http://www.faz.net/-gqz-6x2h2

Amerikas neuer Literaturstar : Willkommen in der Topliga, Junge

Aufsteigender Stern am amerikanischen Literaturhimmel: Chad Harbach Bild: ddp images/AP/Beowulf Sheehan

Der Schriftsteller Chad Harbach ist hierzulande noch unbekannt. Ganz Amerika aber liest seinen Baseball-Roman „The Art of Fielding“ mit Begeisterung.

          Baseball ist eine amerikanische Religion. Von Nichtamerikanern als Sportart missverstanden, soll sie das Geheimnis der Nation in sich bergen. Es dort zu ergründen, haben Filme, Romane und Theaterstücke immer wieder versucht, während zahllose Sachbücher, sportlich getarnt, dabei in die wildesten philosophischen Strudel geraten sind. Jetzt einen Roman zu schreiben, der um einen Feldspieler, einen Shortstop, in einem provinziellen College und eine ihm angemessenen Mannschaft kreist, wäre dennoch keine gute Idee.

          Jordan Mejias

          Feuilletonkorrespondent in New York.

          Baseball entzieht sich den Vergnügungen, die heutzutage als cool empfunden werden. Für Schriftsteller muss das nicht unbedingt abschreckend wirken. Aber dass ihre Leserschaft zum Großteil weiblich sein wird, dürfte sie nicht dazu verleiten, im Biotop testosteronstrotzender Pitcher und Batter auf Metaphernsuche zu gehen.

          Vergleich mit Wallace war vorgegeben

          Chad Harbach hat die Warnsignale souverän übersehen. Und er hat das zu spüren bekommen. Kein Literaturagent wollte dem Roman, an dem er zehn Jahre lang gesessen hatte, eine Chance geben. Erst Ende 2009, als ein junger Agent sich für das Manuskript begeisterte und die New Yorker Verlagswelt in Aufregung versetzte, kam der Umschwung, dann aber mit aller Macht. Bei einer schnell improvisierten Versteigerung sicherte sich das Verlagshaus Little, Brown „The Art of Fielding“ für 665.000 Dollar.

          Scribner hatte zwar eine Dreiviertelmillion geboten, aber Harbach wollte sich lieber Michael Pietsch anvertrauen, der nicht nur Little, Brown leitet, sondern auch David Foster Wallaces Monumentalwerk „Infinite Jest“ herausgebracht und dessen nachgelassenes Fragment „The Pale King“ für die Veröffentlichung eingerichtet hatte. So war der Vergleich mit Wallace vorgegeben.

          Nie ein anderes Ziel

          Es darf angenommen werden, dass Harbach wusste, was er tat. In Wisconsin aufgewachsen und in Harvard und an der University of Virginia ausgebildet, gab es für ihn nie ein anderes Ziel, als Schriftsteller zu werden. Allen hochfliegenden Plänen zum Trotz schlug er sich zunächst aber in Diensten eines Unternehmensberaters durch, dessen Mitteilungen er in ein anständiges Englisch zu bringen hatte. Zwischendurch half er, die Literatur- und Kulturzeitschrift „n+1“ ins Leben zu rufen, was ihm jedoch auch nicht half, die fünfstelligen Dollarschulden seines Studiums abzutragen. Immerhin durfte er sich als prototypisches Mitglied der literarischen Boheme von Brooklyn fühlen, wo er mit seiner ruhigen Art für die introspektive Variante zuständig war.

          Das alles wissen wir von seinem Freund Keith Gessen, ebenfalls Autor, der in „All the Sad Young Literary Men“ drei Schriftsteller durch den Irrgarten der Selbsterkenntnis jagt, aber für „Vanity Fair“ ganz fiktionsfrei die Vorgeschichte von Harbachs spektakulärem Debüt erzählt hat. Allein dass sich das Hochglanzmagazin für die Story interessiert, gibt eine Ahnung von den Wogen, die der Roman immer noch schlägt.

          „Jetzt aber raus und fang an zu spielen“

          Nach Ansicht der „New York Times“ gehört er zu den zehn besten Büchern des Jahres 2011, und Michiko Kakutani, die gestrenge Literaturchefin des Blattes, feiert Harbach als „ungemein talentierten Schriftsteller“, der die seltenen Fähigkeiten besitze, ernst und gefühlstief zu schreiben, ohne je sentimental zu werden, und verschrobene, verletzliche und voll ausgedachte Charaktere zu erfinden, die sich sofort in unseren Herzen einnisteten. Ebenfalls in der „Times“ ruft Gregory Cowles dem neuen Autor zu: „Willkommen in der Topliga, Junge. Jetzt aber raus und fang an zu spielen.“ Dem „New Yorker“ reicht Harbachs Spiel schon, um den metaphorischen Faden der Geschichte über den Baseball hinaus in „unsere historische Gegenwart“ zu spinnen, mitten hinein in eine aktuelle Fehlbarkeit.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Merkels Nachfolge : Wer ist kanzlertauglich in der CDU?

          Seit zwölf Jahren regiert Angela Merkel als Bundeskanzlerin, noch länger herrscht sie als Parteivorsitzende über die CDU. Wer könnte in der Partei ihr Erbe antreten? FAZ.NET stellt vier mögliche Nachfolger vor.

          FAZ.NET-Orakel : AfD bei mehr als 13 Prozent

          Einen Tag vor der Wahl ist die AfD auf dem FAZ.NET-Orakel klar drittstärkste Kraft. Die nächste Kanzlerin steht aus Sicht der Händler zwar fest. Doch für die nächste Koalition gilt das keinesfalls.

          Wie wählt der Wähler? : Am Ende ist alles reine Taktik

          Das Ergebnis der Bundestagswahl könnte anders aussehen als erwartet – weil viele Wähler auf den letzten Metern taktisch wählen. Welche Koalition sie sich wünschen und für wahrscheinlich halten, könnte den Ausschlag geben. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.