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Sonntag, 19. Februar 2012
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F.A.Z.-Leseprobe: Folge 6 Die Greifbarkeit eines Lebens

09.11.2009 ·  Als Doug seinen einstigen Vorgesetzten von der Vincennes, Vrieger, trifft, fallen ihm Momente aus seinem Leben ein, die er längst vergessen glaubte. Sechste Folge unserer F.A.Z.-Leseprobe „Union Atlantic“.

Von Adam Haslett
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Gewöhnlich kehrte Doug nicht so früh in sein Haus zurück, doch an diesem Tag hatte aus heiterem Himmel sein alter Lieutenant Commander bei ihm angerufen. Vrieger lebte inzwischen südlich von Boston und hatte durch Bekannte erfahren, dass Doug in der Stadt arbeitete. Er hatte sich gegen Mittag aus einem Restaurant unweit der Bank gemeldet und gefragt, ob sie sich nicht zum Lunch treffen könnten. Zuerst war Doug versucht gewesen zu sagen, keinesfalls, sein Kalender sei auf Wochen hin voll, sie müssten einen Termin vereinbaren. Aber bei Vrieger wäre ihm das irgendwie blödsinnig vorgekommen, und ehe er sichs versah, hatte er versprochen, sich in einer Stunde dort einzufinden.
Er ging unter den Stützpfeilern der alten Hochstraße, der Central Artery, entlang, bis er das Gewirr enger Straßen im North End erreichte, froh, wenigstens eine Zeitlang dem Büro entkommen zu sein.
Die letzte Woche war hektisch gewesen. In Japan war die Kursstützungsstrategie des Finanzministeriums öffentlich bekannt geworden, und der Nikkei befand sich seitdem auf Talfahrt. Doug hatte sofort bei McTeague angerufen und ihn angewiesen, das Engagement der Atlantic Securities umgehend zurückzufahren. McTeague hatte sich gesträubt; er behauptete, das sei nur ein Schluckauf, jetzt auszusteigen wäre verfrüht. Am Ende hatte Doug ein Machtwort sprechen müssen. Schließlich lud sich das Unternehmen seit Monaten die Bücher mit riesigen Wetten voll; und es würde dauern, bis die Positionen glattgestellt werden konnten. Wenn sie es richtig anpackten, würden sie die Gewinne fast ungeschmälert mitnehmen können, und ihre Zweckgesellschaft, Finden Holdings, würde nach wie vor als Umsatzmaschine gefeiert werden. Und wenn McTeagues Kunden sich unbedingt weiter austoben und Geld verbrennen wollten, dann bitte auf eigene Verantwortung und eigenes Risiko.
Im angegebenen Lokal in der Prince Street fand er Vrieger vor einem Glas Bourbon und einem fast vollen Aschenbecher an der Bar. In den fünfzehn Jahren seit ihrer letzten Begegnung hatte er leicht zugelegt, sich im Ganzen aber - mit seiner soldatischen Haltung und dem militärisch kurzgeschorenen Haar - erstaunlich wenig verändert. Er trug eine Variante des alten eckigen Brillengestells, die genauso unmodern wirkte wie damals in den Achtzigern.

«Mann», sagte er, als er Doug erblickte, «Sie hätten wenigstens ein bisschen hässlicher werden können.»
«Commander. Schön, Sie zu sehen.»
«Sie sind also jetzt Manager, wie? Nadelstreifentyp. Aber das wollten Sie ja immer, oder?»
«Wollte ich das? Ich kann mich, ehrlich gesagt, nicht erinnern, je darüber gesprochen zu haben.»
Doug bestellte ein Bier, und der Barkeeper legte ihnen die Lunchkarte vor. Schon vor ihrem Abschied in San Diego hatte Vrieger ihm angedeutet, dass er weitermachen wollte; jetzt erfuhr er, dass Vriegers dritte Verpflichtung ihn erneut an den Golf geführt hatte, rechtzeitig zum Desert Storm. Dann, Mitte der Neunziger, war er im Rahmen einer verdeckten Abfangoperation gegen Nuklearschmuggel vor der Küste Nordkoreas eingesetzt worden. So, wie er es darstellte, hatte er sich dabei mit zu vielen Captains angelegt, um noch auf eine Beförderung hoffen zu können. «Aber ich sag Ihnen was», versicherte
er, «nach der Vincennes war mir das alles schnurz. Ich wollte einfach nur weitermachen.» Erst als die Navy ihn an einen Schreibtisch in Norfolk, Virginia, versetzen wollte, hatte er hingeschmissen. «Das war vor vier Jahren», sagte Vrieger. «Ich dachte, ich besorge mir einen Job drüben bei Raytheon. Waffensysteme testen. So was in der Art. Gerade mal zwei Bewerbungsgespräche habe ich überstanden.» Seitdem lebe er bei seinem Vater in Quincy, sagte er, und arbeite in einem Spirituosenlager. Das alles erzählte er vollkommen unbeteiligt, den Blick starr auf den Fernseher über der Bar und die Nachrichten eines Kabelsenders gerichtet, der in einer Endlosschleife Satellitenaufnahmen von irgendwelchen Anlagen in der irakischen Wüste ausstrahlte, während ein Berichterstatter verdächtige Lastwagenkolonnen kommentierte.
«Aber wie steht's mit Ihnen? Sie scheinen es ja gut getroffen zu haben.»
Doug erzählte ihm von seinem ersten Job in New York und wie er sich langsam reingefuchst, jedes Wort der Computer- und Zahlenfreaks aufgesogen hatte, dieser blassen Jungs in schlechtsitzenden Anzügen, die einem die Zinsstruktur brasilianischer Anleihen beziffern konnten, ohne von ihrem Sandwich aufzuschauen. Und wie er, als es an der Zeit war, die Eliteabsolventen in den Vorstandsetagen für sich einzunehmen, die Runde einfach mit einem Kompliment eröffnet und das Reden dann ihnen überlassen hatte. Und wie verächtlich sie ihn später, als er einige von ihnen feuerte, angesehen hatten, als hätten sie ihn, den hemdsärmeligen Hasardeur, schon lange durchschaut und nie in den Klub aufnehmen dürfen, von dem sie so gern behaupteten, es gebe ihn nicht mehr, jetzt, da die gesamte Branche zur Meritokratie verkommen war.

