22.03.2006 · Urs Widmers Fortsetzung von „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ ist die witzigste Geschichte des Universums - das empfand jedenfalls der Dreijährige, der ihr als Hörspielkassette lauschte.
Wie alles im Leben, so hatte auch meine erste Kassette zwei Seiten. Auf der A-Seite waren - nun ja, Karnevalslieder der „Bläck Fööss“. Die B-Seite enthielt, 1978 von meinen Eltern aus dem Radio aufgenommen, Urs Widmers Hörspiel „Die Zwerge in der Stadt“. Ohne bleibende Schäden habe ich die mit Kugelschreiber beschriftete Kassette im Kinderzimmer unzählige Male durchgehört. Keine Ahnung, in welcher Kiste sie gelandet ist.
Heute schreibt Urs Widmer ja eher die Art von Literatur, die man selbst seinen Eltern zum Geburtstag schenkt. Aber damals war seine Fortsetzung von „Schneewittchen und die sieben Zwerge“, die ich wegen ihrer Hauptfigur immer nur die „Professorengeschichte“ nannte, die witzigste Geschichte des Universums - was nicht allein daran liegen kann, daß sie für mich im Alter von drei Jahren fast die einzige Geschichte des Universums war und daß ich sie in jeder Wendung beherrschte.
Nicht mehr die rechte Stimmung
Leider tue ich das nicht mehr, und überhaupt läßt sich die Handlung kaum zusammenfassen. Ein Professor für Ethnologie feiert seinen hundertsten Geburtstag und wird auf der offiziellen Feier von einem Reporter interviewt - mit vollem Mund! Nach einem kurzen Gespräch darüber, daß die Negerkinder heute Coca-Cola trinken wie die Kinder anderswo, verlassen Professor und Reporter die Party. Den zugehörigen Satz kann ich noch auswendig: „Sowieso ist hier nicht mehr die rechte Stimmung!“
Dann vertraut der Professor dem Reporter an, daß er in jüngster Zeit nicht mehr über Negerstämme, sondern über Zwerge forscht - und führt ihn prompt zum Haus der sieben Zwerge, die nach Schneewittchens Verschwinden in die Stadt gezogen sind. Sie heißen Dunk oder Lochnas und vertreiben sich die Zeit damit, „Wassergurke“ über die Zwischenstufen „Wassergurk“ und „Kaugurk“ auf „Kaugummi“ zu reimen. Im Garten fällt der Reporter platschend in einen Teich - was unendlich komisch ist, denn vorher beschleunigt er nach der Warnung des Professors noch hörbar seine Schritte! Im Hausflur wirft der Reporter die kostbare Vase um - obwohl ihn alle immer zur Vorsicht mahnen! Vielleicht wirft aber auch Schneewittchen die Vase um, als sie am Ende des Hörspiels zu ihren Zwergen zurückkehrt und ihnen gesteht, daß es sich beim Prinzen um einen Heiratsschwindler handelte. Oder aber der Ingenieur Daniel Düsentrieb, der eine Stimme hat „wie ein uralter Staubsauger“ und am Ende mit Schneewittchen ein Liebespaar bildet, zerdeppert die Vase.
Wenn ich die graue Chromdioxyd-Kassette wiederfände und außerdem mein verstaubtes Kassettendeck aus dem Keller holte, fände ich all das beim Wiederhören vielleicht gar nicht mehr so lustig. Aber so ist das ja auch mit den Schätzen im Märchen: Besser, man läßt sie einfach ruhen.