10.11.2009 · Seit acht Jahren arbeitet Evelyn bei Atlantic Securities - und ein Verlust von dreihundertundvierzig Millionen Dollar ist ihr in dieser Zeit noch nicht untergekommen. Siebte und letzte Folge unserer F.A.Z.-Leseprobe „Union Atlantic“.
Von Adam HaslettAm nächsten Tag ging Evelyn wieder zur Arbeit. Sie war seit acht Jahren bei Atlantic Securities, stand nach dreimaliger Beförderung jetzt dem Bereich Zahlungsverkehr und Abwicklungssysteme vor und hatte ein eigenes Büro, wenn auch ohne Fenster. Damit war sie im Backoffice des Unternehmens für die Abrechnung der Transaktionen verantwortlich. Um de facto als ausgeführt zu gelten, musste jedes abgeschlossene Geschäft, jede Order, die ein Händler in den Börsenring brüllte oder bei einem Makler platzierte, über kurz oder lang die geordneten Prozesse von Bestandsführung, Buchung und Controlling durchlaufen; erst danach konnte den Zahlungs- und Leistungsverpflichtungen von einem Geldinstitut zum anderen nachgekommen werden. Das geschah manchmal binnen weniger Stunden, manchmal aber auch erst Monate nach dem eigentlichen Abschluss. Evelyn entschied weder über die Transaktionen, noch trug sie Verantwortung für die Verluste oder Gewinne, die mit ihnen einhergingen. Doch ohne ihre Zustimmung floss kein Geld von einem Konto zum anderen.
An ihrem ersten Arbeitstag konzentrierte sie sich, so gut es ging, auf ihren Bildschirm. Sie ließ den Blick über die Kürzel der Gegenparteien und Clearinghouses wandern, gab mit fliegenden Fingern Zahlungscodes ein, klickte schlafwandlerisch zwischen gut fünfzig Eingabemasken hin und her. Zu ihrer Erleichterung blieben ihre Gedanken dabei in einer Art Schwebezustand; in ihrem Hirn übernahmen längst eingeübte Gedankenkombinationen automatisch die Steuerung. Sie war dankbar für das Einerlei der Wiederholung: Dass es ihr gestattete, ganze Sekunden in Selbstvergessenheit zu verharren, war ein Segen.
Sie war bei den Tagesendpositionen, als ihre Assistentin Cressida an die offene Tür klopfte. Die junge Schwarze, die Evelyn dank der Minoritätenförderungsprogramme bei Atlantic Securities gleich vom Boston College weg hatte einstellen können, war Single und etwas schüchtern. Evelyn hatte ihr unzählige Male versichert, sie könne ohne Ankündigung eintreten und geradeheraus sagen, was sie brauche, doch Cressida gab ihre Vorsicht nicht auf. Weil Cressidas Zögern ihr von den eigenen Anfängen her vertraut war, erkannte Evelyn darin jenen reflexhaften und nutzlosen Abwehrmechanismus gegen Kritik, der das, was er zu vermeiden suchte, meistens überhaupt erst hervorbrachte. Es gab Branchen, in denen man mit einer quasidevoten Haltung weiterkam - im Bankgeschäft bestimmt nicht. Evelyn wünschte, sie könnte sich dazu aufraffen, es dem Mädchen nochmals klarzumachen und sie dadurch endgültig zu kurieren, aber an diesem Abend fehlte ihr die Kraft dazu.
«Es geht um die Positionsführung», sagte Cressida.
«Helfen Sie mir auf die Sprünge, Schätzchen. Kommen Sie, setzen Sie sich.»
«Das Büro in Hongkong», sagte das Mädchen, vor Evelyn auf der Stuhlkante Platz nehmend, «die offenen Positionen. Ich weiß nicht genau, wie ich die verbuchen soll.» Wie beschämt von ihrem Geständnis blickte Cressida auf das Blatt in ihrer Hand.
