Home
http://www.faz.net/-gr0-qt6n
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Anna-Amalia-Bibliothek Rettet unsere Bücher!

02.09.2005 ·  Vor einem Jahr zerstörte die Brandkatastrophe in der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar Tausende unersetzbarer Bücher. Doch auch in anderen deutschen Bibliotheken stehen nicht minder kostbare Schätze auf der Gefährdungsliste.

Von Regina Mönch
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Das alte Haus steht, grün überwuchert, abseits der Touristenpfade, in einer holprigen Gasse im Brühl. Der Magazinsaal im zweiten Stock ist in Dämmerlicht getaucht, und anders als im Raum darüber, in dem immer ein leichter Brandgeruch hängt, riecht es hier nach nichts. Haben sich die Augen an das Halbdunkel gewöhnt, sind in den Regalen graugrüne Kartons zu erkennen, quadratische, rechteckige, größere, kleinere. Sie stehen ordentlich aneinandergereiht, etwa 850 an der Zahl, ein jeder enthält ein Paket, sorgfältig in Teebeutelpapier eingeschlagen - darinnen Bücher. Nein, keine Bücher, sondern das, was das Feuer von Büchern, Handschriften und Karten übriggelassen hat. Der Magazinsaal in der alten Carlsmühle in Weimar ist ein Büchermausoleum geworden.

Niemand weiß, wie mit diesen verkohlten Resten, die schon bei der leisesten Berührung bröseln, umzugehen ist. Restaurierung ist fast immer auszuschließen. Doch zuweilen ist ein Deckblatt erhalten, das zu einer Huldigungsschrift für den Herzog gehörte - unersetzlich, ein Unikat -, identifiziert an einem der dafür typischen Samtbändchen, dem die Flammen weniger anhaben konnten als dem Text, der nur noch zu erahnen ist. Hier ein paar Seiten eines Werkes von Johannes Capellanus aus dem 17.Jahrhundert, dort eine einzige, an deren Rand noch die mit feiner Schrift geschriebenen Kommentare eines Lesers zu entziffern wären. Die Kataloge sind ja noch da, vom verheerenden Feuer in der Anna-Amalia-Bibliothek vor einem Jahr verschont geblieben, und damit ist feststellbar, um welches Buch es sich handelte; auch, wer es gestiftet hatte und wer seine Leser waren, denn seit Goethes Zeiten wurde auch jede Ausleihe festgehalten - auf ihre Art eine einzigartige Dokumentation der deutschen Klassik und ihrer intellektuellen Quellen. So wie man Tonscherben nicht wegwirft, die einmal zu einer kunstvollen Vase oder einer Schale gehörten, werden auch diese gewesenen Sammlungsstücke aus der verwüsteten Bücherkirche zu Weimar irgendwie verwahrt werden. Doch als was? Es gibt kein Vorbild für dieses makabre Denkmal verfehlter Kulturpolitik.

„Grab für 900.000 Bücher“

Im dritten Stock ziehen sich endlose Regalreihen hin, vollgepackt mit Büchern, deren Ordnung in etwa der entspricht, in der sie einst in der Anna-Amalia-Bibliothek standen. Nur die oben aus jedem Band herausragenden Steckbriefe und die zarten Mullbändchen, die viele zusammenhalten, zeugen davon, daß es sich nicht um ein normales Außenmagazin einer historischen Bibliothek handelt. Es ist eher eine Krankenstation, denn die Bücher kommen aus Leipzig hierher, nach der ersten Schockbehandlung, der Gefriertrocknung. Es sind Tausende, und nur zehntausend Bände konnten sofort wieder in die Bibliothek gestellt werden. Die anderen werden irgendwann restauriert, nach der Schadensanalyse, deren Ergebnis in dem dafür entwickelten Steckbrief festgehalten wird - der Zustand des Buchrückens, des Einbandes, des Papiers, der Schrift; ob es sich um Wasser- oder Hitzeschäden oder beides handelt und welche Spuren auf frühere Reparaturen zurückzuführen sind. Eine Sisyphosarbeit für Jahre, auch wenn die Diagnose pro Buch nur sechs Minuten dauern sollte - weil die Rettung der Bücher sehr viel Geld kostet. Die akribische Ordnung im Magazin täuscht, sie ist das Werk der Bibliothekare, die selbst im Chaos der Katastrophe den Überblick unverzüglich wiederherstellen. Nur so war es möglich, Zehntausende Bücher zu retten, auch dann noch, als in der Brandnacht eine dreißig Meter hohe Stichflamme aus dem Dachstuhl loderte. Wenn sie den Blick über die Reihen der versehrten Bücher in der Carlsmühle wandern lassen, über dieses scheinbare Spiegelbild der gewesenen Bibliothek, dann sehen Bibliothekare auch, was nicht mehr zu sehen, was verloren ist.

