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Andreas Altmanns neues Buch : Scheißgebete

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Andreas Altmann in Paris, wo er seit vielen Jahren lebt Bild: Frank Röth

Auf der Suche nach seiner verlorenen Kindheit: Andreas Altmann hat eine Hasstirade gegen seinen Vater, den Katholizismus und den bayerischen Wallfahrtsort Altötting geschrieben.

          „Das Scheißleben meines Vaters das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“, der Titel des Buchs ist zugleich seine Inhaltsangabe: Andreas Altmann, mit Reisereportagen bekannt geworden, hat ein Buch über seine Kindheit geschrieben, das zu einer flammenden Abrechnung geraten ist. Es ist ein Buch gegen Krieg, gegen Katholizismus, überhaupt Religion, gegen kleinstädtische Borniertheit, Bigotterie, Heuchelei, Feigheit, Verdruckstheit, Provinzmief, Kleinherzigkeit, Stumpfsinn, Gewalt. Konkreter: gegen seinen Vater und gegen Altötting.

          Altmann wurde 1949 in dem bayerischen Wallfahrtsort geboren, in dem sein Vater ein angesehener Bürger, Geschäftsmann und Kirchgänger war. Der Familienbetrieb für Devotionalien lief gut, den Hauptumsatz machten Rosenkränze aus. Die Altmanns hatten vier Kinder - nach drei Söhnen kam endlich die von der Mutter herbeigesehnte Tochter (ein erster Sohn war früh gestorben). Doch hinter der frommen Fassade spielten sich brutale Szenen ab. Der Vater, der während des Krieges bei SA und SS gewesen war, prügelte seine Söhne, als gäbe es kein Morgen, dachte sich perfide Strafen und „Arbeitsdienste“ aus, verfügte über sie wie über Leibeigene. Die Mutter, für die der Vollzug der „ehelichen Pflichten“ einer Vergewaltigung gleichkam, von der sie sich schließlich per Vertrag befreien ließ, ging eines Tages fort und ließ ihre Kinder mit dem Vater allein. Von da an kannte dessen Sadismus keine Grenzen mehr. In erster Linie richtete er sich gegen seinen jüngsten Sohn, Andreas Altmann.

          Keine „ambulante Tränensackgeschichte“

          Seit 1992 lebt Altmann in Paris, „weil es hier schön ist“, wo ich ihn in einem stillen Hof am Place des Vosges zum Interview treffe. Er ist groß und schlank, hat ein jungenhaftes Gesicht, unter einer Schiebermütze gucken braune Haare hervor. Warum hat er ein Buch über seine eigene Kindheit geschrieben? „Weil ich es jetzt konnte“, sagt er. „Dieses Buch geisterte mir seit 25 Jahren im Kopf herum. Aber ich wollte nicht, dass es eine ambulante Tränensackgeschichte wird, kein elendiges ,Keiner hat mich lieb'-Gejammere, keine Heulsusen-Poesie. Ich wusste immer, da muss Rotz rein, der Bub sollte als einer rüberkommen, der sich wehrt. Das hätte ich früher nicht gekonnt, schriftstellerisch. Jetzt war der Moment da. Außerdem ist die Geschichte exemplarisch. Mein Vater war ja nicht der einzige Mann, der als seelischer Krüppel aus dem Krieg nach Haus gekommen ist.“

          Sein Buch ist voll Wut und Hass, doch ist es kein kalter Hass, sondern einer, dem man rasende Enttäuschung anmerkt, eine brennende Traurigkeit darüber, nie kennengelernt zu haben, was es heißt, geliebt zu werden. Glücklicherweise ist Altmann ein sicherer Stilist, weshalb sein Buch auf keiner der 254 Seiten zu einem Tagebuch abzurutschen droht und ihm dramaturgisch bei all den Variationen von Leid auch nicht die Puste ausgeht. Seine einfache Sprache entwickelt einen bitteren Sog, und zwischen den Zeilen steckt auch viel Liebe in diesem Buch, und zwar in ihrer verzweifelten Form: der kindlichen, die nicht erwidert wird.

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