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Sonntag, 19. Februar 2012
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28. Bachmann-Preis Was zählt, ist auf dem Blatt

28.06.2004 ·  Der diesjährige Bachmann-Wettbewerb war ein Sieg für die Literatur - der doch um einiges hätte höher ausfallen müssen. Es fehlten versierte Polemiker in der Jury, die das Mißratene klar beim häßlichen Namen nannten.

Von Richard Kämmerlings, Klagenfurt
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Beim Fußball streiten die Exegeten gern darüber, ob aus dem Spiel Rückschlüsse auf die Welt zu ziehen sind: Verkörpert der lahme Flügel etwa den Reformstau des Landes? Das Nervenflattern des Tormanns die Verunsicherung der Eliten? Der Kick des "1. FC Literatur" gegen die Betriebssportgruppe des ORF ist beim Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preis stets ein Pflichttermin. In diesem Jahr stand das Kräftemessen der Schriftsteller naturgemäß in besonders scharfer Aufmerksamkeitskonkurrenz mit den Künstlern am Ball: Was zählt, ist auf dem Blatt.

Während Fußball für die meisten aber einfach nur ein von höchst eigenen Gesetzen und Zufällen beherrschtes Spiel ist, wird im Fall der Literatur kaum jemand bestreiten, daß sich aus ihr etwas über die Welt ablesen läßt, in der sie entsteht, in der sie blüht oder schwächelt, der sie die Stirn bietet oder die kalte Schulter zeigt. Selbst wenn sie in ihr nicht ausdrücklich vorkommt, wenn sie in die Vergangenheit oder phantastische Räume flüchtet, ließe sich gerade daran der Puls der Gegenwart nehmen.

Zu knapper Sieg

Wo wäre nun die Chance auf eine Standortbestimmung der Gegenwartsliteratur größer als beim Bachmann-Wettbewerb? Alle Voraussetzungen dafür sind gegeben: achtzehn Autoren, neun versierte und belesene Juroren und vor allem im Überfluß die so knappe Ressource Zeit, ja Sendezeit sogar. Die Literatur kann eigentlich nicht verlieren. Und anders als die gleichnamige Fußballmannschaft aus Autoren, Agenten, Kritikern und Lektoren gewann sie in diesem Jahr auch - knapp. Zu knapp. Leider. Denn ihr Sieg hätte viel höher ausfallen müssen.

An den vorgetragenen Texten lag das nicht. Denn die waren in diesem Jahr so interessant und in der stilistischen Bandbreite so variabel wie seit Jahren nicht. So paradox es klingt: An der Jury lag es auch nicht. Jedenfalls nicht an der Kompetenz ihrer Mitglieder im einzelnen. Die neu hinzugekommenen Juroren - Heinrich Detering, regelmäßiger Mitarbeiter dieser Zeitung, Martin Ebel vom Schweizer "Tages-Anzeiger" und der Wiener Journalist Klaus Nüchtern - steigerten das schon im vergangenen Jahr deutlich verbesserte intellektuelle Niveau der Diskussion abermals; vor allem Nüchtern brachte durch sein jugendlich-frisches und von jedem Philologenjargon freies Temperament viel Wechselstrom in den Kreislauf der Hin- und Widerreden.

Der Blick über den Tellerrand fehlte

Es ist auch müßig, über einzelne Fehlleistungen zu richten. In zweieinhalb Tagen Dauerdebatte vor laufender Kamera darf sich jeder den ein oder anderen schwachen Moment erlauben, sich verrennen, verplappern, Erzählperspektiven oder Genres durcheinanderrühren oder auch mal alle ästhetischen Maßstäbe in der Maske vergessen. Doch was wirklich fehlte - und sich mit zunehmender Dauer der Diskussion vom Schönheitsfehler zum zentralen Manko auswuchs -, war der Blick über den Tellerrand der nacheinander servierten Texthappen. Die Frage, was Literatur heute sein kann oder sein soll oder sogar sein muß, und welche Wege ihr möglicherweise trotz handwerklichen Gelingens für immer verstellt sind. Zwar ist Klagenfurt kein poetologisches Oberseminar, doch müßte sich eine solche Grundsatzdebatte früher oder später von selbst entzünden.

