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A.L. Kennedy Wahre Liebe leuchtet im Dunkeln

23.03.2004 ·  Kopfsprung in den Schmerz: A.L. Kennedy hat ein Buch geschrieben, das man langsam, behutsam lesen, sich im Kopf und im Herzen zergehen lassen möchte, in dem Stilhöhe und Gedankentiefe einander ebenbürtig sind.

Von Felicitas von Lovenberg
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Viele Menschen würden nicht lieben, wenn sie nie von der Liebe gehört oder gelesen hätten, sagte La Rochefoucauld; sie wüßten gar nicht, wie. Daß mancher es heute fast verlernt zu haben scheint, wäre demnach auch die Schuld von Schriftstellern wie A. L. Kennedy, die zwar an die Liebe glauben, ihrer Erfüllung aber mißtrauen. Andererseits gibt es keine Schriftsteller wie A. L. Kennedy; die achtunddreißigjährige Schottin schreibt in einer Liga für sich.

Das bestätigt auch ihr neues Buch, das eigentlich ein altes ist. Bereits 1995 erschien der Roman "So I Am Glad" in Großbritannien, lange vor dem Erzählungsband "Original Bliss", dessen Teilübersetzung unter dem Titel "Gleißendes Glück" die Autorin auch in Deutschland bekannt machte. Es folgten zwei Romane, zwei Bände mit Kurzgeschichten sowie der autobiographische Essay "Stierkampf". Erst jetzt, mit fast zehnjähriger Verspätung, erscheint mit "Also bin ich froh" die berückende Geschichte von Liebe, Erlösung und einer wundersamen gegenseitigen Rettung, eingefädelt von einem spitzbübischen Gott und erzählt von einer der mutigsten Schriftstellerinnen der Gegenwart.

Zu Jennifers Erleichterung sind die Zeitgenossen so sehr mit eigenen Gefühlen beschäftigt, daß sie ihren Mangel daran gar nicht bemerken. "Anscheinend haben die meisten Menschen Horden von Gefühlen, die in ihrem Innersten herumwühlen wie ruhelose Maulwürfe. Als Kinder lassen sie diese Gefühlsmaulwürfe beim kleinsten Anlaß heraus. Doch dann gehen diese unschuldigen Maulwurfbehälter hinaus in die Welt und lernen, ihre Maulwürfe bei sich zu behalten."

Sie selbst habe keine Maulwürfe, so teilt Jennifer uns gleich zu Beginn und ganz ohne Larmoyanz mit, sie sei "einfach leer" - und will lieber nicht wissen, warum: "Ich kann mich nicht an eine einzige Beschädigung erinnern, die mich zu dem gemacht haben könnte, was ich bin." Doch da - der Roman ist gerade fünf Seiten alt - ahnen wir schon, daß diese Mimose dicht unter ihrer einstudierten Gelassenheit und trotz ihres selbstironischen, unwirschen Tonfalls kurz davor ist, nicht nur den Verstand, sondern sogar ihr Seelenheil zu verlieren. Und auch wenn wir noch nichts von den furchterregenden, abstoßenden und zerstörerischen Dingen wissen, die Jennifers ganz persönliche Verdammnis ausmachen, sind wir bereits auf ihrer Seite.

Egal, ob man A. L. Kennedy erst gestern, eine Weile nicht oder gar noch nie gelesen hat: Stets frappiert ihre Art, über das Leben, die Liebe und den Tod, über Sex, Gewalt, Einsamkeit und Sehnsucht mit einer Unmittelbarkeit zu schreiben, die aufs Ganze geht und dabei stets mit schmerzlicher Präzision die richtigen Worte findet. Soviel über die Liebe, das Alleinsein und die Angst vor beidem zu wissen und es auch noch zu sagen ist geradezu unanständig. Wie das Gefühl, das sie antreibt, kommt auch die Sprache dafür nicht aus dem Kopf, sondern aus den Eingeweiden, da, wo der Urglaube an die geheimen Kräfte der Imagination sitzt. Jeder dritte Satz wäre wert, zitiert und im Gedächtnis bewahrt zu werden. Auch das zeigt den stupenden Reichtum dieses Romans.

