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50 Jahre Deutscher Taschenbuchverlag : Das Ziel heißt Bildungshunger

Welches Tier kann im Dunkeln sehen und fängt Mäuse? Celestino Piattis Eule war ein würdiges Wappentier für den Deutschen Taschenbuchverlag Bild: dtv

Als Bücher noch eine Mark neunzig kosteten: Vor fünfzig Jahren erschien das erste Programm des Deutschen Taschenbuchverlags. Heute segelt der Verlag mit großem Gepäck in die digitale Zukunft.

          Diesem Verlag ist niemand entkommen. Es dürfte schwer sein, einen Haushalt zu finden, in dem kein Band aus dem Deutschen Taschenbuchverlag steht. Prägende Leseerlebnisse erstehen zu neuem Leben, wenn man nur die Buchrücken sieht, weiten sich zur Gewissheit, wenn man das Buch aus dem Regal zieht. Ach das! Jahrzehnte Leserbindung durch Schullektüre, im Kinderbuch, mit Atlanten und Nachschlagewerken, Klassikerausgaben. Im Buchbereich hat der in München ansässige Deutsche Taschenbuchverlag (dtv) einen Bekanntheitsgrad wie Nivea in der Körperpflege. Er ist Synonym für eine ganze Gattung.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Der Aufstieg begann mit einer Plakataktion im Buchhandel, die im September 1961 verkündete: „dtv – ein neuer Typ des deutschen Taschenbuchs“. Nummer eins war Heinrich Bölls „Irisches Tagebuch“. Beim Gang durch die Verlagsgeschichte zeigt sich zweierlei – eine imposante Bücherbilanz und ein eklatanter Wertewandel in der deutschen Buchkultur. Im Bildungshungerland wurde ein Verlag hochgezogen, mit dem sich elf Gesellschafter ein Stück des lukrativen Taschenbuchmarktes sichern wollten. Mit dem Lektor und Gründungsmitglied der „Gruppe 47“ Heinz Friedrich (1922 bis 2004) war ein Mann der Tat gefunden, der gleich im ersten Jahr die erste Taschenbuch-Gesamtausgabe Goethes in die Buchhandlungen schob; später ließ er die Hamburger Ausgabe und die dreiunddreißigbändige Sophienausgabe folgen. Zwar gibt es auch heute eine Bibliothek der Erstausgaben, zwar werden Klassiker wie Jane Austen und die Bronts neu übersetzt, aber der Klassikerfuror ist erlahmt.

          Ein neuer Typ Taschenbuch

          Diversifiziert wurde schon damals, mit immer neuen Reihen: Man pflegte die literarische Avantgarde ebenso wie das Bürgerliche Gesetzbuch, erfand mit den dtv-Atlanten eine neue Form des Nachschlagewerks (der zur Weltgeschichte hat es auf mehr als fünf Millionen Exemplare gebracht). Ein erschwingliches Lexikon kam von 1966 an mit dem Brockhaus, die Wissenschaftsreihe entstand im Nachgang zur Studentrevolte. Zehn Jahre nach Gründung dann der Einstieg ins Kinder-und Jugendbuch: Verlegergattin Maria Friedrich gelang mit dtv junior eine eigenständige Erfolgsgeschichte. 1974 begann mit Kindlers Literaturlexikon die Zeit der schweren Buchpakete. Editionen, die man nur dtv zutraute, wie die Nietzsche-Ausgabe von Colli und Montinari (1980), das Grimmsche Wörterbuch (1984), das Künstlerlexikon Thieme/Becker (1992).

          Seit fünfzehn Jahren Geschäftsführer des Deutschen Taschenbuchverlags: Wolfgang Balk
          Seit fünfzehn Jahren Geschäftsführer des Deutschen Taschenbuchverlags: Wolfgang Balk : Bild: dpa

          Die Rolle, die der 2007 gestorbene Schweizer Graphiker Celestino Piatti bei dieser Markenbildung spielte, kann man nicht hoch genug ansetzen. Er löste das Versprechen ein und lieferte einen neuen Typ Taschenbuch: Alle Umschläge waren einheitlich weiß, darauf eine Zeichnung von Piatti, im Sachbuch eine Fotografie. Als Schrifttype wählte er die Berthold-Akzidenz-Grotesk, rechtsbündig gesetzt. Die Anmutung war klassisch und modern, elegant und zeitlos. Und haptisch war das so sexy, dass man viele Bücher haben wollte, von Thukydides über Hebbel zu Grass und Kishon. Rund sechstausend Umschläge gehen auf das Konto Piattis, eine qualitativ singuläre Leistung. Wie entscheidend ein solcher Markenauftritt ist, sieht man immer dann, wenn etablierte Marken zum Schmelzen gebracht werden, wie im Fall des Suhrkamp Taschenbuchs.

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