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Angeklagt: Elif Shafak : „Der Bastard von Istanbul“

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Eine ihrer Figuren - und damit sie selbst - soll das Türkentum beleidigt haben: Elif Shafak Bild: Literaturca Verlag

Wie noch vor kurzem Orhan Pamuk, droht nun auch einer bekannten türkischen Autorin Ungemach durch die Justiz: Elif Shafak, ein literarischer „shooting star“, soll in ihrem jüngsten Roman das Türkentum beleidigt haben.

          Die demokratischen Reformen würden ohne Wenn und Aber systematisch verwirklicht, sagte der türkische Ministerpräsident Erdogan unlängst in Straßburg. In bezug auf die Schriftsteller und Journalisten scheint das aber nicht zuzutreffen. Kaum hat sich der „Fall“ Orhan Pamuk erledigt, gegen den Autor war nach seiner Äußerung zu den Armeniermassakern und der Kurdenpolitik seines Landes wegen „Verunglimpfung des Türkentums“ vorübergehend ermittelt worden, droht nun einer bekannten türkischen Autorin Ungemach durch die Justiz.

          Elif Shafak, der „shooting star“ der neueren Literatzurszene, soll in ihrem jüngsten, bisher nur auf Türkisch vorliegenden Roman „Der Bastard von Istanbul“ das Türkentum beleidigt haben - durch Äußerungen, die sie ihren Romanfiguren in den Mund legt. Nachdem die Anklage, die sich auf den berüchtigten Artikel 301 des türkischen Strafgesetzbuches stützt, zunächst abgeschmettert worden war, hat ihr Betreiber, der Anwalt Kemal Kerincsiz, sie nun bei einer höheren gerichtlichen Instanz vorgebracht. Die Justizreform ist noch nicht weit genug gediehen, um solche „Gesinnungsanklagen“ ein für allemal zu verhindern. Sie spiegeln auch einen Machtkampf zwischen jenen wider, die zielstrebig eine weitere Annäherung an Europa suchen, und jenen, die das zurückweisen.

          Auf der Suche nach einer stimmigeren türkischen Identität

          Die Anklage trifft eine Schriftstellerin, deren ganzes Trachten darauf gerichtet ist, der Türkei zu einer stimmigeren Identität zu verhelfen. Elif Shafak wurde 1971 in Straßburg geboren und wuchs in verschiedenen europäischen Ländern auf. Nach ihrer Rückkehr in die Türkei studierte sie in Ankara Gesellschaftswissenschaften. Einige Jahre lebte sie in den Vereinigten Staaten, wo sie an Hochschulen tätig war. Zuletzt beschäftigte sie sich mit „Gender studies“. In den Vereinigten Staaten sind ihre Werke bekannter geworden als in Europa, auch befördert durch mehrere Lesereisen der Autorin. In den vergangenen Jahren hat sie sich in Istanbul niedergelassen, einer Stadt, zu der die meisten türkischen Schriftsteller ein ganz besonderes Verhältnis entwickelt haben. Das gilt erst recht für Elif Shafak mit ihren kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Intentionen.

          Der Titel des ersten, 1997 publizierten Romans von Elif Shafak, „Pinhan“, ist in gewisser Hinsicht schon Programm: Das Wort „pinhan“ („geheim“, „verborgen“) ist osmanisches Türkisch und stammt aus dem Persischen; es gilt heute als veraltet, wie so viele Wörter, die ein Opfer der großen Sprachreform des Türkischen unter Mustafa Kemal geworden sind. Die heutigen Türken verwenden das Wort „gizli“, wenn sie „geheim“ sagen oder schreiben wollen. Elif Shafak macht in ihren Werken ganz ungeniert Gebrauch vom alten osmanischen Wortschatz, unter anderem mit dem Ziel, das ideologische Verhältnis der türkischen Intellektuellen zur eigenen Geschichte zu entkrampfen.

          Der „fortschrittliche“ Teil der Literaten neigt häufig dazu, alles Osmanische als hinterwäldlerisch und überholt zu verteufeln und sieht in der Literatur in erster Linie ein Mittel, das Volk zum (kemalistsichen oder linken) Fortschritt zu erziehen. Beim „konservativen“ Teil hingegen herrscht meistens eine nostalgische, unkritische Verklärung. Erst in jüngster Zeit hat sich diese Konstellation ein wenig gelockert, dank der Romane Orhan Pamuks und einiger Werke des linken Lyrikers Ilhan Berk, in denen die osmanische Vergangenheit, obzwar vergangen, im Hegelschen Sinne „aufgehoben“ ist, verschwunden und trotzdem vorhanden.

          Historische „Spurensuche“ in der Gegenwart

          Shafaks Vorbilder sind der Philosoph Walter Benjamin, der nach seinen jüdischen Wurzeln grub, und der türkische Autor Ahmet Hamdi Tanpinar (1901 bis 1962), der lange verkannt war, heute aber mit seinem Roman „Huzur“ („Harmonie“) als einer der Großen der türkischen Moderne gilt. Wie Tanpinar, versucht Elif Shafak eine historische „Spurensuche“ in der Gegenwart, die auch in die Zukunft weisen kann, eine Spurensuche, die sich jenseits der festgefahrenen Meinungen zur Geschichte und zur Sprache bewegt. Besondere inhaltliche Schwerpunkte sind die türkische Mystik, vor allem in jener Variante, die auf den großen Sufi-Poeten und Denker Mevlana Celalettin Rumi (1207 bis 1273) zurückgeht (Elif Shafak erhielt den Mevlana-Preis 1998), das Verhältnis zwischen Muslimen und Juden sowie die Konfrontation mit der Moderne.

          Fast jedes Jahr ist ein Roman von ihr herausgekommen, an deutschen Übersetzungen hapert es einstweilen noch. Im vorigen Jahr veröffentlichte der Eichborn Verlag „Die Heilige des nahen Irrsinns“, im Jahre 2004 hat der kleine, aber ambitionierte Frankfurter Verlag Literaturca in der Übertragung von Beatrix Caner den Roman „Spiegel der Stadt“ („Sehrin aynalari“) vorgelegt. Derselbe Verlag plant auch Publikationen von und über ihr Vorbild Ahmet Hamdi Tanpinar, unter anderem eine deutsche Fassung des Romans „Huzur“.

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