18.08.2006 · Viele amerikanische Eltern haben auf die Globalisierung reagiert. Ihre Kinder sollen möglichst früh Mandarin, die Sprache der chinesischen Wirtschafts- und Geschäftswelt, lernen. Kinderfrauen aus China können daher gut verdienen.
Von Katja Gelinsky, WashingtonDaegan ist gerade mal drei Monate alt. Bis der amerikanische Junge sprechen lernt, wird es also noch eine ganze Weile dauern. Aber wenn es soweit ist, wird der Sohn von Dana Gatt und James Richard Wilson aus Jackson Hole im amerikanischen Bundesstaat Wyoming womöglich schon Mandarin plappern - vorausgesetzt die Suche seiner Eltern nach einer chinesischen Kinderfrau hat Erfolg.
Persönliche Beziehungen zu Chinesen oder China haben weder Dana, die in Jackson Hole ein Wellnessstudio für Hotelgäste leitet, noch ihr Mann, der für eine Autovermietung arbeitet. „Die einzigen Chinesen, die ich kenne, sind die Inhaber eines kleinen chinesischen Restaurants bei uns im Ort. Bei ihnen habe ich mich erkundigt, welche Sprachen man in China überhaupt spricht“, erzählt die 37 Jahre alte Mutter. Nun soll Daegan also künftig Mandarin lernen, die Sprache der chinesischen Wirtschafts- und Geschäftswelt.
„Kinder besser auf die Globalisierung vorbereitet“
Chinas Aufstieg zu einer führenden Wirtschaftsmacht motiviert zahlreiche Amerikaner, sich oder ihre Kinder durch Sprachtraining auf den asiatischen Wettbewerber vorzubereiten. „Wir verzeichnen in den Vereinigten Staaten ein gewaltig steigendes Interesse an chinesischer Kultur und Sprache“, sagt Michael Levine von der internationalen Organisation „Asia Society“ mit Hauptsitz in New York. Die Organisation pflegt die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und den Ländern des asiatisch-pazifischen Raums.
Anfragen kämen von amerikanischen Bürgern, von „Schulen überall im Lande“ und von Politikern aus Washington und verschiedenen Bundesstaaten. Zu dem „ständigen Strom“ von China-Interessenten gehörten auch junge Familien, die nach Kinderfrauen fragten, die ihren Sprößlingen Mandarin beibringen könnten. „Damit die Kinder besser auf die Globalisierung vorbereitet sind“, erläutert Levine.
„Lassen Sie Ihre Kinder und Enkel Mandarin lernen!“
Dana erfuhr durch Zeitungslektüre und von ihrer Schwester in New York, daß französische Gouvernanten passé seien und die progressive Elite Manhattans ihren Nachwuchs mit Hilfe chinesischer Kindermädchen darauf trimme, später für lukrative Geschäfte mit chinesischen Partnern gerüstet zu sein.
Als prominenter Pionier dieses Trends hat vor allem der schwerreiche Investor Jim Rogers, der 1970 mit George Soros die Quantum Funds gründete, Schlagzeilen gemacht. Damit seine Tochter Hilton Augusta später ohne Dolmetscher mit der Wirtschaftselite in Schanghai verhandeln kann, engagierte Rogers nach langwieriger Suche ein chinesisches Au-pair-Mädchen. Mittlerweile ist Hilton Augusta drei Jahre alt und „spricht fließend Mandarin“, wie der Vater vor kurzem stolz in einem Interview berichtete. Hochchinesisch werde für die Generation der heutigen Kindergartenkinder „die wichtigste Sprache“ werden. Lassen Sie Ihre Kinder und Enkel Mandarin lernen!“
„Schulen gehen nicht im Takt globaler Realitäten“
Ganz nach der Devise von Rogers bieten chinesische Bildungseinrichtungen in den Vereinigten Staaten schon Klassen für Kleinkinder an, zum Beispiel die „Shing-Hwa Chinese Academy“ im Washingtoner Vorort Fairfax. Dort können bereits Dreijährige beim Singen, Geschichtenerzählen und Basteln Chinesisch lernen. Auch einige staatliche Grundschulen, etwa die „Potomac Elementary School“ im gleichnamigen, wohlhabenden Washingtoner Vorort Potomac, bieten Unterricht in Mandarin an. An den amerikanischen Colleges ist der Anteil der Studenten, die Chinesischkurse belegen, nach den jüngsten verfügbaren Daten von 1998 bis 2002 immerhin um 20 Prozent gestiegen.
