplätzen und überraschenden Wendungen? Nein, er ist etwas viel besseres: "Tupolew 134" erzählt das wunderböse Märchen vom verlorenen Märchenglauben in der DDR.

Ein ungewöhnliches Verfahren

Nach etlichen Monaten in amerikanischer Untersuchungshaft wurde Tiede von deutschen Geschworenen und einem amerikanischen Richter freigesprochen. Die Zeitungen im Westen sprachen übereinstimmend von einem "höchst ungewöhnlichen Verfahren", die Presse in Polen und der DDR sah in dem Urteil eine Provokation, einen Skandal. Polnische Kommentare erregten sich über westdeutsche Fernsehbilder, die Tiede vor einer Kopie der Freiheitsstatue zeigten, und heuchelten Empörung über diese "Verhöhnung eines amerikanischen Symbols der Freiheit und Gerechtigkeit."

So schützte der Sozialismus ein Freiheitssymbol des kapitalistischen Gegners vor der Beschädigung durch einen seiner Zöglinge, der ebenjene Freiheit wollte, die der Osten verweigerte und der Westen versprach. Dies ist nur eine der Kapriolen, die im "Fall Tiede" geschlagen wurden. Daß genau ein Vierteljahrhundert später eine junge Autorin aus der ehemaligen DDR diesen Fall zum Ausgangspunkt eines großen Romans gemacht hat, gehört zu jenen wunderbaren Kapriolen, wie sie nur die Literatur zustande bringt.

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Veröffentlicht: 06.10.2004, 14:05 Uhr