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Veröffentlicht: 23.06.2015, 20:20 Uhr

Amazon ändert Autorenbezahlung Seite ist Geld

E-Book-Autoren, die ihre Werke bei Amazon veröffentlichen, bekommen bislang Tantiemen erst, wenn der Kunde zehn Prozent ihres Textes gelesen hat. Das ändert sich jetzt: von Juli an werden Seiten gezählt.

von Carolin Schwarz
© dpa Wie viele Bücher ein Kunde ausleiht ist ab Juli irrelevant: Der Autor bekommt nur noch Geld für gelesene Seiten.

„Jede Seite zählt“, heißt es von Juli an für E-Book-Autoren, die ihre Werke über das „Kindle Direct Publishing Programm“ von Amazon veröffentlichen. Im nächsten Monat ändert der Onlineversandhandel sein Entlohnungsmodell und verteilt die Tantiemen nun nicht mehr nach der Anzahl der E-Book-Ausleihen, sondern nach Anzahl der tatsächlich gelesenen Seiten. „Wir nehmen diese Umstellung in Anlehnung an das konstruktive Feedback unserer Autoren vor, die uns um eine Anpassung der Zahlung an die Länge der Bücher und an die von Kunden gelesenen Seiten gebeten haben“, heißt es auf der offiziellen Website des Unternehmens.

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Die Autoren, von denen die Rede ist, nutzen das „Kindle Direct Publishing Programm“ (KDP), um ihre Werke selbst zu veröffentlichen. Die über diese Plattform bereitgestellten E-Books sind für Amazon-Kunden über „Kindle Unlimited“ – Amazons im Oktober 2014 eingeführte E-Book-Flatrate – oder über die Kindle-Leihbücherei der Amazon-Prime-Mitgliedschaft verfügbar. Amazon stellt monatlich einen sogenannten „KDP Select-Fonds“ bereit, der in diesem Monat rund 2,3 Millionen Euro schwer ist. Bislang bildeten „qualifizierten Ausleihen“ die Grundlage des Verteilungsschlüssels. Qualifiziert bedeutet in diesem Fall, dass der Kunde zehn Prozent des Buches gelesen haben muss, damit Amazon Tantiemen an den Verfasser ausschüttet.

Bilder zählen mit

Diese Regelung führte in der Vergangenheit nicht selten dazu, dass Autoren immer kürzere Texte schrieben, um schneller die Zehn-Prozent-Hürde knacken und ihre Tantiemen einfordern zu können. Mit der Neuregelung setzt sich Amazon scheinbar für eine gerechtere Verteilung ein, lässt den eigenen wirtschaftlichen Nutzen dabei aber nicht aus den Augen. Schließlich zahlt der Onlinekonzern nicht für jede geschriebene Seite, sondern eben nur für die tatsächlich gelesene – und das auch nur einmal pro Nutzer. Amazon bekommt mit der neuen Regelung also mehr Lesestoff im Wortsinn für sein Geld und läuft nicht Gefahr, für ein Buch zu zahlen, das der Leser erst nach den ersten zehn Prozent abbricht.

Jeff Bezos © AP Vergrößern Für ihn zählen ab jetzt die Seiten, wenn auch nur die digitalen: Jeff Bezos, CEO von Amazon bei der Vorstellung des ersten Kindle 2007.

Welche Seiten gelesen werden, registriert Amazon mithilfe eines neu eingeführten Systems: Mit „Kindle Edition Normalized Page Count“ (KENPC) werden die gelesenen Seiten unter Berücksichtigung der individuellen Nutzereinstellungen wie Schriftart oder Zeilenabstand normiert und ermittelt. Bilder oder Grafiken werden ebenfalls in die KENPC-Seiten einbezogen.

Auch das neue System könnte sich auf den Zuschnitt der meist im Selbstverlag publizierenden Autoren auswirken: Diese werden künftig insgesamt dazu ermutigt, längere Texte zu schreiben, die den Leser aber auch fesseln müssen, damit so viele Seiten wie möglich gelesen werden. Man darf sich in Zukunft also auf E-Books mit vielen Cliffhangern, verwickelten Handlungen und etlichen Bildern freuen. Denn bei Amazon gilt: „Seite ist Geld.“

Glosse

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