13.09.2004 · Wie bringt man Wissenschaft an die Leser? Alexander von Humboldt überbrückte die Kluft zwischen Forschung und Volk. Jetzt laden zwei Neuausgaben dazu ein, den Pionier der Wissensgesellschaft zu entdecken.
Von Tilman SpreckelsenEr sei ein angenehmer Begleiter, urteilt der Forschungsreisende Georg Forster über den knapp einundzwanzigjährigen Alexander von Humboldt, mit dem er 1790 an den Niederrhein, nach England und ins revolutionstrunkene Paris gefahren war, und hebt dessen Fähigkeit hervor, unter den schwierigsten Bedingungen tief und fest zu schlafen. Seine Gesundheit sei nicht die beste, meinen die, die den jungen Mann aus der Nähe kennen, und machen sich Sorgen.
Als er schließlich nach einer Reihe von ärgerlichen, der aufgeregten weltpolitischen Situation geschuldeten Hindernissen mit dreißig Jahren zu seiner großen Forschungsreise aufbricht, ist von Verschlafenheit und Kränklichkeit keine Rede mehr: Humboldt nutzt seine Zeit in der Neuen Welt mit Entschiedenheit und großer Effizienz. Und wird über der Auswertung fast neunzig Jahre alt.
Einladung zur Erforschung der Welt
Das neunzehnte Jahrhundert! Hat es je eine Zeit gegeben, die so zum Erforschen der Welt eingeladen hat, zur tatsächlichen Entdeckungsfahrt und mehr noch zur Kopfreise, befeuert durch starkleibige Expeditionsberichte oder Periodika wie beispielsweise das üppig illustrierte "Pfennig-Magazin", das in bunter Folge, in völliger Willkür aus allen Winkeln der Erde berichtete und gleichzeitig riesige weiße Flecken übrigließ, an denen sich die spekulative Phantasie aller Bevölkerungsschichten entzünden konnte?
Humboldts Rolle jedenfalls in diesem Gemenge aus kollektiver Weltsehnsucht und wachsender naturwissenschaftlicher Erforschung der Erde kann kaum überschätzt werden, weder in Hinsicht auf das Bild, das er als Person für das Lesepublikum abgab, noch in bezug auf seine eigenen Publikationen. Der arg mißbrauchte Begriff des "Universalgelehrten", hier scheint er am Platz, wenigstens im Verständnis der Öffentlichkeit und der vielen Wissenschaftler, mit denen Humboldt korrespondiert, die seinen Rat suchen und ihn ihrerseits mit Forschungsergebnissen versorgen.
Fünfzigtausend Briefe
Denn der Autor, dem einige seiner Zeitgenossen ein bisweilen allzu ausgeprägtes Selbstbewußtsein nachsagten, weist in großer Offenheit in all seinen Publikationen auf den Beitrag hin, den andere dazu geleistet haben. Man schätzt die Zahl der von ihm geschriebenen Briefe auf insgesamt fünfzigtausend, er dürfte etwa doppelt soviel erhalten haben.
Mit einigem Recht trägt der Katalog, der 1999 zur großen Humboldt-Ausstellung in Berlin und Bonn erschienen ist, den Untertitel "Netzwerke des Wissens" und hebt in einer Fülle von Beiträgen die Verbindungen des weitgereisten Gelehrten - neben der Amerikareise ist die Fahrt nach Rußland von 1829 Humboldts größte geographische Exkursion - hervor.
In der Vorrede zur 1807 erschienenen deutschen Ausgabe der "Ideen zu einer Geographie der Pflanzen" schreibt der Autor: "Das Naturgemälde, welches ich hier liefere, gründet sich auf Beobachtungen, die ich teils allein, teils mit Herrn Bonpland gemeinschaftlich angestellt habe. Durch die Bande inniger Freundschaft viele Jahre lang miteinander verbunden, die mannigfaltigen Beschwerden teilend, denen man in unkultivierten Ländern und unter dem Einfluß bösartiger Klimate ausgesetzt, haben wir beschlossen, daß alle Arbeiten, welche als Früchte unserer Expedition zu betrachten sind, unsere beiden Namen zugleich führen sollen."
Viele fremde Federn
Und in seinem Alterswerk "Kosmos", für das Humboldt um die neuntausend Arbeiten anderer Autoren auswertete, wird er nicht müde, die vielen fremden Federn aus allen Epochen der Entdeckungsgeschichte auch zu benennen: Da ist "der scharfsinnige Peter Martyr de Anghiera, einer der Freunde von Christoph Columbus", der als erster erkannt habe, "daß die Schneegrenze immer höher steigt, je mehr man sich dem Aequator nähert", wie "in dem schönen Werk 'De rebus oceanis'" zu lesen sei - Humboldt benutzt hier ganz selbstverständlich die Ausgabe von 1574, wie er gleichzeitig die allerneuesten Diskurse der Wissenschaft in sein Welterklärungsbuch überführt.
Daß diese Bereitschaft, das von anderen gesammelte empirische Wissen redlich zusammenzuführen und am eigenen abzugleichen, gerade im "Kosmos" kulminiert, ist kein Zufall und hängt elementar mit der Anlage dieses Werks zusammen.
