02.02.2006 · Unentwegt jammert er, der naive Prinz: „Ach, wenn's mir nur gruselte!“ Er ist ein Taugenichts, doch trotzdem kann man ihn bewundern. Und noch mehr die Prinzessin, die ihn endlich aus der Ruhe bringt.
Dies ist keines jener kunstvoll ökonomischen, vignettenhaften Märchen, deren merkwürdiges Aroma man irgendwo im Unbewußten speichert, von wo aus es einen später unverhofft anweht. Es ist geradeheraus, eine knochenklappernde Geisterbahnfahrt, die - selten genug bei den Brüdern Grimm - mit Gelächter endet.
Danach hört man noch eine Weile die Königstochter und ihr Kammermädchen kichern. Nach dem ersten Schock wird der junge König wohl erleichtert einstimmen: Er hat sich gerade zum ersten Mal in seinem Leben gegruselt, weil die beiden Frauen ihn im Schlaf mit einem Eimer winziger Fische überschütteten. Zu guter Laune hat er allen Grund. Schließlich war es sein sehnlichster Wunsch, jenes Gefühl kennenzulernen, von dem er nicht einmal wußte, daß es sich um Angstlust handelt, die kleine Schwester der Furcht. Sein ständiges Gejammere „Ach, wenn's mir nur gruselte!“ hat also ein Ende, was man wegen des hübschen Klangs natürlich bedauert.
Bewunderter, naiver Taugenichts
Gruseln stand in der dritten Klasse auf meiner Prioritätenliste auch ziemlich weit oben. In den achtziger Jahren gab es zu diesem Zweck grüne und pinkfarbene Hörspielcassetten mit Titeln wie „Die Insel der raunenden Totenköpfe“. Nicht immer hielten sie, was sie versprachen. Über Grimms Märchen war man mit neun Jahren eigentlich erhaben: zu alt und zu sehr Stadtkind, um den bösen Wolf für bare Münze zu nehmen, und noch nicht alt genug, um die erwachsene Dimension seiner Bedrohlichkeit zu erkennen.
Doch das Märchen vom Jungen, der so gar keine Ahnung hat, wie das Gruseln geht, und es für ein Handwerk hält, das seinen Mann wohl ernähren kann, behielt seine Anziehungskraft. Trotz seiner Naivität konnte man den angeblichen Taugenichts bewundern wegen seiner Tatkräftigkeit und seiner grotesk guten Absichten: Er versammelt die Leichen von Gehängten neben sich am Feuer, damit sie sich wärmen, und weiß ausgezeichnet mit Drehbank und Schnitzmesser umzugehen, um Totenköpfe und Geisterkatzen zur Raison zu bringen.
Die bessere Prinzessin
Später lernt man daraus, daß einem reinen Toren nichts geschehen kann. Erst die List der Frauen macht ihn verwundbar - und zugleich reif. Unter all den grausamen, dummen oder schicksalsgeplagten Frauenfiguren, die unsere Märchen zu bieten haben, ist die Königstochter mit dem Eimer voller Gründlinge eine weise heitere Ausnahme und ein besseres Rollenmodell als Dornröschen allemal.