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Amerika Schöne Zeiten unter Joe McCarthy

21.08.2003 ·  Der Kampf der politischen Lager Amerikas erreicht einen neuen Tiefpunkt: Ann Coulters Buch „Hochverrat“, eine demagogische Rechtfertigung des antikommunistischen Senators McCarthy, ist zum Bestseller geworden.

Von Heinrich Wefing, San Francisco
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Zur Grundausstattung der ideologischen Auseinandersetzung in den Vereinigten Staaten zählt die Überzeugung, die jeweils andere Seite manipuliere die öffentliche Meinung. Die Rechte hat sich bequem in dem Irrglauben eingerichtet, Medien, akademische Welt, ja der gesamte intellektuelle Diskurs würden von Liberalen und Linken dominiert, denen nichts heilig sei, weder Ehre noch Familie, noch Vaterland. Spiegelbildlich entspricht dieser konservativen Verschwörungstheorie auf der Linken die - auch in Deutschland verbreitete - Unterstellung, Radio, Fernsehen und die Mehrzahl der amerikanischen Printmedien seien patriotisch gleichgeschaltet, in Ehrfurcht vor den Neokonservativen in Washington erstarrt und von Leuten wie Rupert Murdoch auf platteste Gewinnmaximierung programmiert.

Debattentheoretisch haben diese Grobschnitzereien den Vorzug, daß, wer immer sich zu Wort meldet, dies in der Pose des Rebellen tun kann, als Verkünder unterdrückter Wahrheiten, als einsamer Rufer gegen den vermeintlichen "mainstream". Das adelt die eigenen Interventionen mit dem schillernden Glanz des politisch Inkorrekten und gibt den Wortgefechten eine hitzige Würze. Vor allem aber sichert es schöne Quoten und gute Auflagen.

Die Kunst der Invektive

Seit Jahren schon steigen mit einiger Regelmäßigkeit Bücher in die amerikanischen Bestsellerlisten auf, die diese Plattheiten dröhnend verbreiten, ohne den Grundgedanken je sonderlich zu variieren. Zu den erfolgreichsten Werken der Gattung zählen auf der konservativen Seite der Enthüllungsbericht "Bias", zu deutsch Vorurteil oder Befangenheit, des Fernsehjournalisten Bernard Goldberg, der als "Insider" vorgibt aufzudecken, "wie die Medien die Nachrichten verdrehen". In dieselbe Kerbe drischt der Radiomoderator Michael Savage, dessen Buch "The Savage Nation" den herzerwärmenden Untertitel trägt: "Retten wir Amerika vor den Anschlägen der Linken auf unsere Grenzen, auf unsere Sprache und unsere Kultur".

Dem widersprechen auf der anderen Seite Journalisten wie Eric Alterman, der in seiner Anklageschrift "What Liberal Media?" behauptet, nicht die Liberalen, sondern im Gegenteil die Rechten verfügten über eine gewaltige Propagandamaschinerie, ein Konglomerat aus wohlhabenden "think tanks", religiösen Lobbygruppen, ideologisch belasteten Nachrichtensendern wie "Fox News" und konservativen Publizisten, die "den gesamten öffentlichen Diskurs nach rechts drängen". Auch Sidney Blumenthal, ehedem Berater im Weißen Haus unter Bill Clinton, raunt von Netzwerken und dunklen Absichten, stilistisch eleganter als die meisten seiner Kollegen, aber nicht weniger alarmiert. In seinen Erinnerungen "The Clinton Wars" hat er gerade noch einmal ausführlich die These vorgetragen, Präsident Clinton habe sich vom ersten Tag seiner Amtszeit einem gigantischen rechtskonservativen Komplott gegenübergesehen, dessen einziges Ziel es gewesen sei, ihn zu stürzen.

Kurze Röcke, kurze Gedanken

Niemand freilich bedient die blindwütigen Vorurteile bösartiger und einträglicher als die Kolumnistin Ann Coulter. "Ihre Miniröcke und ihre minimalen Gedanken haben ihr eine riesige Anhängerschaft am altsteinzeitlichen Ende des politischen Spektrums verschafft", höhnte unlängst die gewöhnlich eher distinguierte "New York Times". Ein Kompliment, das die schlanke Blonde nicht sonderlich überrascht haben dürfte. Schließlich hat sie in ihrem letzten, außerordentlich erfolgreichen Werk "Slander (Verleumdung): Liberale Lügen über die amerikanische Rechte" den unfrommen Wunsch geäußert, ein Terrorist möge den Redaktionssitz der "Times" in die Luft sprengen.

In ihrem neuen Buch "Treason" (Hochverrat), das sich schon kurz nach Erscheinen auf den vordersten Plätzen der Verkaufsranglisten eingenistet hat, predigt Frau Coulter nun in wütender Schlichtheit, Amerikas "Liberale" hätten einfach immer alles falsch gemacht, in der Innen- wie der Außenpolitik, angefangen im Kalten Krieg bis zum heutigen Kampf gegen den Terrorismus. "Die Liberalen haben ein außergewöhnliches Talent, sich stets auf die Seite der Hochverräter zu schlagen", geifert die Autorin. "Alle Welt behauptet, auch die Linken liebten Amerika. Nein, das tun sie nicht."

