Ich habe zwei liebste Märchen, das eine hat mich immer wieder beschäftigt, seitdem ich sechzehn war und es zum ersten Mal gelesen hatte, das zweite habe ich nie gelesen, sondern nur einmal gehört, und zwar aus dem Mund Bernhard Minettis, ich glaube, es war ein Märchen der Brüder Grimm, aber ich habe es nie wieder gefunden. Bis heute kann ich mich nicht zwischen beiden Märchen entscheiden. Beide bilden sehr verschiedene, geradezu divergierende Teile meines Lebens ab.
Das erste hat Novalis geschrieben, er hat es seinen „Lehrlingen zu Sais“ hinzugefügt, es ist das Märchen von Hyazinth und Rosenblüte. Alles ist dort in dem Märchen sprechende Natur, und die Natur selbst ist ein Paradiesgärtlein, die Rose streicht um Hyazinth, den Jüngling, herum, und der Efeu streichelt ihm die sorgenvolle Stirn.
Einen solchen Ausgang wünscht man sich
In Rosenblüte, das Mädchen, ist er verliebt wie Novalis in seine Sophie. Aber als echter Novalis macht sich Hyazinth lieber auf die Wanderung zur Weisheitsgöttin und läßt zu Hause alles im Stich. Gewissensbisse macht er sich kaum, so getrieben ist der Jüngling zur Weisheit, nicht anders als die Blume, die zum Licht strebt. Man wirft es ihm auch kaum vor als Leser, denn er handelt wie in göttlicher Naivität.
Als er nach langer Wanderung (für den Leser wird es nicht lang, das Märchen dauert leider nur fünf Seiten) endlich die Weisheitsgöttin, die himmlische Jungfrau, trifft, hält er plötzlich Rosenblüte in den Armen. Mögen gewisse Dinge in meinem Leben (ich bin jetzt achtunddreißig) doch einst auch einen solchen Ausgang nehmen!
Das andere Märchen, das ich, wie gesagt, nicht benennen kann und an das ich nur noch rudimentär erinnere, ist mir trotz zunehmender Entfallenheit andauernd präsent, nämlich insofern ich Stammgast der Gastwirtschaft „Zum Gemalten Haus“ in Frankfurt bin.
Von Blutwurst und Leberwurst
Es handelt von einer Blutwurst und einer Leberwurst. Die eine lädt die andere zu sich nach Hause ein, aber dann zückt sie das Messer (glaube ich), und die andere Wurst, mag es nun die Blut- oder die Leberwurst sein, läuft erschrocken aus dem Haus, während die gegnerische Wurst ihr zum Fenster hinaus noch irgend etwas nachruft, so etwas wie „Hab' ich dich, dann eß' ich dich“.
Ich kann mich, wie gesagt, an vieles kaum mehr erinnern, aber dennoch muß ich immer, wenn ich mein Leibgericht bestelle, nämlich Wellwürstchen (Blut- und Leberwurst), an diese eigenartige Auseinandersetzung denken, und vor allen Dingen natürlich an Bernhard Minetti, den großen Schauspieler, der beide Würste hervorragend darstellte, obgleich er gar nicht kostümiert war und leider auch inzwischen tot ist.