«Das kennen wir doch», sagte Doug. «Schwachsinnshierarchien und ein Haufen Regeln, die man umgehen muss, um was zu bewegen.»
«Sind Sie inzwischen verheiratet?», fragte Vrieger.
«Nein. Sie?»
«Sie machen wohl Witze. Neun Monate sind mein Rekord. Und die war Trinkerin. Aber Sie? Na, hören Sie mal. Bei Ihrem Aussehen. Sie können sich doch vor Angeboten bestimmt kaum retten.»
Doug hätte nicht sagen können, wann ihm zuletzt jemand solche Fragen gestellt hatte. Er und Mikey sprachen nicht über Privates, und sosehr Sabrina Svetz sich bemühte, er verriet ihr nie viel. Die einzige Frau, mit der er länger als ein paar Wochen etwas gehabt hatte, war Jessica Tenger gewesen, und an die hatte er eine halbe Ewigkeit nicht mehr gedacht.
Sie hatten sich auf einer Party in SoHo kennengelernt. Vrieger hatte schon recht: Doug war es gewohnt, Frauen kaum mehr als ein paar Minuten beiläufig charmieren zu müssen, um signalisiert zu bekommen, dass sie gern zu mehr bereit waren. Das Besondere an Jessica war die Offenheit gewesen, mit der sie das Spiel spielte. Ihre zweite Frage war die nach seiner Adresse, die dritte, wann er aufzubrechen gedenke. Bei ihm angelangt, hatten sie einen Lieferservice beauftragt und den Sex schon hinter sich,
als das Essen kam. Jessica hatte weder diese noch irgendeine andere Nacht in seinem Apartment verbracht.
Über ihre Jobs hatten sie nie miteinander gesprochen, auch nicht über die aktuelle Lage oder darüber, wie der Tag gewesen war. Tatsächlich hatten sie sehr wenig geredet.
Als er sie Vrieger beschrieb, die schmalen Hüften und den Pagenkopf, fiel ihm wieder ein, dass er beim Sex stets das Licht hatte brennen lassen während sie gern die Augen geschlossen hielt und ihm damit erlaubte, sie zu beobachten, ohne selbst gesehen zu werden. Sie hatte sich jeder Phantasie hingeben können, die ihr gerade in den Sinn kam; er brauchte nichts davon zu wissen. Über ihr aufgestützt, konnte er sich selbst betrachten: die befriedigende Wölbung seines Bizeps, die schweißglänzende Brust, den flachen Muskelschild über der Peniswurzel, bis zu dem überwältigenden Augenblick, wenn er in ihr verschwand wie eine Ankerflunke im Meeresboden. Kraft und Präzision seines Körpers waren dann real, und beim Zusehen kam er.

Es hätte immer so weitergehen können. Doch eines Abends hatte Doug früh Feierabend gemacht und sie angerufen, und sie hatte ihn zum ersten Mal zu sich in die Washington Street nahe am Hudson eingeladen. Sie wohnte in einer ausgebauten Fabriketage mit unbehandelten Holzfußböden, gusseisernen Stützpfeilern und hoch oben in die Mauern eingelassenen Fenstern. Wie sich herausstellte, war sie eine Art Bildhauerin. An der Längsseite des Raums zog sich über mehrere Arbeitsplatten eine ganze Batterie kleiner Behälter mit allerhand Material hin - von Kupferdraht bis Sand. Auf einer anderen lagen ein paar bleiche Köpfe, lebensgroß und, wie es schien, aus Wachs. Sie hatte Wein eingeschenkt, doch kaum dass sie auf der Couch saßen, wusste Doug: Was immer zwischen ihnen gewesen sein mochte, war vorbei. Es hatte nichts damit zu tun, dass sie Künstlerin war oder wie sie wohnte - sie hätte auch Anwältin, Schauspielerin oder Studentin sein können. Entscheidend waren die spezifischen Umstände, die Greifbarkeit eines Lebens, das jetzt offenlag. Sie war, wie alles Konkrete, endlich. In seinem Beruf, und das hieß in seinem Leben, glitt sein Verstand unentwegt über die Gegenwart auf das Mögliche zu; diese Wohnung aber, die beredt von so vielen unwiederbringlichenEntscheidungen zeugte, forderte Einhalt. Stillhalten.
«Ich hab einfach wenig Zeit», sagte er zu Vrieger. «Ehrlich gesagt, mache ich mir über Beziehungen nicht viele Gedanken.»

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Quelle: © 2009 by Rowohlt Verlag, Hamburg. Alle Rechte vorbehalten.
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