„Das Scheißleben meines Vaters das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“, der Titel des Buchs ist zugleich seine Inhaltsangabe: Andreas Altmann, mit Reisereportagen bekannt geworden, hat ein Buch über seine Kindheit geschrieben, das zu einer flammenden Abrechnung geraten ist. Es ist ein Buch gegen Krieg, gegen Katholizismus, überhaupt Religion, gegen kleinstädtische Borniertheit, Bigotterie, Heuchelei, Feigheit, Verdruckstheit, Provinzmief, Kleinherzigkeit, Stumpfsinn, Gewalt. Konkreter: gegen seinen Vater und gegen Altötting.
Altmann wurde 1949 in dem bayerischen Wallfahrtsort geboren, in dem sein Vater ein angesehener Bürger, Geschäftsmann und Kirchgänger war. Der Familienbetrieb für Devotionalien lief gut, den Hauptumsatz machten Rosenkränze aus. Die Altmanns hatten vier Kinder - nach drei Söhnen kam endlich die von der Mutter herbeigesehnte Tochter (ein erster Sohn war früh gestorben). Doch hinter der frommen Fassade spielten sich brutale Szenen ab. Der Vater, der während des Krieges bei SA und SS gewesen war, prügelte seine Söhne, als gäbe es kein Morgen, dachte sich perfide Strafen und „Arbeitsdienste“ aus, verfügte über sie wie über Leibeigene. Die Mutter, für die der Vollzug der „ehelichen Pflichten“ einer Vergewaltigung gleichkam, von der sie sich schließlich per Vertrag befreien ließ, ging eines Tages fort und ließ ihre Kinder mit dem Vater allein. Von da an kannte dessen Sadismus keine Grenzen mehr. In erster Linie richtete er sich gegen seinen jüngsten Sohn, Andreas Altmann.
Keine „ambulante Tränensackgeschichte“
Seit 1992 lebt Altmann in Paris, „weil es hier schön ist“, wo ich ihn in einem stillen Hof am Place des Vosges zum Interview treffe. Er ist groß und schlank, hat ein jungenhaftes Gesicht, unter einer Schiebermütze gucken braune Haare hervor. Warum hat er ein Buch über seine eigene Kindheit geschrieben? „Weil ich es jetzt konnte“, sagt er. „Dieses Buch geisterte mir seit 25 Jahren im Kopf herum. Aber ich wollte nicht, dass es eine ambulante Tränensackgeschichte wird, kein elendiges ,Keiner hat mich lieb'-Gejammere, keine Heulsusen-Poesie. Ich wusste immer, da muss Rotz rein, der Bub sollte als einer rüberkommen, der sich wehrt. Das hätte ich früher nicht gekonnt, schriftstellerisch. Jetzt war der Moment da. Außerdem ist die Geschichte exemplarisch. Mein Vater war ja nicht der einzige Mann, der als seelischer Krüppel aus dem Krieg nach Haus gekommen ist.“
Sein Buch ist voll Wut und Hass, doch ist es kein kalter Hass, sondern einer, dem man rasende Enttäuschung anmerkt, eine brennende Traurigkeit darüber, nie kennengelernt zu haben, was es heißt, geliebt zu werden. Glücklicherweise ist Altmann ein sicherer Stilist, weshalb sein Buch auf keiner der 254 Seiten zu einem Tagebuch abzurutschen droht und ihm dramaturgisch bei all den Variationen von Leid auch nicht die Puste ausgeht. Seine einfache Sprache entwickelt einen bitteren Sog, und zwischen den Zeilen steckt auch viel Liebe in diesem Buch, und zwar in ihrer verzweifelten Form: der kindlichen, die nicht erwidert wird.
