Der vielleicht gespenstischste Eintrag in Anna Politkowskajas nachgelassenem Manuskript stammt vom 13. Februar 2004. Zwei Jahre, sechs Monate und zweiundzwanzig Tage bevor die russische Journalistin erschossen im Aufzug ihres Moskauer Wohnhauses aufgefunden wird, klingelt in der Redaktion von „Nowaja gaseta“ das Telefon. Es meldet sich jemand aus russischen Geheimdienstkreisen, eine Nachricht soll übermittelt werden. Der Empfänger ist Iwan Rybkin. Die Botschaft: Falls Rybkin aus seinem Londoner Exil in einer Fernsehdiskussion belastendes Material gegen Putin auf den Tisch lege, gebe es einen Terroranschlag. Politkowskaja schreibt: „Ich tue, worum ich gebeten worden bin. Doch auch ohne die Warnung hat Rybkin bereits alle Fernsehauftritte abgesagt. Sein Leben ist ihm lieber.“
Warum? Warum war nicht auch Politkowskaja ihr Leben lieber? Der Buchumschlag ihres „Russischen Tagebuchs“ zeigt die Autorin, die für ihre Schriften von einem Auftragskiller abgeknallt wurde: eine Frau Mitte vierzig, mittellange Haare, Ohrringe, Brille. Rybkins Schicksal erlebte sie noch mit: Im Jahr 2004 hatte er in den Präsidentenwahlen gegen Putin kandidiert, dessen Regierung er gegenüber der Presse als „Diktatur“ bezeichnete und deren Tschetschenien-Politik als „Staatsverbrechen“; kurz darauf wurde er als vermisst gemeldet und kehrte dann plötzlich zurück, mit der wirren Behauptung, im Urlaub gewesen zu sein: „wie ein lebender Leichnam, mit einer Damensonnenbrille auf der Nase“, schreibt Politkowskaja.
Zwei Arten, jemanden umzubringen
Zu Wort meldet sich daraufhin einer, der auch erst ins Exil ging und heute tot ist. Der ehemalige und nach London geflohene Geheimdienstler Alexander Litwinenko erklärt öffentlich, das Auftreten Rybkins deute auf eine Behandlung mit dem psychotropen Präparat SP 117 hin, ein Psychopharmaka, das zur Willenlosigkeit führt und dann zum Blackout. Rybkin zog seine Kandidatur zurück und ging nach London. Das Ende der Affäre erlebte Politkowskaja nicht mehr: Am 7. Oktober 2006 wurde zuerst sie ermordet. Am 23. November des gleichen Jahres starb Litvinenko an den Folgen einer Polonium-Vergiftung in einem Londoner Krankenhaus. Keiner der Morde ist aufgeklärt.
Es gibt zwei Arten, jemanden umzubringen: die eine langsam, schleichend, über einen längeren Zeitraum; die andere plötzlich, von einer Sekunde auf die andere.
Die erste Form, der Giftmord, zielt darauf ab, keine Spuren zu hinterlassen, und es war dieser Tod, den Politkowskaja zuerst fürchtete. Anfang September 2004 berichtete sie auf einem Flug nach Beslan, Opfer eines Giftanschlags geworden zu sein. Damals überlebte sie jedoch noch.
Der mit dem Vergiftungstod verbundene, quälend lange Sterbeprozess beschreibt zugleich den Zustand Russlands, wie ihn Politkowskaja protokolliert. In ihren Aufzeichnungen schultert sie die fast übermenschliche Aufgabe, die tagtäglichen Symptome des Verfalls niederzuschreiben, das schrittweise Ausfallen der demokratischen Staatsorgane. Es sind kurze trockene Sätze, mit denen Politkowskaja den Zeitraum zwischen Dezember 2003 und August 2005 absteckt, wie das Stakkato einer Medizinerin, der der Patient unter den Händen wegstirbt und die sich trotzdem nicht abwendet. „Kann man heute von einer Krise der parlamentarischen Demokratie in Russland sprechen?“, fragt sie im Dezember 2003 und antwortet: „Nein. Unter Putin erlebt der russische Parlamentarismus sein Ende.“ Die Duma: reduziert „auf das dekorative Absegnen und Abstempeln der Putin'schen Beschlüsse“. Das Volk: „willens, ohne Demokratie zu leben“.
Bittschriften an den Zaren
Und wieder die Frage: Warum Politkowskaja? Es wäre doch auch anders gegangen, stiller. Stattdessen tippte die zierliche Frau tagtäglich Sätze von kühler Respektlosigkeit gegenüber allen Einschüchterungsversuchen in die Tastatur, die Selbstdarstellung der Regierung auf den Kopf stellend: Die Live-Sendung, in der Zuschauer Fragen an Putin stellen, nennt sie „eine moderne Variante des Rituals der ,Bittschriften an den Zaren'“; die Fragen seien ausgewählt, die Antworten vom Blatt abgelesen. Wenn es ihr richtig scheint, nennt sie öffentliche Auftritte „lächerlich“ oder notiert, wenn Putin, angesprochen auf den inhaftierten russischen Unternehmer Chodorkowskij, losbrüllt „wie ein Marktschreier oder Aufseher im Gefängnis“.
