09.07.2004 · Welch wohliges Gefühl, ein mehr als 1300 Seiten umfassendes Buch auf den Knien zu haben, das sich zudem dem hehrsten Ziel des Erzählens verschrieben hat: der Belebung einer vergangenen Welt.
Nein, nicht jene "Dämonen". Sondern die von 1956, die des Heimito von Doderer. Es hätten auch die anderen sein können. Denn wie beneide ich Menschen, die sich auf ein einziges Lieblingsbuch festlegen können. Unter der Vielzahl meiner Kandidaten gibt heute Seite 1160 in Doderers "Dämonen" den Ausschlag, denn dort doziert Bankdirektor Edouard Altschul: "In Deutschland, besonders in Westdeutschland, woher ich ja stamme, wie Sie wissen, ist man sich weit mehr im klaren darüber, wie hier, daß Bücher, wenn ich so sagen darf, Lebensmittel sind." Er darf so sagen, der Direktor, gerne sogar, denn wann wäre man als Deutscher, gar als gebürtiger Rheinländer wie ich, je von einem österreichischen Autor so umschmeichelt worden? Und dann das wohlige Gefühl, ein mehr als 1300 Seiten umfassendes Buch auf den Knien zu haben, das sich zudem dem hehrsten Ziel des Erzählens verschrieben hat: der Belebung einer vergangenen Welt, in diesem Fall des Wiens der Zwischenkriegszeit. Über diese Stadt in diesen Jahren gibt es zwei weitere Lieblingsbücher: Elias Canettis "Blendung" und seine "Fackel im Ohr". Doch Doderer gelingt im vorletzten, größten Kapitel seines Romans ein derartiges Montagekunstwerk um den Brand des Justizpalastes vom 15. Juli 1927, daß darüber sogar Canettis vielfältige Behandlung seines Lebensthemas verblaßt: weil Doderers "Dämonen" alles sind, was Literatur vermag - berichtend und kommentierend, staunend und erklärend, bezaubernd und entzaubernd. "Es gälte nur, den Faden an einer beliebigen Stelle aus dem Geweb' des Lebens zu ziehen, und er liefe durchs Ganze, und in der nun breiteren offenen Bahn würden auch die anderen, sich ablösend, einzelweis sichtbar." Das ist das Schwerste, doch Doderer fällt es ganz leicht.