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Alexander Marguier Haustürgeschäfte: „Schneewittchen“

02.03.2006 ·  Halte Abstand von schönen Frauen: Das Märchen „Schneewittchen“ von den Brüdern Grimm erzählt von einer nicht sehr hellen Königstochter, die Ärger mit fahrenden Händlern hat.

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Schneewittchen mag ja wunderschön gewesen sein mit ihrem ebenholzschwarzen Haar und ihrer schneeweißen Haut - besonders helle war sie nicht. Dem Auftragsmord durch die neidische Stiefmutter knapp entgangen, findet unsere Königstochter bekanntlich Aufnahme bei sieben Zwergen, denen sie den Haushalt führt, während die sich tagsüber in einem Bergwerk abrackern.

Aber das Glück dieser leicht bizarren Wohngemeinschaft währt nicht lange, weil der sprechende Spiegel, den die böse Königin aus Gründen der ästhetischen Selbstvergewisserung zu konsultieren pflegt („Wer ist die Schönste im ganzen Land?“), nicht nur beständig am Ego seiner Besitzerin kratzt, sondern dummerweise auch Schneewittchens Versteck verrät: „Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber Schneewittchen über den Bergen bei den sieben Zwergen ist noch tausendmal schöner als Ihr.“

Mord im dritten Anlauf

Frau Königin, deren Vertrauen in die Zuverlässigkeit der Auftragskillerbranche naturgemäß erschüttert ist, macht sich lieber gleich selbst auf den Weg über die Berge, um sich ihrer Konkurrentin endgültig zu entledigen. Was ihr allerdings erst im dritten Anlauf gelingt: Einen ersten Mordversuch, bei dem die Stiefmutter sich, als hausierende Schnürriemen-Verkäuferin verkleidet, Zutritt ins Zwergenhaus verschafft, überlebt Schneewittchen nur knapp. Beim zweiten Attentat verfährt die Königin nach derselben Methode, nur daß sie Schneewittchen diesmal als vermeintliche Vertreterin für Haarpflegeprodukte einen vergifteten Kamm andreht - zum Glück kehren die Zwerge rechtzeitig aus ihrer Erzmine zurück und können ihre schöne Mitbewohnerin in letzter Minute retten.

Gerade als man meint, Schneewittchen würde nun erst mal die Finger von Haustürgeschäften lassen - da kommt wenige Tage später zufällig eine Bäuerin vorbei und überläßt ihr einen Apfel. Die Bäuerin ist natürlich die Stiefmutter, der Apfel natürlich vergiftet, Schneewittchen kurz darauf natürlich tot. Daß sie am Schluß von einem Königssohn wiederbelebt wird und ihrem gläsernen Sarg entsteigt, machte die Sache für mich jungen Leser, ehrlich gesagt, auch nicht besser. Folgende Lebensweisheiten haben sich denn auch durch die Lektüre eingeprägt: Erstens, halte Abstand von schönen Frauen, denn die sind entweder niederträchtig oder kreuznaiv. Und zweitens, hüte dich vor fahrenden Händlern. Immerhin die zweite Regel habe ich stets beherzigt.

Die Märchen der Brüder Grimm, illustriert von Nikolaus Heidelbach, gibt es bei Beltz & Gelberg für 19,95 Euro.

Quelle: F.A.Z., 02.03.2006, Nr. 52 / Seite 35
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