Es ist eine alltägliche Geschichte, die A. L. Kennedy in "Also bin ich froh" erzählt, auch wenn sie uns in einer geradezu märchenhaften Verpackung auf den Leib rückt: die Liebe zweier Menschen, die gelernt haben, ihre Gefühle zu verbergen, die vor dem Tod weniger Angst haben als vor Zurückweisung, und die sich aufeinander einlassen, obwohl sie wissen, daß ihr Glück nicht dauern kann. Aber nur eine Bindung, "die Dunkelheit mit einschließt, und das Schicksal, allein weiterzulieben", ist den späteren Schmerz wert.

Doch bevor es dazu kommt, brodelt Jennifer erst einmal vor unterdrückten Schuldgefühlen, Scham und Wut; Reaktionen auf die elterliche Mißhandlung, der sie als Kind ausgesetzt war. Wie sich in knappen, sprachlich zurückhaltenden, doch inhaltlich schonungslosen Rückblenden herausstellt, war Jennifers einziges Ventil für diesen zerstörerischen Emotionscocktail ein sadistisches Sexspiel mit ihrem Ex-Freund: "Schon bevor ich ihn kennenlernte, war Steven an Schmerz interessiert, doch ich gebe gern zu, daß ich sein Interesse noch förderte."

Die Rettung fällt buchstäblich vom Himmel. Eines Tages steht ein bläulich glimmender Mann in der Küche des Glasgower Hauses, das die eigenbrötlerische Radiosprecherin mit drei Bekannten teilt. Er hat sein Gedächtnis verloren; das einzige, an was er sich erinnert, ist ein langer, dunkler Schlaf, eine Art "Tod ohne Sterben" - und an die "Abwesenheit Gottes, ein ferner, desinteressierter Schmerz am Rand der Zeit". Jennifer hält ihn zunächst für Martin, den angekündigten neuen Untermieter. Aber wie sich herausstellt, ist der merkwürdige Besucher mit der "Ausstrahlung eines poetisch veranlagten Preisboxers oder eines tanzenden Schlachters" im wahrsten Sinne aus der Zeit gefallen: Er sei niemand anders, so vertraut er Jennifer an, als Savinien de Cyrano de Bergerac. Nicht der Held aus Edmond Rostands Stück, möchte man ergänzen, sondern jener Soldat und Schriftsteller, der am 28. Juli 1655 als Junggeselle in der Nähe von Paris starb. Als Soldat der Gascogner Garden tötete er in Schlachten und Duellen viele Männer und wurde selbst schwer verwundet, als Schriftsteller unternahm er phantastische Zeitreisen zu Sonne und Mond - sündhafte Taten und ketzerische Gedanken, die Gott ihm verübelt hat, wie er glaubt: Warum sonst sollte er ihn zurückgeschickt haben?

Anstatt den seltsamen Gast ins Krankenhaus zu bringen oder einfach vor die Tür zu setzen, rührt er Jennifers kaltgestelles, versehrtes Herz. Sie kümmert sich um ihn, hört ihm zu, glaubt ihm "rückhaltlos". Saviniens Herkunft wird ihr Privatgeheimnis, das seine merkwürdige Aussprache erklärt, seine Niedergeschlagenheit, seine Erschöpfungszustände und seine Unsicherheit, sobald er das Haus verläßt; die Tatsache, daß er weder Kleidung noch Geld besitzt; die Narben an seinem Körper. Sie erkennt in ihm einen Geistesverwandten - und den ersten Menschen, der sie braucht: "Dennoch bin ich hier, obwohl ich sicher bin, keinen natürlichen Platz auf diesem Planeten zu haben. Ich fühle mich ständig heikel, und nur das Gewicht deiner Aufmerksamkeit sichert und rechtfertigt mich."

