13.03.2006 · Sie muß sich ihren Märchenprinzen in der weiten Welt halt selbst suchen. Auf subtile Art subversiv, suggeriert Andersens „Däumelieschen“, daß nur demjenigen Freiheit und Glück beschert werden, der sein Geschick selbst bestimmt.
Kann man in die Hochzeit mit einem Bräutigam einwilligen, der nichts anderes als „Koax, koax, breckekekex“ hervorbringt und mit ihm in eine von der Schwiegermutter eingerichtete Wohnung tief unten im Sumpf ziehen? Wohl kaum, wenn man wie das schöne Däumelieschen das Leben noch vor sich hat. Winzig wie ein Daumen, wurde sie von der Kröte, die ihren Sohn unter die Haube bringen wollte, früh aus der Obhut ihrer Mutter gerissen. Ein Rudel Fische hatte Mitleid mit ihr und knabberte den Stengel des Wasserlilienblattes durch, auf dem sie sich, hilflos weinend, dem nächsten „Koax, Koax breckekekex“ ausgesetzt sah.
Aber sobald sie, nun abgenabelt, auf dem Blatt stehend den Bach an vielen Städten vorbei bis ins Ausland hinunterglitt, war aller Kummer verflogen. Der sie begleitende weiße Schmetterling und die singenden Vögel verhießen ein fröhliches, glückliches Leben. Schließlich war Däumelieschen an schöne Dinge gewöhnt, wie zum Beispiel in einer Walnußwiege auf Veilchen gebettet unter einem Rosenblatt zu schlafen. Ihr Selbstvertrauen wurde leicht erschüttert, als der Maikäfer, der sie entführte, sie wieder verstieß, weil seine Artgenossinnen sie zu häßlich fanden.
Selbst ist das Däumelieschen
Doch sie verzagte nicht, flocht sich eine Hängematte aus Grashalmen, ernährte sich von Blütenhonig und Tautropfen und verbrachte einen sorglosen Sommer im Wald. Im Winter fand sie bei einer Feldmaus Unterschlupf, die sie mit ihrem reichen Nachbarn, dem Maulwurf, verheiraten wollte. Däumelieschen aber wollte nicht im Bau des Maulwurfs lebendig begraben werden. Eine halberfrorene Schwalbe, die Däumelieschen wieder gesund pflegte, erlöste sie und nahm sie mit in ein Land, wo „immer Sommer ist und immer schöne Blumen blühen“. In einer Blume entdeckte sie einen winzigen Mann, den Elf der Blumen, der sie zu seiner Königin machte und Maja nannte.
Über die wunderbare Beschreibung der Miniaturwelt hinaus, die sich zu unseren Füßen in Wald und Wiesen tummelt, richtet dieses Märchen, das scheinbar banal mit einer Vermählung endet, an kleine Mädchen die klare Aufforderung, im Leben den eigenen Weg zu gehen, auch wenn man nicht weiß, wohin er führen wird. Däumelieschen hat nicht auf den Märchenprinzen gewartet, sie ist in die weite Welt hinaus und hat sich ihn selbst gesucht. Auf subtile Art subversiv, suggeriert „Däumelieschen“, daß nur demjenigen Freiheit und Glück beschert werden, der sein Geschick selbst bestimmt. Die Rolle der Mutter Däumelieschens beschränkte sich im wesentlichen darauf, sie in die Welt zu setzen. Beim weiteren Verlauf der Dinge hatte sie kein Sterbenswörtchen mitzureden. So wie im Leben.