Während sich 2004 der Strick um freie Presse und Rechtsprechung immer enger zog, Politiker, Journalisten und Menschenrechtler verschwanden, bedroht wurden oder Asyl beantragten, während der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder in Machtumarmungstaumel Putin einen „lupenreinen Demokraten“ nannte, die Hamburger Universität dem russischen Präsidenten schon mit der Ehrendoktorwürde entgegeneilen wollte, blieb sie auf unerklärliche Weise: kaltschnäuzig, unbeeindruckt. Sie, die besser wusste als jeder andere, dass sie unterlegen war, urteilte über die Mächtigen stets auf Augenhöhe - sogar mit Herablassung.
Fußballplatzgroße Betten
Als Politkowskaja im August 2004 für ein Interview das Haus des tschetschenischen Führers Ramsan Kadyrow besucht, den damals siebenundzwanzigjährigen Sohn des bei einem Attentat getöteten Präsidenten Tschetscheniens, den Putin gegen die Separatisten des Landes aufgebaut hatte, witzelt sie über die Offiziellen des Landes: „Ehrfürchtig machen sie vor dem Jüngling mit dem geistlosen Gesicht eines Degenerierten ihren Kotau.“ Man lässt sie sieben Stunden im Gästehaus warten; währenddessen verulkt sie den Springbrunnen, die säulenverzierte Terrasse, die Rattanmöbel aus Hongkong, den Marmorkamin, Sauna, Whirlpool und die „fußballplatzgroßen Betten“. Es sind lustige Passagen, in denen der Leser kurz vergisst, dass es um Leben und Tod geht. Dann, als nach dem Warten doch das Interview beginnt, Kadyrows Satz: „Du bist eine Feindin. Schlimmer als Bassajew.“ Bassajew, der fundamentalistische Untergrundkämpfer, war zu diesem Zeitpunkt der meistgesuchte Mann in Russland. Er starb 2006. Politkowskaja setzt das Interview kommentarlos mit der nächsten Frage fort.
Alles, was in den letzten Jahren als Schlagzeile in Deutschland eintraf, kommt in dieser Chronik vor: die Wiederwahl Putins, der Tschetschenien-Krieg, die Revolution in Orange in der Ukraine, das Massaker an der von tschetschenischen Terroristen besetzten Schule in Beslan, der zu Tode gefolterte russische Soldat, der sich mit auf die Knochen wundgescheuerten Füßen weigerte, weiter in zu kleinen Schuhen zu marschieren. Den Opfern und deren Angehörigen gibt Politkowskaja ihre Stimme. Sie hält ihre Fragen fest, zum Beispiel die einer Mutter an den Staatsanwalt, warum bei der Befreiung des Moskauer Musicaltheaters im Jahr 2002 neben fünfzig tschetschenischen Rebellen fast doppelt so viele Geiseln getötet wurden, darunter ihre dreizehnjährige Tochter. Antwort: „Wenn ihr eine Million Dollar gekriegt hättet wie im Westen, wärt ihr alle sofort ruhig gewesen. Hättet noch ein bisschen geheult und wärt dann schön still gewesen.“
Habe ich Angst?
Für Politkowskaja scheint es kein Leiden anderer gegeben zu haben; den Unterschied zwischen dem eigenen Wohl und dem Unglück anderer hob sie auf. Die Verletzung, das Unrecht, die Verachtung gegenüber Zweiten nahm sie persönlich. Dafür wurde sie auf die zweite Art, jemanden umzubringen, getötet: plötzlich, mit mehreren Schüssen in den Körper und einem letzten in den Kopf.
Warum ihr das eigene Leben nicht lieber war als das anderer, beantwortet die für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels vorgeschlagene Politkowskaja in dem letzten Schriftstück des Buches: „Finale: Habe ich Angst?“ Sie antwortet in beschämender Schlichtheit. Das Negative beiseite zu wischen, heißt es dort, und sich hinter der Betrachtung des Positiven zu verstecken, „ist in meinem Koordinatensystem die Position eines Pilzes, der sich unter einem großen Blatt verbirgt. Den Pilz wird man mit größter Wahrscheinlichkeit finden, abschneiden und aufessen - dem entgeht er nicht. Und deshalb kann man kein Pilz sein, wenn man als Mensch geboren ist.“ Kein Pilz sein. Dafür ließ sich Anna Politkowskaja erschießen.
erschreckend
Daniel Rossmann (Danielrossmann)
- 06.03.2007, 14:05 Uhr