Die Jury ließ sich begeistern. Das war ihre größte Stärke. Etwa gleich am ersten Morgen, bei der short story von Wolfgang Herrndorf, die kühl von einer höchst unwahrscheinlichen Annäherung eines bindungsunfähigen, depressiven Mannes und eines pubertierenden Jungen erzählte, in dessen Träumen vom Kosmonautenleben der Ältere die eigenen, im täglichen Daseinskampf längst versickerten Sehnsüchte erkennt. Mit kunstvoll verknappten Dialogen wurde hier eine Romantik im Endstadium heraufbeschworen, Caspar David Friedrichs Mond als trübes Restleuchten im trostlos-schwarzen Hinterhof der Gegenwart.

Ausfransende Lebensfäden

Die Jury konnte auch Fehler zugeben, was nicht nur ein Zeichen von wacher Präsenz, sondern auch von uneitler Sachlichkeit ist. So lehnte Heinrich Detering Simona Sabatos subtile Inneneinsicht in die psychische Vermüllung einer Frau zunächst entschieden ab. Als der in Alltagsroutinen noch mühsam aufgefangene Wahnsinn als Thema und die verschobene Realitätswahrnehmung als Formprinzip in der Diskussion benannt wurden, leistete er Abbitte und brach nun vehementer fast als die anderen eine Lanze für den sich aufschließenden Text.

Wahnsinn, Ich-Verlust, Bewußtseinszerfall waren überhaupt zentrale Themen einiger der besten Texte: Guy Helminger erzählte von einem Blumenliebhaber, der beim Fahrradfahren gern Passanten auf den Hinterkopf schlägt und einem weiblichen Unfallopfer mit unnachgiebiger Fürsorge auf den Leib rückt; Arne Roß vom Alltag eines alten Ehepaars, dessen fast unmerklich ausfransende Lebensfäden mehr und mehr zu Stolperfallen werden. Völlig zu Recht wurden alle drei Texte am Ende mit den Nebenpreisen ausgezeichnet; in einer Art List der Vernunft erhielt der im Abstimmungspoker auf der Strecke gebliebene Herrndorf den Publikumspreis.

Die Untoten der Geschichte

Respekt verdient die Jury schließlich für ihre Urteilssicherheit, mit der sie den literarisch riskantesten und virtuosesten Text würdigte und dann auch konsequent mit dem Bachmann-Preis bedachte, der mit 22.500 Euro dotiert ist. Der aus Dresden stammende, in München als Unfallchirurg arbeitende Uwe Tellkamp las einen Auszug aus seinem Roman "Der Schlaf in den Uhren". Darin unternahm er zu den Klängen des "Rosenkavaliers" eine Straßenbahnfahrt durch seine Geburtsstadt, in der die Untoten der (ost-)deutschen Geschichte an jeder Haltestelle zusteigen und als Schwarzfahrer die Allegorie der Zeit selbst an Bord ist.

Daß sich Tellkamps Metro der Memoria auf den Gleisen eines Claude Simon fortbewegt, wurde zu Recht nicht als Einwand, sondern als Vorzug formuliert. Wie vor drei Jahren bei Michael Lentz und vor zwei Jahren bei Peter Glaser entstand der Eindruck, dem Durchbruch einer eigenwilligen und unverwechselbaren Stimme beizuwohnen. Schon das hätte gereicht, den Wettbewerb gegen alle Unkenrufe zu rechtfertigen.

Sein Problem liegt eben nicht im Grundsätzlichen. Man muß ihn nicht als coole Literaturshow oder als Trendsportart "Textschlammringen" neu erfinden. Eine gewisse öffentlich-rechtliche Behäbigkeit gehört - bis hin zur minimalistischen Moderation - einfach dazu. Aber in ihrer aktuellen Zusammensetzung war die Jury zu selten in der Lage, den Abstand der gelungenen von den nur durchschnittlichen und gut gemachten, also letztlich: unerheblichen Texten zu markieren, geschweige denn wirklich mißratenes klar beim häßlichen Namen zu nennen.

Geheimnisvolle Deutungsstarre

Nur ein Beispiel: Juli Zehs triviale und klischeehafte Pausenhofparabel auf den Anti-Interventionismus der Weltpolitik hätte durchaus Anlaß geboten, einmal klar zu sagen, was engagiertes Schreiben heute sicher nicht sein kann. Statt dessen wurde allen Ernstes Musils "Törless" zum Vergleich bemüht.

