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Veröffentlicht: 23.01.2012, 17:00 Uhr

Amerikas neuer Literaturstar Willkommen in der Topliga, Junge

Der Schriftsteller Chad Harbach ist hierzulande noch unbekannt. Ganz Amerika aber liest seinen Baseball-Roman „The Art of Fielding“ mit Begeisterung.

von , New York
© ddp images/AP/Beowulf Sheehan Aufsteigender Stern am amerikanischen Literaturhimmel: Chad Harbach

Baseball ist eine amerikanische Religion. Von Nichtamerikanern als Sportart missverstanden, soll sie das Geheimnis der Nation in sich bergen. Es dort zu ergründen, haben Filme, Romane und Theaterstücke immer wieder versucht, während zahllose Sachbücher, sportlich getarnt, dabei in die wildesten philosophischen Strudel geraten sind. Jetzt einen Roman zu schreiben, der um einen Feldspieler, einen Shortstop, in einem provinziellen College und eine ihm angemessenen Mannschaft kreist, wäre dennoch keine gute Idee.

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Baseball entzieht sich den Vergnügungen, die heutzutage als cool empfunden werden. Für Schriftsteller muss das nicht unbedingt abschreckend wirken. Aber dass ihre Leserschaft zum Großteil weiblich sein wird, dürfte sie nicht dazu verleiten, im Biotop testosteronstrotzender Pitcher und Batter auf Metaphernsuche zu gehen.

Vergleich mit Wallace war vorgegeben

Chad Harbach hat die Warnsignale souverän übersehen. Und er hat das zu spüren bekommen. Kein Literaturagent wollte dem Roman, an dem er zehn Jahre lang gesessen hatte, eine Chance geben. Erst Ende 2009, als ein junger Agent sich für das Manuskript begeisterte und die New Yorker Verlagswelt in Aufregung versetzte, kam der Umschwung, dann aber mit aller Macht. Bei einer schnell improvisierten Versteigerung sicherte sich das Verlagshaus Little, Brown „The Art of Fielding“ für 665.000 Dollar.

Scribner hatte zwar eine Dreiviertelmillion geboten, aber Harbach wollte sich lieber Michael Pietsch anvertrauen, der nicht nur Little, Brown leitet, sondern auch David Foster Wallaces Monumentalwerk „Infinite Jest“ herausgebracht und dessen nachgelassenes Fragment „The Pale King“ für die Veröffentlichung eingerichtet hatte. So war der Vergleich mit Wallace vorgegeben.

Nie ein anderes Ziel

Es darf angenommen werden, dass Harbach wusste, was er tat. In Wisconsin aufgewachsen und in Harvard und an der University of Virginia ausgebildet, gab es für ihn nie ein anderes Ziel, als Schriftsteller zu werden. Allen hochfliegenden Plänen zum Trotz schlug er sich zunächst aber in Diensten eines Unternehmensberaters durch, dessen Mitteilungen er in ein anständiges Englisch zu bringen hatte. Zwischendurch half er, die Literatur- und Kulturzeitschrift „n+1“ ins Leben zu rufen, was ihm jedoch auch nicht half, die fünfstelligen Dollarschulden seines Studiums abzutragen. Immerhin durfte er sich als prototypisches Mitglied der literarischen Boheme von Brooklyn fühlen, wo er mit seiner ruhigen Art für die introspektive Variante zuständig war.

Das alles wissen wir von seinem Freund Keith Gessen, ebenfalls Autor, der in „All the Sad Young Literary Men“ drei Schriftsteller durch den Irrgarten der Selbsterkenntnis jagt, aber für „Vanity Fair“ ganz fiktionsfrei die Vorgeschichte von Harbachs spektakulärem Debüt erzählt hat. Allein dass sich das Hochglanzmagazin für die Story interessiert, gibt eine Ahnung von den Wogen, die der Roman immer noch schlägt.

„Jetzt aber raus und fang an zu spielen“

Nach Ansicht der „New York Times“ gehört er zu den zehn besten Büchern des Jahres 2011, und Michiko Kakutani, die gestrenge Literaturchefin des Blattes, feiert Harbach als „ungemein talentierten Schriftsteller“, der die seltenen Fähigkeiten besitze, ernst und gefühlstief zu schreiben, ohne je sentimental zu werden, und verschrobene, verletzliche und voll ausgedachte Charaktere zu erfinden, die sich sofort in unseren Herzen einnisteten. Ebenfalls in der „Times“ ruft Gregory Cowles dem neuen Autor zu: „Willkommen in der Topliga, Junge. Jetzt aber raus und fang an zu spielen.“ Dem „New Yorker“ reicht Harbachs Spiel schon, um den metaphorischen Faden der Geschichte über den Baseball hinaus in „unsere historische Gegenwart“ zu spinnen, mitten hinein in eine aktuelle Fehlbarkeit.

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