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25 Jahre Fatwa : Das verfemte Buch und der größte Triumph des Salman Rushdie

Salman Rushdies größter Triumph: Er hat seine Autorschaft bis heute unangefochten fortgesetzt und gestaltet seinen Alltag längst wieder nach eigenem Gutdünken. Bild: dpa

Vor fünfundzwanzig Jahren erließ Ajatollah Chomeini die Fatwa gegen Salman Rushdie und verdammte dessen Roman „Die satanischen Verse“. Das Todesurteil traf den Autor eines Meisterwerks.

          Steile Thesen - und erstaunlicherweise arabische. Sie stammen von dem 1934 geborenen syrischen Philosophen Sadik Al-Azm. Ihm zufolge hat Salman Rushdie wie kein anderer Autor unsere Epoche erzählend geprägt und verändert. Mit den „Satanischen Versen“ verfasste er den „transkulturellen, transnationalen, transkontinentalen Welt-Roman par excellence“, gleichsam das ästhetische Manifest des globalen Zeitalters.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Die „Einzigartigkeit“ des Buchs besteht darin, dass es „den muslimischen Osten und den säkularen Westen zum allerersten Mal in eine religiöse, politische und literarische Kontroverse“ zwang, damit auf einer höheren Ebene aber eben auch miteinander verband. Bewiesen hat Rushdie überdies, dass die Literatur ihre gesellschaftliche Bedeutung „keineswegs eingebüßt“ hat. Schließlich „revitalisierte“ dieser Autor das „ermattete Genre des Romans“, mehr noch: Er machte es zur „zentralen Kunstform unserer Zeit“.

          Al-Azms Replik auf die Todes-Fatwa

          So steht es in der Studie „The Satanic Verses Post Festum“, erstmals im Jahr 2000 erschienen und nachzulesen in der gerade veröffentlichten dreibändigen Essay-Sammlung „Secularism, Fundamentalism, and the Struggle for the Meaning of Islam“ , die Al-Azms wichtigste Aufsätze aus den vergangenen gut vier Jahrzehnten vereint. In der Kulturtheorie des Damaszener Philosophen, der seit dem Beginn des syrischen Bürgerkriegs in Deutschland und den Vereinigten Staaten lebt, verkörpert Rushdie das muslimische Prinzip Hoffnung und wirkt als Propagandist eines säkularisierten, aufgeklärten Islam.

          Al-Azm ist der profundeste und ein höchst leidenschaftlicher Kenner der „Satanischen Verse“. Die erste seiner nimmermüden Interpretationen publizierte er 1991. Sie ist unter dem Titel „Es ist wichtig, ernst zu sein“ als einzige seiner Wortmeldungen damals für „Lettre International“ auch ins Deutsche übersetzt worden. Gelesen werden muss sie als früheste und in der Sache substantiellste arabische Replik auf die Todes-Fatwa, die Ajatollah Chomeini am 14. Februar 1989 über Radio Teheran gegen Salman Rushdie und all jene verkünden ließ, die sich an der Verbreitung dieses „den Islam, den Propheten des Islam und den Koran“ beleidigenden Romans beteiligten - Hitoshi Igarashi, der japanische Übersetzer, wurde 1991 ermordet, sein italienischer Kollege Ettore Capriolo und der norwegische Verleger William Nygaard erlitten bei Anschlägen schwerste Verletzungen.

          Eine „Satire des zeitgenössischen Lebens“

          Für Al-Azm war es von Beginn an elementar, den verfolgten und vom Folgetag der Fatwa an im von Scotland Yard überwachten und geschützten Untergrund lebenden indisch-englischen Autor und britischen Staatsbürger nicht nur mit Bezug auf die universellen Prinzipien der Menschenrechte und der Meinungsfreiheit zu verteidigen, sondern in erster Linie dessen Rolle als „muslimischer Dissident“ zu betonen und zu stärken. Wie Spinoza 333 Jahre zuvor die jüdische Orthodoxie, habe Rushdie „seine Zeit durch eine der größten Lektionen in Häresie, die die muslimische Welt je zu hören bekam“, bis in die Grundfesten erschüttert.

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