"Ich habe den tollen Einfall", schreibt Humboldt 1834, "die ganze materielle Welt, alles, was wir heute von den Erscheinungen der Himmelsräume und des Erdenlebens, von den Nebelsternen bis zur Geographie der Moose auf den Granitfelsen wissen, alles in einem Werk darzustellen, und in einem Werk, das zugleich in lebendiger Sprache anregt und das Gemüt ergötzt."
Ein Werk der Synthese
Das - mit dem 1862 postum erschienenen Band - fünfteilige Unternehmen (zu dem außerdem noch ein Atlas vorgesehen war, der wegen Verlagsstreitigkeiten schließlich andernorts publiziert wurde) ist ein Werk der Synthese, in jeder Hinsicht, denn es bemüht die unterschiedlichsten wissenschaftlichen Disziplinen, um die Erde (und ein gutes Stück darüber hinaus) in räumlicher und zeitlicher Hinsicht auszuloten: Das Spektrum reicht von Archäologie und Mythologie bis zu Astronomie und Meteorologie, Humboldt erläutert sein Konzept der Isothermen und der Pflanzengeographie ebenso wie das Wissen seiner Zeit über die Beschaffenheit der Erdrinde und die Schichtung der Gesteine.
Nichts davon steht isoliert für sich. Humboldts Bestreben, die Beschreibungen und Analysen aus den verschiedenen Disziplinen miteinander zu einem Gesamtbild zu verbinden, ist unübersehbar, sein flüssiger, bildmächtiger und dabei überaus präziser Stil tut ein übriges, um den "Kosmos" zu einer Einheit aus denkbar heterogenem Material zu formen.
So wurde das Buch auch zum in Deutschland meistverbreiteten Werk des Autors; es erschien in derart hoher Auflage, daß man selbst heute für Erstausgaben der vier zu Humboldts Lebzeiten erschienenen Bände im Antiquariat keine Unsummen bezahlen muß, und vielleicht ist es unter den vielen Huldigungen, die bis heute auf Humboldt zielen, eine der schönsten und folgenreichsten, daß sich ein 1903 gegründete Verein von naturwissenschaftlich Interessierten den Namen "Kosmos" gab und mit der gleichnamigen Zeitschrift den Titel dieses im besseren Sinne populärwissenschaftlichen Werks seither wachhält.
Netz über den ödesten Bergketten
In diesem Herbst, pünktlich zum zweihundertsten Jubiläum der Rückkehr Humboldts von seiner Amerikareise, erscheint nun auch sein "Kosmos" wieder neu, gemeinsam mit dem ursprünglich als Ergänzung vorgesehenen Atlasband.
Zu verdanken ist diese Edition nicht zuletzt der langjährigen Begeisterung Hans Magnus Enzensbergers für Humboldt, dessen Person und Lebensleistung er in einem längeren Gedicht würdigte. Über die Ambivalenz von Erforschung und Ausbeutung heißt es dort: "Wie Schnee schmilzt die Terra incognita unter seinen Blicken. / Über die letzten Gletscher, die ödesten Bergketten wirft er sein Netz / von Kurven und Koordinaten."
Für die Kehrseite dieser Forschungen, die mit der Begeisterung für die Ferne erweckte Besitzgier der Alten Welt, kann man Humboldt freilich nicht verantwortlich machen: "Ein Gesunder war er, der mit sich die Krankheit / ahnungslos schleppte, ein uneigennütziger Bote der Plünderung, ein Kurier, / der nicht wußte, daß er die Zerstörung dessen zu melden gekommen war, / was er, in seinen Naturgemälden, bis daß er neunzig war, liebevoll malte."
Alexander von Humboldt, 1769 bis 1859
1769 Am 14. September wird Alexander von Humboldt in Berlin geboren, zwei Jahre nach seinem Bruder Wilhelm.
1787 bis 1792 Humboldt studiert Kameralistik in Frankfurt an der Oder, Göttingen, Hamburg und Freiberg.
1790 bereist er mit Georg Forster den Niederrhein, England, Schottland und Paris, kurz vor dem 1. Jahrestag der Revolution.
1792 bis 1796 Bis er durch den Tod der Mutter finanziell unabhängig wird, arbeitet Humboldt als preußischer Beamter im Bergbau.
1799 bis 1804 Mit dem Botaniker und Arzt Aimé Bonpland unternimmt Humboldt eine Forschungsreise in Süd- und Mittelamerika.
1802 Am 23. Juni besteigen Humboldt und Bonpland den Chimborazo, der damals als der höchste Berg der Welt gilt.
1805 bis 1839 gibt Humboldt die Bände der "Voyage aux régions équinoxiales du Nouveau Continent" heraus, in denen er die Amerikareise auswertet.
1829 Vom 12. April bis zum 28. Dezember bereist Humboldt auf Einladung des Zaren Rußland bis zur chinesischen Grenze.
1845 Der erste Band des "Kosmos" erscheint. Drei weitere folgen, der abschließende fünfte Band erscheint 1862 als Fragment.
1859 Am 6. Mai stirbt Humboldt in Berlin.
Tilman Spreckelsen Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Jüngste Beiträge