Die alten Einbände aus Kalbsleder sind zusammengetrocknet, so fest umklammern sie jetzt manches Buch, daß es nicht mehr aufzuklappen ist. Unter Tausenden fallen Hunderte auf, aus denen neben dem Steckbrief noch ein gelbes Kärtchen ragt: Die Fleißarbeit der Elise von Kaudell, die in den zwanziger Jahren so die Bücher markierte, mit denen hier einst Goethe gearbeitet hat. Denn darum ist die Anna-Amalia-Bibliothek ein einzigartiger Ort, vielleicht der wichtigste der Stadt und ihr eigentliches Museum: weil sie nicht nur diese Büchersammlung beherbergte, sondern wie kein anderes Haus die Bildung und Gesinnung jener Zeit verkörperte, die Weimar zur berühmtesten deutschen Provinzstadt werden ließ. Jetzt ist von Zehntausenden Büchern, Noten und Handschriften, die nicht mehr aus dem brennenden Haus getragen werden konnten, ihr Titel im Katalog alles, was geblieben ist. Hinzu kommen, und das ist fast vergessen, noch die gefährdeten Bücher, die Bibliotheksdirektor Michael Knoche 1998 gemeinsam mit dieser Zeitung zu einer dramatischen Aktion veranlaßten. Unter dem Titel „Die Wiege der deutschen Klassik wird zum Grab für 900.000 Bücher - wenn Sie nicht helfen“ wurde um Spenden geworben, weil auf rechtzeitige Hilfe vom Staat nicht mehr zu zählen war. Nun haben wir das Büchergrab, trotzdem war es nicht vergeblich; die Sanierung der Anna-Amalia-Bibliothek, der Bau des Tiefenmagazins und ihres Studienzentrums wären anders wahrscheinlich nicht beschlossen worden. Zu spät, auch wenn es sich, oberflächlich betrachtet, nur um ein paar Wochen zu handeln schien, denn vier Wochen nach dem Brand war das überfällige Magazin endlich fertiggestellt. Die konservatorischen Versäumnisse aber, die aus der Anna-Amalia-Bibliothek am Hang über der Ilm eine Fastruine gemacht hatten, führten zu modernden und schimmelnden Büchern, allein 160 Tonnen Bücher hätten dringend entsäuert werden müssen, von Tausenden lädierten Einbänden und Tintenfraß ganz zu schweigen.

Weimar warnt: Manchmal ist es plötzlich zu spät

Ein Schicksal, das die Weimarer Bibliothek mit anderen, nicht minder kostbaren Schatzhäusern für historische Bücher teilt. Nicht überall ist es so schlimm gewesen oder geworden wie in Weimar, aber auch weniger gravierende Sanierungsfälle sollten uns das Fürchten lehren. Wenn sich am heutigen ersten Jahrestag der Brandkatastrophe die Magazine und Werkstätten vieler Bibliotheken und Archive öffnen, soll das auch ein Signal sein, aufzuwachen und zu helfen. Etwa sechzig Millionen Bücher, Inkunabeln, historische Karten, Handschriften und Archivalien - das kulturelle Gedächtnis unseres Landes - sind gefährdet. Nicht alle so akut, daß sie übermorgen schon zu Staub zerfallen wären, ihre Schrift vom Tintenfraß unlesbar gemacht, ihre Seiten von Käfern. Aber Weimar warnt: Manchmal ist es plötzlich zu spät.

Denn Gefahr ist im Verzug, wenn allein in Berlin vierzig Prozent der Bücher auf der Gefährdungsliste stehen, wenn die Deutsche Bücherei die Hälfte ihrer Bestände als substantiell gefährdet melden muß. Wenn die Kulissenbibliothek der Frankeschen Stiftungen in Halle gerade mal Geld für die Restaurierung von etwa zehn kostbaren Büchern aus ihrem knappen Jahresetat herauszupressen vermag (aber zwanzig Prozent des Bestandes, gesammelt seit dem 15.Jahrhundert bis heute, der Restaurierung harren) und ebenda auch noch 15.000 Schulprogramme, alles Unikate, vom Säurefraß bedroht sind (aber - weil Schulen früher, als Bildung noch ein hohes Gut war, ihre Jahresberichte untereinander tauschten, eine Bildungsgeschichte erzählen, die bis heute ihresgleichen sucht); wenn Teile der atemberaubenden Bestände der Hallenser Marienbibliothek, eine der ersten öffentlichen kirchlichen Bibliotheken der Reformationszeit, zu retten sind (das Gros ist in gutem Zustand, aber Gefahrenteufel schlagen nicht nur nach Menge zu, sondern treffen ausgesucht teuflisch oft auch das Kostbarste), wenn Helwig Schmidt-Glintzer, der Direktor der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel, vor einem Rückfall in die Barbarei warnt, weil unsere Bibliotheken nicht mehr angemessen untergebracht sind und bewahrt werden können, dann, ja dann muß sich etwas ändern!

Die „Aktion Lesezeichen“ soll ein Anfang sein

Eine Allianz deutscher Bibliotheken hat sich zusammengeschlossen, um für diese Änderung zu werben. Die „Aktion Lesezeichen“ heute, deren Patron Günter Grass ist, soll dafür der Anfang sein. Sie will nicht nur an die Städte, die Landesregierungen und den Bund appellieren. Sie wendet sich an alle, an die Bürger, denen unser Selbstbild, unsere Vorgeschichte, die zivilisatorischen Leistungen, die in unseren Bibliotheken und Archiven bewahrt sind, etwas bedeuten.

Nach der Tragödie von Weimar hat es sich gezeigt: Es sind nicht nur die Leser, nicht nur die Gelehrten, deren Forschung anders nicht denkbar wäre. Es sind viele unter denen, die für den Wiederaufbau der Anna-Amalia-Bibliothek und die Restaurierung ihrer bedrohten Bestände spendeten, die noch nie einen Fuß in diese Bibliothek gesetzt hatten und es vielleicht auch nie tun werden. Aber sie bedeutet ihnen etwas, das mehr ist, als die alltägliche Leidensliturgie im deutschen Krisenland vermuten läßt. Tiefverwurzelter Bürgersinn, es gibt ihn vielerorts, wo andernfalls noch mehr Bücher zum irreparablen Schadensfall geworden wären. Nur braucht es mehr, und sollte es gelingen, aus diesem Anfang so etwas zu schmieden, wie die Stiftung Denkmalschutz es für Kirchen, Schlösser, schöne Bürgerhäuser längst ist, dann hätten wir viel gewonnen.

Quelle: F.A.Z., 02.09.2005, Nr. 204 / Seite 35
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1953, Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

Jüngste Beiträge