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„Lolita“ und #MeToo : Monument des weißen alten Mannes

Sue Lyon als Lolita, James Mason als Humbert Humbert in Stanley Kubricks Verfilmung von 1962. Bild: Getty

Schon beim Erscheinen vor sechzig Jahren war es ein Skandal. Könnte Vladimir Nabokovs berühmtes Buch über den Missbrauch eines Kindes heute noch so erscheinen? Eine Erstlektüre in Zeiten von #MeToo.

          Fünf amerikanische Verleger hatten das Manuskript abgelehnt, dann kam Walter Minton, der junge Verleger von Putnam, und druckte „Lolita“. Sechzig Jahre ist das jetzt her. Auf einer Party hatte Minton eine Revuetänzerin kennengelernt, auf deren Sofa er später eingeschlafen war, sie hieß Rosemary Ridgewell. Als er mitten in der Nacht wieder aufwachte, lag da auf dem Tisch Nabokovs Buch – in jener gekürzten Ausgabe, die drei Jahre vorher bei Olympia Press erschienen war, einem englischsprachigen Verlag für Erotika in Paris. Minton, so hat er es neulich dem „New Yorker“ erzählt, las bis zum Morgengrauen – und er war fest entschlossen, dieses Buch zu drucken.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Er schrieb sofort einen Brief an Vladimir Nabokov, der seit 1940 in den Vereinigten Staaten lebte und als Professor an der Ivy-League-Universität Cornell in Ithaca russische und europäische Literatur unterrichtete. Nabokov war damals ein kaum bekannter Schriftsteller, die Familie war nach der russischen Revolution nach Westen geflohen, Nabokov studierte in Cambridge, lebte zeitweilig in Berlin, floh dann vor den Nazis nach Frankreich und weiter nach Amerika. Seit 1940 schrieb er nur noch auf Englisch. In einem Schneesturm flog Minton zu ihm nach Ithaca – und dann, als sie sich einig waren, auf dem Weg zur Frankfurter Buchmesse weiter nach Paris: um dem Verleger von Olympia Press, Maurice Girodias, die Rechte von „Lolita“ abzuhandeln.

          Das Buch wurde, in seiner Originalfassung, ein Welterfolg. Und ein Skandal. Und verfilmt, einmal von Stanley Kubrick, später dann mit Jeremy Irons in der Hauptrolle als Humbert Humbert: ein pädophiler, französischer Lehrer in Amerika, der eines Tages, durch Zufall, die zwölfjährige Dolores und deren Mutter kennenlernt, ins Haus der Familie Haze einzieht und die Mutter heiratet, um der Tochter nah zu sein.

          Vladimir Nabokov, 1962

          Die Mutter entdeckt die pädophilen Neigungen ihres Mannes für ihre Tochter, stürzt aus dem Haus und läuft vor ein Auto. Humbert, verwitwet, nimmt das Mädchen, das gerade im Sommerlager ist, mit auf einen Roadtrip quer durch die Vereinigten Staaten, von Hotel zu Motel. Irgendwann ist er am Ziel, hat Sex mit dem Mädchen, Tag für Tag und so oft er will, er bezahlt sie auch dafür. Die Reise endet nach einem Jahr in Beardsley, wo Dolores kurz zur Schule geht. Die beiden brechen bald erneut auf, Richtung Westen, irgendwann wird Dolores krank, muss ins Spital, verschwindet von dort. Humbert, aufgelöst, verzweifelt, sucht und sucht und findet sie schließlich, drei Jahre später, da ist Dolores verheiratet und schwanger. Die beiden nehmen Abschied voneinander – und Humbert reist weiter und erschießt den Mann, zu dem Dolores gezogen war, nachdem sie aus dem Krankenhaus abgehauen war. Er wird von der Verkehrspolizei festgenommen, schreibt in der Haft jenen Text, aus dem „Lolita“, der Roman, gemacht ist. Sein Arzt bringt ihn postum heraus: Denn Humbert stirbt am Ende, genau wie Dolores, die er Lolita nannte. Humberts wahren Namen erfährt man nie.

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