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Antiquariate : Altbücherland ist abgebrannt

Geschlossenes Antiquariat im französischen Lapalisse Bild: Picture-Alliance

Um bibliophile Schätze zu veräußern oder zu finden, gibt es Antiquariate. Doch die Branche ist in der Krise, und das liegt just an dem Mittel, von dem man sich die Gesundung des Geschäfts versprach.

          Es gebe eine gute und eine schlechte Nachricht, hieß es in der Mail, die das Antiquariat Sellner, Stein & Partner in der vergangenen Woche an seine Kunden verschickte. Die schlechte: Das Versandantiquariat stelle demnächst den Betrieb ein. Die gute: Im Räumungsverkauf würden „Tausende Bücher für einen bis drei Euro und viele seltene Titel zum halben Preis“ angeboten, dazu Büromöbel und Inventar des Antiquariats.

          Solche Meldungen, sagt Peter Rudolf, bekomme er etwa jede Woche, auch wenn es nicht immer weithin bekannte Unternehmen wie Sellner, Stein & Partner seien. Der geschäftsführende Vorstand der Genossenschaft der Internet-Antiquare (GIAQ) sieht seine Branche insgesamt in Gefahr, das „klassische Antiquariatswesen werde weiter dezimiert“, verstrickt in einen Kampf, der einfach nicht zu gewinnen sei.

          Das hat ausgerechnet mit einem Werkzeug zu tun, das anfangs den Händlern wie ihren Kunden als reiner Segen erscheinen musste. Denn mit dem Aufkommen des Internets erreichten die Antiquare schlagartig sehr viel mehr Kunden als mit dem bis dahin üblichen Versand ihrer Kataloge. Und das umso mehr, seit vor knapp zwanzig Jahren, im November 1996, die Plattform ZVAB gestartet wurde, eine Gründung von drei Berliner Studenten. Antiquariate bieten dort ihre Bücher an, Kunden können dort Preis, Ausstattung und Zustand der Bücher vergleichen und treffen dabei auf Händler, deren Ladengeschäfte sie wahrscheinlich nie gefunden hätten oder die überhaupt nur Versandhandel betreiben. Inzwischen, schätzt Rudolf, sind fast alle unter den etwa 1400 deutschen Antiquaren, die online handeln, auch im ZVAB vertreten.

          Preise im Sinkflug

          Das allerdings gehört schon lange nicht mehr den Gründern. Die Plattform, die zwischenzeitlich verkauft worden war, wird seit 2011 von Abebooks betrieben, einer Tochterfirma von Amazon. Spricht man mit Händlern, beklagen sich viele über die im vergangenen Jahr geänderten Geschäftsbedingungen, und Kunden wundern sich, dass sie nicht mehr wie bisher einfach bestellen können, sondern ein Nutzerkonto einrichten müssen.

          Manchen Antiquaren ist das suspekt. Sie weisen ihre Kunden darauf hin, dass es die Bücher billiger gibt, wenn über die Plattform www.antiquariat.de bestellt wird, die seit 2005 von Peter Rudolfs GIAQ betrieben wird. Dort sind, sagt Rudolf, inzwischen vierhundert Händler mit fünf Millionen Titeln vertreten.

          Vom Suchen und Finden der Bücher: Antiquar Andre Bauer in seinem Geschäft in Sachsen
          Vom Suchen und Finden der Bücher: Antiquar Andre Bauer in seinem Geschäft in Sachsen : Bild: Picture-Alliance

          Doch die Gründe dafür, dass Versandantiquare wie Sellner, Stein & Partner aufgeben müssen, haben weniger mit der Frage zu tun, wie das ZVAB organisiert ist und ob es eine Alternative gibt, sondern mit der Entwicklung im Handel überhaupt, die das Internet angestoßen hat. Seit jeder mit wenig Aufwand online Gebrauchtwaren anbieten kann, sind die Preise insgesamt gesunken - vor allem für Bücher: „Außer in einigen Nischen sind die Preise am antiquarischen Buchmarkt im Sinkflug“, schreibt Albert Sellner, „wir müssen heute dreimal so viel verkaufen wie vor zehn Jahren, um allein den Umsatz zu halten.“

          Mehr Zeit als Verdienst

          Von einer „Preisspirale nach unten“ sprechen dann Antiquare auch einmütig, und jeder Kunde kann das leicht überprüfen: Wer sucht, findet den „Zauberberg“ im Taschenbuch zum Preis von einem Cent, und die hinreißend schönen Dünndruckklassiker aus dem Winkler Verlag sind zum Teil schon für fünf Euro zu haben - vor dreißig Jahren musste man dafür etwa dreimal so viel bezahlen.

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