20.05.2004 · Geschichte von oben mit den Mitteln von unten: Der Watergate-Mitenthüller Bob Woodward schreibt nach eigenen Regeln. Mit seinem jüngsten Bestseller „Plan of Attack“ hat er sich mehr Lob als sonst eingehandelt.
Von Jordan Mejias, New YorkBob Woodward ist nicht der Homer unseres Zeitalters. Beide aber sind sie in demselben Gewerbe tätig. Wenn der eine über die Eroberung von Troja berichtet und der andere über den Weg in den irakischen Schlamassel, wühlen sie nicht erst in Akten und Urkunden. Sie lassen sich erzählen, was passiert ist. Ob ihre Recherche dann im daktylischen Hexameter daherkommt, um eine gesteigerte Erinnerungsfähigkeit zu garantieren, oder schon die narrative Form von Filmszenen vorausahnt, ist nur von untergeordneter Bedeutung.
Maßgeblich ist die erinnerte Geschichte, die sich auf mündlich tradierte Quellen beruft und beschränkt. Mal verschwimmen sie im fernen Mythos, mal geht es ihnen nicht schnell genug, die kaum vollendete Gegenwart zu mythifizieren. Während Homer für die Erkenntnisstrategie noch ohne Namen auskam, heißt sie bei Woodward: Oral History. Das Verfahren ist also so alt wie Homer und, in seiner temporeicheren amerikanischen Variante, kaum älter als Woodward.
Meinungsfreude und Sprachwitz
Dennoch liefert der Watergate-Mitenthüller keine lupenreine Oral History, wie sie etwa Studs Terkel zur literarischen Vollendung gebracht hat. Was ihm seine angeblich fünfundsiebzig Gewährsleute, die er für sein neuestes Buch "Plan of Attack" befragt hat, auf den Digitalrekorder sprachen, bettet Woodward in szenische Vignetten ein. Einmal mehr geht er dabei zu Homer auf Distanz. Denn Sprachgewalt ist einer Prosa nicht nachzusagen, die ihren Reiz aus einer geradezu demonstrativen Farblosigkeit bezieht. Darin wiederum unterscheidet er sich von Hunderten von Kollegen, die, zumal im Magazinjournalismus, mit der Collagetechnik weitaus virtuoser umgehen. In einer Zeitschrift wie "Vanity Fair", die ganze Heerscharen von Informanten in einer einzigen Geschichte oder einem einzigen endlosen Porträt unterbringt, fängt es zwischen den Zitaten vor lauter Meinungsfreude und Sprachwitz erst richtig zu glitzern an.
Woodward schreibt so nüchtern und reserviert, wie er redet. Er verläßt sich auf die ungeheure Faktenfülle, die ihre eigene Mischung bereits in sich trägt. Für staatsmännische Verlautbarungen ist wenig Platz, wo Cheneys Nickerchen in einer Lagebesprechung zur nationalen Sicherheit zur Sprache kommt oder Paul Wolfowitz überlegen darf, ob Bin Ladin mit ehemaligen Geheimdienstlern aus der DDR unter einer Decke stecken könnte. Nach den Regeln des strengen amerikanischen Zeitungsjournalismus geht Woodward dabei viel zu großzügig mit den Anführungszeichen um. Auch wenn einer ihm erzählt, was ein anderer von einem dritten oder vierten gehört hat, bastelt er daraus Dialoge, wie sie nicht präziser vom Tonband kommen könnten. Seriöse Vertreter der Oral History überfällt da ein gar nicht so leiser Schauder.
Ein Anruf genügt
Mit viel gutem Willen läßt sich die Oral History bis zu Abraham Lincoln zurückverfolgen, nach dessen Ermordung John G. Nicolay, sein Sekretär, und William Herndon, sein Sozius in der Anwaltskanzlei in Springfield, Illinois, nicht sofort mit Erinnerungsbänden aufwarteten, sondern erst einmal Interviews mit Lincolns Mitarbeitern, Freunden und Bekannten führten. Als geistiger Vater von Bob Woodward aber muß der Historiker Allan Nevins gelten, der ab Ende der zwanziger Jahre an der Columbia University lehrte und und seine liebe Not hatte, für eine Biographie von Präsident Grover Cleveland genügend privates Material aufzutreiben. Nevins fürchtete zudem, daß mit der Verbreitung des Telefons der schriftliche Dokumentenstrom bald noch spärlicher fließen könnte. Waren jedoch keine schriftlichen Nachlässe zu erwarten, mußten Augenzeugen eben schon zu Lebzeiten systematisch befragt werden. Daraus entwickelten sich das Columbia Oral History Research Office, das nun über das weltweit größte Archiv von Interviews mit Figuren der Zeitgeschichte verfügt, und die zwischen Wissenschaft und Journalismus angesiedelte Disziplin der Oral History.
Neben dem Telefon, das Nevins als Bedrohung seiner Arbeit empfand, war die Erfindung des Tonbands von entscheidender Bedeutung für die junge Geschichtswissenschaft. Oral History ohne Magnetbänder war ein mühseliges Unterfangen, wie die arbeitslosen Schriftsteller zu spüren bekamen, die in der Großen Depression im Rahmen des Federal Writers Project Tausende von Lebensgeschichten aufzeichneten und so selbst überleben konnten. Wegweisend waren ihre Interviews aber vor allem darin, daß sie Menschen, die sonst nie zu Wort kamen, zu Chronisten erhoben. Ganz antihegemonial legten sie die Fundamente für die Oral History als Geschichte von unten. Nevins dagegen hielt sich in seinen empirisch-analytischen Untersuchungen zunächst noch an die gewohnte Befragung der Eliten.