Ein erwachsener Mann drischt auf einen Elfjährigen ein
Um ein Haar wäre Altmann kurz nach seiner Geburt gestorben. Seine Mutter war so entsetzt, noch einen weiteren Jungen zur Welt gebracht zu haben - „der insgesamt fünfte Schwanz in der Familie“ -, dass sie, was Altmann erst viele Jahre später erfuhr, den Neugeborenen mit einem Kissen zu ersticken versuchte, gerade noch rechtzeitig kam eine Krankenschwester ins Zimmer. Später setzte die Mutter ihn oft in einem Heim ab, wo er Wochen, manchmal Monate blieb. Nachdem sie die Familie verlassen hatte, prügelte ihn der Vater täglich, irgendeine Verfehlung ließ sich immer finden, für die das die seines Erachtens angemessene Strafe war. Die Beziehung zwischen Vater und Sohn beschreibt Altmann wie einen Krieg zwischen ungleichen Gegnern: Ein erwachsener Mann drischt wie von Sinnen auf einen Elfjährigen ein. Mehrere Male ersann Altmann Pläne, seinen Vater umzubringen, erwog Rattengift, Schusswaffe, einen Stoß vom Dach und tat es dann doch nicht.
Und all dies spielte sich in einer Umgebung ab, die an zur Schau gestellter Frömmigkeit kaum zu überbieten ist. Altötting wird als „Oase bigotter Inzucht“ beschrieben, als „Provinzloch“ voller Duckmäuser und Mitläufer, als „Kaff, das man als Geburtsort nicht öffentlich aussprechen, nur als Geburtsfehler verheimlichen will“. Noch heute ahmt Altmann das gebetsmühlenartig wiederholte „mea culpa“ seiner Mitbürger in einem giftigen Tonfall nach. Er hasst, ja, hasst die katholische Kirche, in deren Windschatten sich so viele Misshandlungen ereigneten, auch an Mitschülern von ihm, wie er während der Recherche erfuhr. Er selbst wurde von einem Religionslehrer geschlagen. Und im Nachlass eines Arztes fand er Unterlagen über eine „Kapuziner-Schwulen-Orgie“, während derer ein Pater an einer analen Verletzung beinahe verblutet wäre. Er habe dem bischöflichen Ordinariat in Passau anlässlich der Veröffentlichung seines Buches gemailt, man solle dafür sorgen, dass der Fall ordentlich vertuscht werde, erzählt er mit grimmigem Lächeln.
Das Schreiben war die Rettung
Für die Recherche war er vor zwei Jahren wieder in Altötting, vor ein paar Wochen für Fernsehaufnahmen erneut. „Heute ist es natürlich sehr hübsch, es gibt Bäume, eine Millionärin hat unser Haus gekauft und total renoviert. In dem Keller, in dem ich einst stundenlang schweigend kniend musste, hat sich ihr Sohn eine Hugh-Hefner-Playboy-Wanne einbauen lassen. Sieht toll aus.“ Doch wirklich geändert habe sich nichts. Er spricht von „Mief“ und „nicht gelebtem Leben“. Als er vor zwei Jahren einen Gottesdienst besuchte, habe ein Dunkelhäutiger die Predigt gehalten. Da habe ihm die Organistin, die ihn gar nicht kannte, zugeflüstert „Jetzt ham wir schon Neger als Priester“, erzählt er. Und als er jetzt mit dem Filmteam da war, warnte ein Passant, sie sollten bloß aufpassen mit dem technischen Gerät - es gebe ja so viel Gesindel hier. „Als Reporter widerspreche ich nie, damit die Leute mir vertrauen. Ich habe ihm also zugestimmt. Das hat ihn ermutigt, und er fing gleich von Genickschuss an.“
Nachdem er seine Kindheit überstanden hatte, aus der er vor allem die Erkenntnis mitnahm, dass er ein unverbesserlicher Versager, ein „Loser“ war, machte Altmann 19 Jahre lang Therapien, darunter Bioenergetik- und Urschrei-Therapie, suchte Heilung bei Bhagwan in Poona und in einem japanischen Schweigekloster, probierte sich in zahllosen Berufen aus, darunter Schauspieler, Chauffeur und Anlageberater - bis er mit 34 Jahren endlich seine Rettung fand: das Schreiben. Im selben Jahr übrigens, in dem sein Vater starb.
