28.12.2005 · „Aschenputtel“ von den Gebrüdern Grimm ist das perfekte Märchen: Alles ist da, das böse Schicksal und die Not, der geheime Trost und das Versprechen auf Erlösung.
Von Andreas KilbEs ist das perfekte Märchen. Alles ist da, das böse Schicksal und die Not, der geheime Trost und das Versprechen auf Erlösung, die zweifache Steigerung der Qualen und des Zaubers, der sie bekämpft, das retardierende Moment der Prüfung, schließlich das Glück der Heldin und die Bestrafung ihrer Widersacher. Und dann die Verse, in denen das Geschehen sich verdichtet: Die guten Linsen, die ins Töpfchen, die schlechten, die ins Kröpfchen kommen, das Bäumchen, das sich rüttelt und schüttelt und Gold und Silber herabwirft; vor allem aber das eine furchtbare Verspaar, das im Ohr hängenbleibt: „Ruckediguh, Blut ist im Schuh.“
Zwei Täubchen reden da, aber es sind nicht mehr die christlichen Friedenstauben auf dem Mosaik der Galla Placidia in Ravenna, sondern die in Vögel verwandelten Erinnyen der griechischen Antike, die Rachegöttinnen, die Orest zum Areopag gehetzt haben und nun den König zu seiner Braut führen. Die ganze belebte Natur steht auf der Seite des Mädchens, der Haselzweig, der, von seinen Tränen getränkt, zum Baum wächst und ihm prächtige Ballkleider herbeizaubert, die Vögel des Himmels, die ihm die Arbeit abnehmen, und als die Stiefschwestern die wahren Verhältnisse zu korrigieren versuchen, indem sie hier einen Zeh, dort ein Stück Ferse von ihren Füßen abschneiden, schlägt der pantheistische Warndienst sofort Alarm: Ruckediguh!
„Die rechte Braut, die führt er heim“
Das Blut fließt wie ein unterirdischer Strom durch die Geschichte, es rinnt aus dem Körper der sterbenden Mutter zu den blutigen Gesichtern der Stiefschwestern, denen die Tauben am Ende die Augen auspicken. Die Brüder Grimm haben die Cendrillon-Version von Charles Perrault der romantischen deutschen Sensibilität angepaßt, aber unter dem Schleier aus Täubchen und Bäumchen spürt man noch den scharfen, süßen Duft des Spätmittelalters, einer Zeit, die nach Blut und Rosen roch, wie ihr Prophet Johan Huizinga schrieb.
Es war ein Zeitalter der Spektakel, der Massenhysterie und Bilderfrömmigkeit, und wenn man die Aschenputtel sieht, die sich heute gegenseitig auf die Zehen treten, um bei einer der Casting-Shows und Reality-Spiele des Fernsehen entdeckt zu werden, merkt man, wie nah sie uns liegt. Und immer wird sortiert, die Guten ins Töpfchen, die Ungeliebten ins Kröpfchen, zu den Verlierern der im Medienschein strahlenden Welt. Weh dir, wenn dein Fuß nicht in die Schuhe paßt, die der Herr der Bilder dir hinhält - auf dem Heimweg hacken dir seine gefiederten Helfer die Augen aus. „Die rechte Braut, die führt er heim.“