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Zum Tod von Willy Brandt : Dank

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Alle Juden, alle Deutschen sollten ihm dafür dankbar sein: Am 7. Dezember 1970 kniet Willy Brandt vor dem Mahnmal im einstigen jüdischen Getto in Warschau Bild: picture alliance / dpa

„Seit jenem Tag, da die Weltpresse das Bild des vor dem Denkmal des Warschauer Gettos knienden Willy Brandt gezeigt hatte, wußte ich, daß ich ihm bis zum Ende meines Lebens Dank schuldig sein werde“: Im Oktober 1992 schreibt Marcel Reich-Ranicki zum Tod des Politikers.

          Die Nachricht vom Tod Willy Brandts hat mich nicht bestürzt, nicht einmal überrascht. Sie war ja schon seit einigen Wochen zu befürchten. Was ich empfunden habe, als ich um zwei Uhr nachts die Worte des Rundfunksprechers hörte, war von ganz anderer Art: Es war noch einmal Dank. Noch einmal: Denn seit jenem Tag, da die Weltpresse das Bild des vor dem Denkmal des Warschauer Gettos knienden Willy Brandt gezeigt hatte, wußte ich, daß ich ihm bis zum Ende meines Lebens Dank schuldig sein werde.

          Das ist, ich bin mir dessen bewußt, eine eher private Angelegenheit. Es war im September 1942, da wurden wir, meine Frau und ich, in Warschau von deutschen Soldaten zusammen mit einer Anzahl anderer Juden auf den Platz geführt, wo heute dieses Mahnmal steht. Hier entschied sich, was mit uns geschehen sollte: Wenn die Marschkolonne nach links geleitet wurde, dann bedeutete dies den sofortigen Abtransport zu den Gaskammern von Treblinka, sollte die Kolonne nach rechts marschieren, dann hatte man unserer Gruppe noch eine Galgenfrist eingeräumt. Ja, wir durften, anders als mein Vater und meine Mutter, die ich zum letzten Mal auf diesem Platz gesehen hatte und die ein Grab nur in den Lüften haben, nach rechts gehen.

          Aber der kniende Bundeskanzler Willly Brandt erinnerte mich nicht nur an das, was sich damals ereignet hatte. Denn als ich dieses Foto sah, dachte ich mir auch, daß meine Entscheidung, 1958 trotz allem nach Deutschland zurückzukehren und sich in der Bundesrepublik niederzulassen, doch nicht falsch war. Zum ersten und letzten Mal nach dem Warschauer Kniefall traf ich Willy Brandt Ende Januar 1990 in Nürnberg: Er war, schon von Krankheit gezeichnet, gekommen, um den neunzigjährigen Hermann Kesten, den Schriftsteller, den Juden und Emigranten, zu ehren. Damals habe ich versucht, Willy Brandt mit einigen unbeholfenen Worten zu danken. Jemand hatte Tränen in den Augen. Er oder ich? Ich weiß es nicht mehr. Aber ich glaube zu wissen, wer sonst ihm für diesen Kniefall zu Dank verpflichtet ist oder doch sein sollte: alle Juden, alle Deutschen.

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