Insgesamt gesehen, ist die Zahl der amerikanischen Schüler und Studenten, die Chinesisch lernen, mit knapp 60.000 noch sehr bescheiden, vor allem wenn man bedenkt, daß rund eine Million amerikanischer Schüler und Studenten Französisch lernen. „Unsere Schulen gehen nicht im Takt globaler Realitäten“, kritisiert Charles Colb, Präsident der Wirtschaftsvereinigung „Committee for Economic Development“. Auch die amerikanische Regierung und der Kongreß in Washington sind überzeugt, daß Chinesisch stärker gefördert werden müsse, nicht zuletzt aus sicherheitspolitischen Gründen.
Gemischtes Bild bei Personalvermittlungsagenturen
Der amerikanische Gesetzgeber zählt Mandarin mittlerweile zu den Sprachen, denen entscheidende Bedeutung für die nationale Sicherheit Amerikas zukomme, mit der Folge, daß es für die Vermittlung und das Erlernen von Hochchinesisch spezielle staatliche Fördermittel gibt. Außerdem sind in Bushs Haushaltsentwurf für das kommende Jahr mehrere Programme zur Förderung „dringend erforderlicher Sprachen“ wie Mandarin enthalten. Ferner liegt dem Kongreß ein parteiübergreifender Gesetzentwurf zur Förderung der Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und China vor, in dem eine Verdopplung der Zuschüsse für Chinesischkurse vorgesehen ist.
Fragt man allerdings bei amerikanischen Personalvermittlungsagenturen, ob sie einen Trend hin zur mandarinsprechenden Kinderfrau bemerken, ergibt sich ein sehr gemischtes Bild. Joan Friedman von der New Yorker Vermittlung „A Choice Nanny“ die ihre Agentur als eine der „aktivsten“ im New Yorker Nannygeschäft bezeichnet, liegen keine Anfragen nach chinesischen Kinderfrauen vor. Fehlanzeige auch bei der New Yorker Agentur „Best Domestic Placement Services“, die 15.000 arbeitssuchende Nannys aus aller Welt registriert hat.
Trend zu chinesischen Kinderfrauen wieder rückläufig
Nach Einschätzung der New Yorkerin JaNiece Rush, deren Agentur „Lifestyle Resources“ damit wirbt, den Reichen und Berühmten Personal für höchste Ansprüche zu vermitteln, ist der Trend zu chinesischen Kinderfrauen jedenfalls wieder rückläufig. Im vergangenen Jahr hätten 20 Prozent ihrer Kunden bei der Suche nach Kinderfrauen verlangt, die Bewerberin müsse Hochchinesisch sprechen können. „Mittlerweile liegt der Anteil derartiger Gesuche nur noch bei 10 Prozent“, sagt JaNiece Rush.
Dagegen sieht man bei der kalifornischen Austauschorganisation „Intrax Cultural Exchange“ in San Francisco, die unter anderem Au-pair-Mädchen in die Vereinigten Staaten vermittelt, „durchaus einen Trend“, Kindermädchen zu engagieren, die Mandarin sprechen. Noch habe man keine Partnerschaften mit China, doch gebe es Interesse, „in diesen Markt einzusteigen“, sagt die Marketingdirektorin Sarah McNamara.
„Vielleicht findet sich ja eine chinesische Studentin“
Von einem „riesigen Markt“ berichtet die kanadische Agentur „Nanny4U.Org“, die unter anderem Kinderfrauen aus Asien oder Kräfte asiatischer Herkunft an Familien in Kanada und in den Vereinigten Staaten vermittelt. Sie erhalte „fast jeden Tag“ Anrufe aus den Vereinigten Staaten. Für hervorragend qualifizierte Kinderfrauen mit chinesischem Hintergrund seien die Amerikaner bereit, tief in die Tasche zu greifen, berichtet eine Mitarbeiterin der Agentur: „Da werden Monatslöhne von 5000 Dollar bis 10.000 Dollar gezahlt.“
JaNiece Rush hält angebliche Jahresgehälter für chinesische Kinderfrauen von mehr als 100.000 Dollar allerdings für übertrieben. Realistischer seien rund 60.000 Dollar im Jahr. Soviel Geld könnte Dana Gatt jedoch keinesfalls aufbringen, damit Daegan schon beim Spielen mit Bauklötzen Mandarin lernt. Mehr als Kost und Logis und ein kleines Taschengeld für die Kinderfrau sei nicht drin. „Vielleicht findet sich ja eine chinesische Studentin“, hofft die Mutter. Bislang hätten sich allerdings nur Bewerberinnen aus Polen, von den Philippinen und aus afrikanischen Staaten bei ihr gemeldet.