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Widerstand in Amerika : Der Kampf gegen Amazon beginnt

  • -Aktualisiert am

Sex als einziger Spaß in der Apokalypse

Besonders hart trifft es derzeit aber nicht die Starautoren. Ihnen ist Aufmerksamkeit gewiss, lange bevor ein neues Buch von ihnen erscheint. Debütanten dagegen sind darauf angewiesen, dass ihr Werk überall vorab geordert werden kann. Von den Vorbestellungen hängt inzwischen nämlich die Anzahl und Bedeutung der Literaturkritiken ab, der Verkauf von Übersetzungs- und Filmrechten, der kurzfristige und langfristige Erfolg. Ein Debüt, das im Internet nicht lieferbar ist, existiert nicht. Und es wird, selbst wenn es bei einem großen Verlag erscheint und als Spitzentitel anständig beworben wird, untergehen.

Colbert sprach in seiner Show mit einem weiteren Amazon-Opfer, dem Gewinner des National Book Award Sherman Alexie. Der empfahl als Zeichen des Widerstands „California“, den ersten Roman der jungen Autorin Edan Lepucki. „California“ ist ein im besten Sinn verstörendes Buch, angesiedelt in den Wäldern nördlich von Los Angeles, in einer nahen apokalyptischen Zukunft. Anders als in anderen Dystopien wird die Zivilisation nicht durch einen Nuklearkrieg oder eine Naturkatastrophe zerstört. Der Untergang vollzieht sich langsam, durch Öl- und Wasserknappheit, eine lang anhaltende wirtschaftliche Depression und eine mit der Lage überforderte Regierung. Kein unrealistisches Szenario.

Vor diesem Setting erzählt Lepucki die Liebesgeschichte eines jungen Paares, Frida und Cal, zwei Großstädter um die dreißig, die lernen müssen, in der Wildnis zu überleben. Jahrelang verstecken sie sich in einer abgelegenen Hütte. Sie halten sich von anderen Menschen fern, weil jeder Fremde ein Feind sein könnte. Die meiste Zeit verbringen sie damit, Tiere zu fangen, Früchte zu sammeln, Gemüse anzubauen. Der einzige Spaß, der ihnen in ihrem „Nachleben“, wie Frida es nennt, geblieben ist, ist Sex. „Er ersetzte das Internet, das Lesen, das Ausgehen, das Einkaufen.“ Doch dann wird Frida schwanger und braucht Hilfe, und die beiden müssen ihre selbstgewählte Isolation aufgeben.

Die Idee zu „California“

„California“, diese düstere Robinsonade, erscheint bei Little, Brown and Company, ein Imprint von Hachette. Am Ende seiner Show rief Colbert die Zuschauer dazu auf, Lepuckis Roman über seine Website bei einem kleinen Buchhändler zu bestellen und das Cover mit dem Aufkleber „I didn’t buy it on Amazon“ zu versehen. Dadurch avancierte „California“ zu einem der größten Vorbestellungsbestseller. Magazine und Zeitungen veröffentlichten erste Rezensionen: „weise und furchterregend“ („New Republic“), „schnell und spannend“ („New York Post“). Lepuckis Agentin verhandelt gerade die Filmrechte. Die Lesungseinladungen haben sich mehr als verdoppelt, von zehn auf zweiundzwanzig. Und Little, Brown ließ 60 000 Exemplare nachdrucken. Nur den Sprung auf die Bestsellerliste schaffte der Roman bislang nicht.

Auf die Frage einer Leserin auf dem zu Amazon gehörenden sozialen Bücher-Netzwerk goodreads.com, wie sie sich nach so viel medialer Unterstützung fühle, antwortete Edan Lepucki: „Es fühlte sich total unglaublich an, surreal, seltsam, wundervoll, verblüffend. Mein Mann und ich kreischten erst vor Freude, dann waren wir einfach nur sprachlos.“ Was sie bei dieser Gelegenheit nicht erwähnte, ist, dass ihr Mann bei Goodreads fürs Autorenmarketing zuständig ist; die literaturbetriebliche Verwerfung verläuft also mitten durch ihre Beziehung. Doch der „New York Times“ sagte sie, dass das kein Widerspruch sei, demonstrativ nicht bei Amazon einzukaufen und Goodreads zu lieben. Ihre Ehe sei im Übrigen sehr glücklich.

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