Auf der Jobmesse des Colleges hatte sie sich an einem Klapptisch in der Sporthalle fast rührend um den richtigen, zuversichtlichen Ton bemüht, hatte die einstudierten Sätze über ihre Erfahrungen und Interessen vorgebracht wie eine Schauspielerin, die sich über die Beweggründe ihrer Figur nicht ganz im Klaren ist. Bei der Mitarbeiterauswahl war Evelyn gehalten, auf Zielorientierung und Initiative zu achten und Kandidaten, die unsicher wirkten, zugunsten jener Musterminoritätenstudenten auszusondern, die nicht nur die Spielregeln der Selbstinszenierung beherrschten und damit ihre Fähigkeit demonstrierten, sich auch die Regeln künftiger Spiele anzueignen, sondern die regelrecht darin aufgingen und denen souveränes Selbstmarketing eine verhaltene Lust bereitete: Auf deren Gefolgschaft konnte man bauen, ihre Jobangst war längst zu stromlinienförmigem Ehrgeiz sublimiert. Cressida hatte nichts von alldem erkennen lassen. Sie war in einem schlechtsitzenden, offensichtlich geliehenen Hosenanzug erschienen, mit einem Lebenslauf, der auf gewöhnlichem Kopierpapier ausgedruckt war, genau wie Evelyns bei ihrem ersten Bewerbungsgespräch.
Evelyn hatte sich in dem Jahr seit Cressidas Einstellung des Öfteren fragen müssen, ob diese Form der Sympathie, die Bevorzugung von Seelenverwandten also, schon unter Nepotismus fiel. Doch abgesehen von ein paar Anfängerfehlern, wie sie jedem unterliefen, hatte Cressida ihre Sache gut gemacht, und Evelyn hatte durchaus den Eindruck, dass ihr Vertrauensvorschuss sich auszahlte; er hatte der jungen Frau Mut gemacht, sich der Herausforderung tatsächlich gewachsen zu zeigen. Allerdings wurde sie den Verdacht nie ganz los, sie könnte Cressida mindestens so sehr ihres Wesens wie ihrer Eignung wegen ausgewählt haben.
«Welcher Händler?», fragte sie.
«McTeague.»
Sie ließ sich die Zwischenabrechnung geben und überflog sie. In den Handelsräumen herrschte Chaos, weshalb es im Lauf eines Tages immer auch Fehl-Trades gab, die zunächst fortgeschrieben und erst nach Börsenschluss abgewickelt wurden. Manche Händler kamen erst ein, zwei Tage später dazu, solche Fehleingaben zu bearbeiten. McTeague dagegen brauchte oft Wochen, und so sammelten sich bei ihm offene Positionen in Millionenhöhe an. Da man ihm aber auch Abwicklung und Controlling übertragen hatte, war er sein eigener Herr, und Evelyn konnte ihm lediglich auf die Finger klopfen; das hatte sie wiederholt getan, allerdings ohne viel Erfolg. Trotzdem: Die Zahlen auf Cressidas Blatt konnten unmöglich stimmen, andernfalls gingen auf McTeagues Konto nicht gemeldete Verluste von dreihundertundvierzig Millionen Dollar.
«Von wem haben Sie das?»
«Sabrina. Wie immer.»
«Das kommt aus Fannings Büro?»
Cressida nickte.
Evelyn und Doug Fanning waren einander nie vorgestellt worden, aber sie hatte ihn ein paarmal bei offiziellen Anlässen gesehen. Er zog im Haus viel Nutzen aus seinem scheinbar legeren Führungsstil, den die Kollegen als außerordentlich unhierarchisch empfanden, zumal Fanning inoffiziell als zweiter Mann der gesamten Holding galt. So hatte er sich etwa für die Umgestaltung des zweiten Stocks zu einem frei zugänglichen Fitnesscenter eingesetzt und war bekannt dafür, dass er nach dem Workout in Shorts durch die Gänge lief, bis die Mobiltelefone der heiratswilligen Kolleginnen vor Tratsch heißliefen. Doch sein Showtalent verdankte sich nicht allein der üblichen dreisten und selbstbewussten Jungbankerattitüde. Es steckte etwas anderes dahinter, etwas, das Evelyn kannte: die besondere Anstrengung desjenigen, der nicht von sich aus dazugehörte. Sie traute ihm nicht recht über den Weg.
Und deshalb versuchte sie es, statt Fanning direkt anzurufen und ihn von ihrer Entdeckung zu unterrichten, erst einmal in der Compliance bei Brenda Hilliard. Wenn hier ein Betrugsfall vorlag, dann müsste die für die Regeleinhaltung zuständige Abteilung ohnehin informiert werden, ganz gleich, wem McTeague unterstellt war. Aber es war schon nach neun, die Büros hatten sich geleert, am Ende des Gangs jaulten bereits die Staubsauger, und tatsächlich erreichte sie nur Brendas Mailbox. Also kündigte sie sich rasch per E-Mail für den Morgen zum Gespräch an.
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