Und hinterher verstrickte sich die Runde bei Dorothea Dieckmanns viel komplexerem Versuch, die Käfige Guantánamos aus der Innenperspektive eines Häftlings zu beschreiben in Grundsatzdebatten über Zeugenschaft und Authentizität, zitierte die Holocaustliteratur herbei und behauptete die Unmöglichkeit eines solchen Unterfangens (wie übrigens auch mehrfach der Darstellung einer kindlichen Sicht auf die Welt). Niemand bemerkte den Selbstwiderspruch, als gleichzeitig unter großer Zustimmung das Seelenleben Wahnsinniger und greiser Menschen beschrieben wurde, ohne daß die Autoren selbst Anzeichen von Alzheimer oder psychotischer Schübe verraten hätten.

Ehrfurcht vor dem Schreiben

Unter den Juroren sind zu viele überaus belesene, literaturhistorisch versierte Philologen-Kritiker, die Texte zutreffend beschreiben und nach allen Regeln der Kunst zerpflücken können. Offen für unterschiedlichste, auch längst überlebte Schreibweisen, voll hermeneutischer Barmherzigkeit und Ehrfurcht vor dem Schreiben an sich, fällt man leicht in eine Art Deutungsstarre, die Klaus Nüchtern einmal schön ironisierte, indem er sich über einen Text freute, der einmal nicht flüstere: "Hallo, ich habe ein Geheimnis."

Und damit, so wäre zu ergänzen, zu oft auf offene Ohren stieß: Wer - wie ja fast alle in der Jury - in Tellkamps Text "große Literatur" erkannte, muß auch erklären, wie er dann papiergewordene Biederkeit nach Klagenfurt einladen kann. Und wo ein hochgelobter Text auf der Karte der Gegenwartsliteratur einzutragen ist, wo ähnliche Textformationen, wo Gegenprojekte zu finden wären. Daß die Jury auch im Erregungspegel und spontanem Witz insgesamt zu homogen temperiert war, kam noch hinzu.

Schärfere polemische Töne

Der Jury-Vorsitzenden Iris Radisch schien dieses Problem bewußt zu sein; sie versuchte gleich am ersten Tag, schärfere polemische Töne in das oft allzu harmonische Konzert zu bringen. Leider schoß sie dabei übers Ziel hinaus und richtete ihre lebhafte Brachialrhetorik auf die völlig falschen Gegenstände: An Herrndorfs deprimierendem Setting wollte sie gleich die seelische Inneneinrichtung junger Autoren ablesen. Doch der Vorwurf, die Figuren (und damit auch ihre Erfinder) machten keine relevanten sinnlichen Erfahrungen mehr, fiel auf sie zurück. Bei Simone Sabato polterte sie gar von "Verarschung" und "Völligem gaga". (Und gab ihr gleichwohl später unkommentiert ihre Stimme für den zweiten Preis!.)

Für Feinjustierung des kritischen Instrumentariums und Personals ist also weiter Bedarf. Um weniger einem Weltrekordversuch im Lesekreis zu ähneln, sollte die Jury wieder verkleinert werden. Es fehlen versierte Polemiker, die auch einmal die Rolle des advocatus diaboli spielen können oder konsequent abweichende ästhetische Positionen vertreten, etwa die Genreliteratur stark machen. Daß mit Burkhard Spinnen, zweifellos brillant und witzig wie immer, ausgerechnet der einzige lupenreine Schriftsteller ironisch immer wieder den Seminarleiter mimt, ist mißlich. Es gibt auch andere Autoren, die analytischen Kunstverstand und fernsehtaugliche Rhetorik verbinden. Jemanden wie Michael Lentz oder Ernst-Wilhelm Händler könnte man sich sehr gut vorstellen.

Als Uwe Tellkamp in seinem unterhaltsamen Fernsehporträt Marke Eigenbau in der Rolle des Admirals auftrat, wußte er: "Das Endgültige ist in keinem unserer Häfen zu finden." Auch in Klagenfurt nicht. Aber viel Gültiges war dabei. Man muß und man kann es noch besser ins Scheinwerferlicht stellen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.06.2004, Nr. 147 / Seite 31
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