In Gesprächen über Gott, den Tod und das Töten kehrt seine Erinnerung zurück, auch daran, daß er schon immer gern geredet hat: Die Liebe zur Sprache ist für ihn elementar, eine Art Naturzustand, den er auf Jennifer überträgt. Ohne es darauf anzulegen, beichtet er ihr sein Leben, und indem sie zuhört, glaubt und akzeptiert, leistet sie Abbitte für eigene Verfehlungen. Sie reden, tage- und nächtelang, liebkosen sich mit Worten, geben sich Halt. Und verlieben sich darüber, so keusch und zurückhaltend, wie es sich für einen Barockdichter und eine schottische Neurotikerin Mitte der Neunziger in Glasgow schickt: Es wimmelt vor Maulwürfen.

Doch ihre unausgesprochenen Gefühle machen sie empfindlich. Erst als Savinien verschwindet, weil es gegen seinen Stolz geht, ihr auf der Tasche zu liegen, begreift Jennifer die Dimension der Begegnung: "So ein Mensch ist keine Veränderung, sondern eine Erweiterung . . . Ich lernte, wie es ist, allein zu sein. Es war mehr von mir da, was allein sein konnte. Es tat weh." Als er zurückkommt, zeigt sich die Liebe nicht mehr nur in Worten. Jennifer kann ihr Glück kaum fassen, wie sie uns mit dem ihr eigenen, unstillbaren Hang zur ironischen Selbstkommentierung mitteilt: "Ich für meinen Teil entdeckte, daß ich zuviel lächelte und mein Gang ein wenig elastisch wurde. Und natürlich verspürte ich das starke Bedürfnis, eine Ehrenrunde zu laufen und ein wenig zu jubeln, irgendwie zu feiern." Und auch Savinien scheint angekommen: "Und glauben Sie mir, er strahlte. Wirklich. Ich weiß noch, wie schnell sein Feuer auf mich überging und wir beide brannten und glänzten zwischen statisch leuchtenden Laken. Wir waren hell, hell genug zum Lesen und Schreiben."

Denn der Fluch und der Segen der Liebe zu ihrem gespensterhaften Savinien macht Jennifer zur Schriftstellerin. Das Schreiben gibt ihr etwas zu tun, nachdem er fort ist: "Du bist der Mensch, der mich die leeren Räume und die leeren Zimmer spüren läßt. Du bist der einzige Mensch, der soviel Macht über mein Leben hat. Glaubst du, das gefällt mir? Ich will nicht vervollständigt werden, nicht geöffnet werden, nicht befreit werden oder ein in irgendeiner Weise reicheres Leben führen, als ich es tue. Ich will nicht, ich will nicht, ich will nicht, und dann will ich doch. Deine Schuld."

C. S. Lewis hat in "Grief Observed", jener autobiographischen Schrift über das Leben nach dem Tod seiner Frau Joy, ähnlich ergreifend, verstörend und leidenschaftlich mit seinem Gott und seiner Bestimmung gehadert, bevor er den Verlustschmerz als einen tröstlichen Bestandteil seines Daseins annehmen konnte. A. L. Kennedy hat sich stets schwerer damit getan, sich in ein gottgebenes Schicksal zu fügen. Insgesamt kommt Gott bei der störrischen, widerborstigen Katholikin dieses Mal noch glimpflich davon, etwa wenn sie Savinien seine Schreiberfahrung als himmlische Gnade schildern läßt: "Ich stieß mich von der Erde ab und hob mich täglich von ihr hinweg, und ich sah das Paradies. Ich versichere dir, ich aß und trank im Paradies."

Saviniens Satz, Gott habe am Ende immer recht, vermag Jennifer ebensowenig zu trösten wie den Leser. A. L. Kennedy hat ein Buch geschrieben, das man langsam, behutsam lesen, sich im Kopf und im Herzen zergehen lassen möchte, in dem Stilhöhe und Gedankentiefe einander ebenbürtig sind. Das Lieben wird man darüber nicht verlernen. Höchstens vergessen.

A. L. Kennedy: "Also bin ich froh". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Ingo Herzke. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2004. 280 S., geb., 19,50 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.03.2004, Nr. 71 / Seite L7
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