Für Woodward gelten besondere Gesetze
Woodward verbindet nun beide Strömungen. Er kehrt zwar wieder auf die allerhöchsten Ränge der Macht zurück, behält aber auch den populistischen Touch der nunmehr klassischen Oral History bei. Geschichte von oben wird mit den Mitteln von unten erzählt. Tratsch und Klatsch sind seinen Büchern nicht fremd, ja sie erhalten nicht zuletzt dadurch den Kitzel, der für einen Bestseller unerläßlich ist. So war die Welt über die Spannungen zwischen dem Außenministerium und den Neokonservativen um Vizepräsident Cheney auch schon vor Woodward informiert. Aber nur bei ihm war von einem Abendessen bei den Cheneys zu lesen, die sich, im leicht verfrühten Siegestaumel nach der Einnahme Bagdads, mit der versammelten Kriegsfalkenprominenz herzlich über die Warnungen ihrer allzu friedenstaubenhaften Nemesis Powell erheiterten.
Für Woodward gelten inzwischen besondere Gesetze. Spätestens seit Robert Redford ihn auf der Leinwand verkörperte, hat ihn seine Starqualität in Regionen jenseits der gewöhnlichen journalistischen Betätigungsfelder befördert. Dort ist er selbst als Player zugange. Und für die "Washington Post", der er formal immer noch verbunden ist, auch wenn sich seine praktische Mitarbeit auf den Vorabdruck von Auszügen seiner Bücher erschöpft, ist er der Kontaktmann zur Macht. Statt seiner Spezialität, dem investigativen Journalismus, treu zu bleiben, hat Amerikas berühmtester Reporter darum eine neue Spielart der Recherche, den "access journalism", erfunden. Die Vorteile dieses Zeitungswesens der offenen Tür liegen auf der Hand. Ein Anruf genügt, um nicht nur im Oval Office Audienzen von insgesamt mehr als dreieinhalb Stunden zu bekommen, sondern den Präsidenten auch zu bewegen, seine Untergebenen zum Gespräch mit Woodward abzukommandieren.
Ein bißchen Rücksicht, bitte
Der Zugang ist nicht ganz kostenfrei. Als Zugangsgebühr verlangen die Mächtigen: Verständnis, Einsicht, zumindest Rücksicht. Ein bißchen Hofberichterstattung käme nicht ungelegen. "Bush at War", Woodwards vorletzter Bestseller, in dem die Entschlossenheit und Führungsstärke des Präsidenten nach den Angriffen des 11. September und im Afghanistan-Krieg ausführlich gewürdigt wurden, näherte sich gar der Heiligenlegende. Kritiker rügten damals weniger die Parteinahme des Autors als seine erstaunliche und, angesichts seiner Erfahrung, auch nicht recht zu erklärende Naivität beim Faktensammeln. Woodward scheint in seiner selbstverordneten interpretatorischen Passivität für bare Münze zu nehmen, was Politiker ihm zustecken. Daß sie mittlerweile gelernt haben, die wunderbare Plattform, die er ihnen bietet, zu ihrem Vorteil zu bespielen, will er offenbar nicht ins Kalkül miteinbeziehen.
Auch seine Mitgliedschaft im Club der Washingtoner Powerbroker wirft für das amerikanische Ideal einer distanzierten, unabhängigen Berichterstattung Schwierigkeiten auf, die sich etwa seinem journalistischen Antipoden, dem für den "New Yorker" arbeitenden Seymour Hersh, noch nie gestellt haben. Hersh bezieht seine Autorität aus Verbindungen, die er gerade gegen den ausdrücklichen Willen der Mächtigen knüpft. Er braucht den Schatten, um die Wahrheit ans Licht zu ziehen. Als "Muckraker", als Schmierfink, der im zum Himmel stinkenden Abfall der Regierung wühlt, ist der nun immer höchst gesetzt wirkende Woodward wahrlich nicht mehr denkbar. Ihm reicht es, sich in die Souveränität des unparteiischen Beobachters zu kleiden, der keine Vorlieben und Favoriten zu kennen vorgibt und von seinen Lesern erwartet, daß sie ihm glauben. Oder daß sie sich aus seinem journalistischen Angebot ihr eigenes Bild zimmern. Das allerdings kann nur gelingen, falls der Rohstoff solide und verläßlich ist. Bester Lieferant dafür war bisher die Illusion vom neutralen Reporter. Selbst wenn der sich jeder Wertung enthält, kommt er freilich nicht darum herum, Fragen und danach seine Interviewpartner und schließlich ihre Antworten auszuwählen. Womit er einen ersten Kommentar abgeliefert hätte.
Als Chronist ohne Meinung muß Woodward denn auch unvollkommen sein. Mit seinem zwölften und jüngsten Bestseller hat er sich gleichwohl mehr Lob als sonst eingehandelt. Irgend etwas muß er richtig gemacht haben, wenn Bush ebenso wie seine Kritiker das Buch wärmstens empfehlen. Für Woodward hat sich so eine Idealvorstellung verwirklicht. Wo an Kommentaren, Analysen, Leitartikeln und allwissenden Traktaten jeder Couleur kein Mangel herrscht, richtet er sich wortreich und doch schweigsam in seiner Sondernische ein. Objektivität mag auch da eine Schimäre sein. Der Mann, der schon als Stenograph der Mächtigen verhöhnt wurde, hat diesmal aber den Balanceakt geschafft. Jetzt muß der Leser aktiv werden. Vor ihm liegt nicht die erste Skizze der Geschichte, sondern das Zeichenmaterial, mit dem er sie entwerfen kann.