Instinktive Idiotie

Der Vorwurf ist platt genug, um alle Nuancen und bisweilen auch die Fakten beiseite zu lassen: Roosevelt und Truman, die Sieger des Zweiten Weltkriegs: Landesverräter? Der Kennedy der Kuba-Krise: ein Kommunistenfreund? Kein Einwand irritiert Ann Coulter. Sie frönt einer Lust am Eindreschen auf den politischen Gegner, wie sie in Deutschland einstweilen und glücklicherweise unbekannt ist, jedenfalls diesseits der extremistischen Ränder. "Den Linken" - vulgo: Bill Clinton, allen Grünen, Menschenrechtsaktivisten, Gewerkschaftlern, politisch engagierten Hollywood-Stars und dogmatischen Kommunisten - mangelnden Patriotismus, kollektive Drogenabhängigkeit, sexuelle Ausschweifung und "instinktive Idiotie" zu unterstellen gehört noch zu den harmloseren Invektiven.

Ein willkommener Vorwand für derlei Polemik ist, natürlich, der Kampf, nein: der "Krieg gegen den Terror". Diese Auseinandersetzung wird umstandslos zur "Schlacht", in der es um "das Überleben Amerikas" gehe. Derart dramatisiert, besteht kein Anlaß mehr, feinsinnige Unterscheidungen oder gar Gefangene zu machen. Der Popsängerin Sheryl Crow, die gegen den Irak-Krieg mit der gewiß schlichten Weisheit protestiert hatte, Probleme ließen sich am besten lösen, wenn man keine Feinde habe, hält die Autorin triumphierend entgegen, dafür werde ja gerade gesorgt: "Wir werden keine Feinde mehr haben. Wir töten sie." Wir: die GIs draußen an der Front und Ann Coulter daheim am Schreibtisch. Einmal entsichert, hält die Autorin lustvoll drauf. Das fällt um so leichter, als die Opfer ja keine Menschen sind, sondern: Tiere. Zwei mutmaßlichen Al-Qaida-Terroristen, die in amerikanischer Haft sitzen, stünden vielleicht "technisch" einige Bürgerrechte zu, weil sie einen amerikanischen beziehungsweise einen britischen Paß besitzen, hetzt Frau Coulter: "Aber dann betrachtet man ihre Fotos in der Zeitung und sieht - Orang-Utans."

Amerikafeindliche Affen

Mit derlei amerikafeindlichen Affen aber hält sich Ann Coulter nicht lange auf. Im Zentrum ihres Traktats steht der Versuch einer Ehrenrettung des Senators Joseph McCarthy. Es ist zugleich der Versuch zu beweisen, daß sich die Bestsellerautorin alles erlauben kann. Den Demagogen McCarthy rehabilitieren zu wollen ist ein Akt intellektuellen Größenwahns, jedenfalls für jemanden wie Ann Coulter. Mag schon sein, daß kommende Historiker einmal ein differenzierteres Bild des allseits dämonisierten Senators und Kommunistenjägers zeichnen werden - auf Frau Coulter allerdings werden sie sich dabei nicht berufen. Deren Argumente sind dafür denn doch zu dünn.

McCarthys atemlose Hatz auf vermeintliche Landesverräter, die er in Hollywood, im Außenministerium, in der Armee und an den Universitäten vermutete, sei "unentbehrlich" gewesen, heißt es in "Treason", weil er so die "moralische Verkommenheit der gesamten linken herrschenden Klasse aufgedeckt" habe. Und die Linken, siehe oben, sind ja ohnehin an allem schuld. Ann Coulters Umgang mit der Geschichte ist derart haarsträubend, daß sich auch viele prominente Konservative, die sie bislang als "darling" verhätschelt hatten, empört gegen sie gewandt haben.

Natürlich wären Ann Coulters hämische Krawallseligkeit und ihr professioneller Haß auf die "Liberalen" keiner Erwähnung wert, wenn sie nicht so viele gläubige Leser fände. Nicht die giftsprühenden Traktate selbst sind irritierend, sondern das Interesse, auf das sie stoßen - übrigens ähnlich wie die entsprechenden Kanonaden der linken Hau-drauf-Autoren. Auf den ersten Blick scheint die Verrohung der Debatte von den Rändern her ein Symptom des Verfalls der politischen Kultur in den Vereinigten Staaten, der von den ausschließlich auf Lautstärke fixierten Medien routiniert beschleunigt wird. Manche mögen in Schmähschriften wie denen von Ann Coulter auch den schwefeligen Nährboden für die Vorherrschaft der Neokonservativen in Washington sehen. Aber es könnte durchaus sein, daß der Erfolg der Verschwörungsliteratur noch ganz andere Ursachen hat.

Der Kampf der Lager

Manches spricht dafür, daß Bücher wie "Treason" gewissermaßen Abfallprodukte der tiefen politischen Spaltung sind, die Amerika derzeit erlebt. Ein Graben läuft durch die Vereinigten Staaten, und er teilt die Nation ziemlich exakt in der Mitte, mit leichten Vorteilen für die Republikaner. Der umstrittene, aber allemal haarscharfe Ausgang der Präsidentenwahlen, die hauchdünne Mehrheit der Partei von George W. Bush im Kongreß, die beständig knappen Entscheidungen des Supreme Court - lauter Indizien dafür, daß sich zwei annähernd gleich starke Lager gegenüberstehen. Eine Konfrontation, die das Land weithin stillstellt. Das Gezeter einer Ann Coulter wäre dann nichts weiter als eine hysterische Ersatzhandlung, ein Verzweiflungsschrei, geboren aus der Frustration über die innere Lähmung. Je weniger sich bewegt, desto derber wird gepöbelt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.08.2003, Nr. 194 / Seite 33
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