Eine riesige Lust aufs Hier und Jetzt
„George Steiner hat mal gesagt, ein Talent sei nicht erklärbar, das komme daher wie eine Kollision“, sagt Altmann, der gerne mit Zitaten anderer antwortet oder, wie er selbst sagt, sich „hinter Genies versteckt“. Im Buch erzählt er, wie er zu seinem Beruf fand. Er war in Peru, schrieb Tagebuch, wie er es seit seiner Kindheit getan hatte - seine frühen Aufzeichnungen dienten ihm für sein Buch als Recherche -, „und mittendrin, ohne nachzudenken, schrieb ich auf, dass mein unheimlichster und unsagbarster Wunsch wäre, zu reisen und zu schreiben. Über das Leben in der Welt und die Weltbewohner. Als Gipfel des Glücks. Auf dem kein Alltag erschöpfte, mich kein müdes Herz durch ein müdes Leben begleitete, ja, wo ich mit dem Elegantesten, das die Deutschen erfunden haben, mit ihrer Sprache, beschäftigt wäre.“ Seine erste, unverlangt eingesandte Reportage über eine Zugfahrt durch China wurde sofort vom Magazin „Geo“ gedruckt. 1992 bekam er den Kisch-Preis für eine Afghanistan-Reportage fürs F.A.Z.-Magazin, weitere Preise folgten; danach schrieb er Bücher, jedes Jahr eins, 14 sind es jetzt insgesamt. So lassen sich Altmanns Kindheitserinnerungen auch als glückliche Geschichte lesen. An deren Ende jemand seinen Platz im Leben gefunden hat. Doch dieses Ende, das natürlich in Wahrheit ein Anfang ist, kam spät.
Der Autor hat seinem Buch ein Zitat von Giuseppe Ungaretti vorangestellt: „Es ist mein Herz, das zerstörte Land.“ Er diagnostiziert bei sich selbst fehlendes Urvertrauen, für immer. Welches Gefühl ist das stärkste, wenn er heute an seinen Vater denkt? „Mitgefühl über sein verpfuschtes Leben“, sagt Altmann nach langem Nachdenken. „Dabei hatte es so vielversprechend begonnen, er hatte so viele Gaben. Dann kam der Krieg, und er kehrte als gebrochener Mann zurück.“ Verzeihen könne er nicht, das sei ihm „zu billig“, aber „ich kann ihn verstehen“. Mit welchem Gefühl denkt er an seine Mutter? „Ich habe nie wieder eine Frau getroffen, weder privat noch als Reporter, die ihr Leben, ihren Hunger nach Liebe so verfehlt hat.“ Zu den berührendsten Szenen in seinem Buch gehört eine, in der er mit seiner Mutter, ein einmaliges Vorkommnis, Ferien am Meer verbringt. Da guckt er sie an, während sie, sich unbeobachtet glaubend, aufs Meer schaut - und Tränen rinnen ihr die Wangen herab. „Es rührt mich an, das Schicksal meiner Mutter, ich versteh' das, dass sie mich um ein Haar um die Ecke gebracht hätte, ich versteh' das.“
Gibt es ein Leben vor dem Tod? Diese Frage von Karl Kraus hat Andreas Altmann zu seiner Maxime erklärt: Sprach schon aus seinen Reisereportagen eine riesige Lust aufs Hier und Jetzt, Mitgefühl mit denen, die es schwer haben, eine Bereitschaft zu Demut vor der Schönheit der Welt, lässt sich in seinem neuen Buch vielleicht finden, wo er es hernimmt. Etwas Besseres lässt sich aus einer Scheißkindheit kaum machen.
Letztlich ein Buch der Zuversicht
Christine Loriol (gloriole)
- 09.09.2011, 13:39 Uhr
Wirklich unglaublich...
Hans Glück (hansglueck)
- 08.09.2011, 12:21 Uhr
@Karl Wilhelm: Sie vertauschen Opfer und Täter
Joachim Mense (JMense)
- 07.09.2011, 18:16 Uhr
@Herrn Trompete
Michael Scheffler (Striesner)
- 07.09.2011, 16:23 Uhr
Guter Artikel zu einem, wie es scheint, tiefsinnigen Buch
Karol Rawski (verloc)
- 07.09.2011, 15:27 Uhr