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30. Todestag James Baldwins : An seinem Grab

James Baldwins Grabstein am Friedhof Ferncliff in Hartsdale. Bild: Alan Chin

Noch heute lesen sich die Bücher der Bürgerrechts-Ikone James Baldwin wie die eines klugen Zeitgenossen. Besucht man sein Grab, überrascht ein paradoxer Ort. Ein Besuch in Hartsdale.

          Von Harlem zum Friedhof Ferncliff in Hartsdale ist es nur ein Katzensprung. Eine gute halbe Stunde von der 125. Straße mit dem Zug den Hudson entlang nach Norden bis zum Bahnhof Dubb’s Ferry, von dort ein paar Stationen mit dem Bus oder eine 15-Dollar-Fahrt mit dem Taxi, falls gerade eines dort steht, vorbei am weitläufigen Golfplatz des Country Clubs, und schon ist man da. 

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          In jeder anderen Hinsicht als der geographischen aber liegt zwischen Harlem und Ferncliff die Welt.

          Jedenfalls zwischen dem Harlem, in dem James Baldwin in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts groß geworden ist, dem Getto, mit dem er nie seinen Frieden machen wollte. Dem Harlem, in dem sein Neffe, dem er den obenstehenden Brief schrieb, geboren wurde, dem Harlem, von dem Baldwin uns in seinem ersten Roman „Go Tell it on the Mountain“ erzählt hat, dem Harlem, aus dem er geflohen ist, nach Paris, in die Schweiz, in die Türkei, schließlich nach Saint-Paul-deVence im Süden Frankreichs, wo er schließlich am 1. Dezember 1987 starb. Begraben aber ist James Baldwin in Ferncliff, auf diesem idyllischen Friedhof in unmittelbarer Nachbarschaft der Landsitze wohlhabender New Yorker, wo heute ein windschiefes Zwei-Zimmer-Haus eine Viertelmillion Dollar kostet. Ist es nicht paradox, dass er, der heute meistzitierte Protagonist der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, inmitten eines vorwiegend weißen Vororts beerdigt wurde? Oder ist gerade dies der richtige Platz für ihn, einen der größten amerikanischen Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts? „Auf der einen Seite der Stadt“, so sagte Baldwin einmal in einem Interview mit der „Paris Review“ und meinte Harlem, „war ich Onkel Tom. Auf der anderen der wütende junge Mann.“ Er meinte für die Weißen.

          James Baldwins letztes Geleit

          Hier, in Ferncliff, hat er angemessene Gesellschaft aus beiden Teilen der Stadt. Joan Crawford, der Filmstar, den er fast so sehr bewunderte wie Bette Davis, hat in einer Marmorschublade in einem der riesigen Mausoleen für Hunderte Tote ihr Grab. Draußen wie Baldwin hingegen liegt Malcolm X, mit dem er sich zu Lebzeiten bei allem Respekt heftig stritt, seine Ermordung unendlich beweinte und dem er im Tod vielleicht nahe sein wollte.

          Ein Zeitzeuge für seine wie für unsere Zeit: James Baldwin
          Ein Zeitzeuge für seine wie für unsere Zeit: James Baldwin : Bild: Steve Schapiro

          Vierzig schwarz verhängte Limousinen sollen sich damals, Anfang Dezember 1987 nach einer Trauerfeier in der Kathedrale Saint John the Divine zu einer Tour durch Harlem und hinauf nach Ferncliff auf den Weg gemacht haben, um James Baldwin das letzte Geleit zu geben. Seit jener für Duke Ellington im Jahr 1974 war die Trauerfeier für Baldwin die erste in der riesigen, niemals ganz fertig gebauten Kirche, und es waren gewaltige Reden gehalten worden, von Toni Morrison, von Maya Angelou, von Amiri Baraka, der zusammenfasste, was der Verstorbene geleistet hatte: „He reported, criticized, made beautiful, analyzed, cajoled, lyricized, attacked, sang, made us think, made us better, made us consciously human.“

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