08.11.2009 · Nate ist magisch angezogen von dem Anwesen auf dem Nachbargrundstück von Charlotte. Eines Abends kann er nicht widerstehen und schlüpft durch die offene Tür in das scheinbar leere Haus. Fünfte Folge unserer F.A.Z.-Leseprobe „Union Atlantic“.
Von Adam HaslettMitte Mai waren die Termine für die Einstufungstests verstrichen. Und doch besuchte Nate die alte Dame weiterhin jeden Freitagnachmittag. Er brachte ihr keine Schecks mehr, aber das schien ihr nicht aufzufallen. Ihre Vorträge, oder wie immer man es nennen wollte, wurden mit jeder Woche fahriger. Anmerkungen zur Beschneidung der Kirchenrechte durch Heinrich II. im England des zwölften Jahrhunderts mündeten in Exkurse über die Vorboten der englischen Revolution vierhundert Jahre später, die wiederum irgendetwas mit dem Gedicht über Adams Gespräch mit Gott zu tun hatten, das sie ihm vorlas: «‹Was für Glück besteht in Einsamkeit?/Wer kann allein genießen oder wer,/Alles genießend, so zufrieden sein?› Was sagen Sie dazu? Er fragt Gott, wie der Mensch allein zufrieden sein kann.»
In einem Ton, der zwischen Zorn und Trauer schwankte, sprach sie, als erzähle sie Geschichten, die ihr beim Anblick von Familienfotos einfielen: als wären die Akteure ihr sämtlich vertraut, ihre Taten unverändert folgenschwer und schuldbehaftet. Nach einer Stunde oder auch zweien, wenn Nate an ihrem Küchentisch saß und Tee trank oder schon auf der Schwelle stand, um sich zu verabschieden, gab sie ihm häufig statt einer Nettigkeit oder sonstigen Floskeln eine Beobachtung mit auf den Weg und verkündete unvermittelt, was sie in seinem Gesicht las.
Einmal sagte sie: «Langeweile ist einfach, deshalb versteckt sich die Trauer dort gern. Aber lassen Sie sich nicht täuschen. Vor Langeweile sterben, die Redewendung hat einen guten Grund. Denn Langeweile bringt einen unweigerlich um.»
Ihr sonderbares Wesen gestattete ihm Fragen, die er normalerweise nicht stellte.
«Und wenn ich nie jemand kennenlerne?»
«Dann nicht. Dann wird das eben Ihre Lebenssituation sein. Nur eines sollten Sie sich merken: Es kann Sie kein anderer retten.»
Jedes Mal, wenn er zu ihr oder von ihr wegging, blieb Nate einen Augenblick auf der Hügelkuppe stehen, um nach Lebenszeichen in dem großen Haus am Fluss zu schauen: ein Wagen in der Auffahrt, Licht in den Räumen. Im Garten war kein Maklerschild aufgestellt, und doch gab es nicht ein einziges Anzeichen, dass das Haus bewohnt war. Seit jenem ersten Tag ließ ihm das keine Ruhe. Schließlich, am letzten Freitag im Mai, nachdem Ms. Graves bis kurz vor sechs kein Ende gefunden hatte und Nate sich, von der Flut ihrer Worte ermüdeter als sonst, auf den Weg machte, beschloss er, es wäre nichts dabei, sich dort genauer umzusehen. Also ging er im Abendlicht des Frühlingstages durchs frischgemähte Gras den Hang hinab. An der Garage entdeckte er eine Überwachungskamera und fragte sich, ob die Bilder auf einen Monitor im Haus oder Hunderte Meilen weiter in die Räume einer Wachgesellschaft übertragen wurden. Außer Reichweite der Kamera umrundete er die Rückseite der Villa, vorbei an einem Wintergarten, unmöbliert, mit einem Sonnendeck darüber. Zu ebener Erde ragte eine Ziegelterrasse weit in den Rasen vor, der sich noch einmal gut hundert Meter bis zum Fluss erstreckte. Nate spähte durch eines der kleinen rückwärtigen Fenster in eine Vorratskammer mit leeren weißen Regalen. Daneben lag ein Zimmer, dessen auf Hochglanz polierter Parkettboden in der Abendsonne glänzte. Als Nächstes kam die Verandatür zur riesigen Küche mit einer Kochinsel in der Mitte, Arbeitsplatten aus Schiefer, zwei Herden, zwei Spülbecken und einem doppelt breiten Kühlschrank. In der Ecke stand verloren ein kleiner Holztisch mit einem einzelnen Stuhl.
An dieser Seite des Hauses waren keine Kameras angebracht, jedenfalls nicht sichtbar. Er legte die Hand auf die Klinke. Zu seiner Überraschung ließ sie sich mühelos herunterdrücken, und die Tür öffnete sich einen Spaltbreit. Er zog sie augenblicklich wieder zu, aus Angst, einen Alarm auszulösen.
Ein, zwei Minuten vergingen; er hörte nichts.
Was ist schon dabei?, dachte er. Es war ja niemand da, und er wollte nichts stehlen. Er drückte die Tür gerade so weit auf, dass er hineinhorchen konnte. Kein Geräusch, nur das Summen des Kühlschranks.
Als er in der Küche stand und die Tür hinter sich zugezogen hatte, spürte er, wie ihm das Blut vor Aufregung in den Kopf schoss. Er ging bis zur Kochinsel und hielt inne, um noch einmal zu lauschen. Die Küche roch nach Holzwachs und Haushaltsreiniger. Er wagte sich weiter vor, überquerte die Marmorfliesen der Eingangshalle und betrat einen Raum, der fast so groß war wie bei ihnen zu Hause das ganze Erdgeschoss. Der gigantische Kamin hatte keinen Rost, der Kaminsims war leer. An diesen ersten Raum schloss sich ein zweiter an; eine Couch stand schräg gegenüber von einem großen Flachbildschirm in der Ecke. Die Bierflasche, die er bei seiner ersten Erkundung durchs Fenster gesehen hatte, war fort, auf dem Boden stapelten sich Akten.
Er war noch nie in ein Haus eingestiegen. Er staunte, wie aufregend es war. Alle seine Sinne waren vor Erwartung hellwach. Die Angst, ertappt zu werden, grenzte an Lust. Was war das für ein Mensch, der so lebte? Was für ein Leben?
Er erreichte den hinteren Flügel des Hauses, wartete am Fuß einer Treppe abermals, horchte angestrengt in die Stille.
Oben führte ein Gang an weiteren unmöblierten Zimmern zur Linken und zur Rechten vorbei. Die reglose Luft duftete schwach nach Kiefernspray, entfernt roch es nach frischer Farbe. Zwar spürte er immer noch den Kitzel des Verbotenen, aber langsam begann die Leere des Hauses ihm wohlzutun. Ein so unberührtes Haus, so unbefleckt von Erinnerung und Enttäuschung. Er kam sich vor, als sei er weit weg von Finden.
Die vierte Tür im Gang schien zu einer Suite zu führen. Er trat ein und blieb beim Anblick eines extragroßen Betts wie angewurzelt stehen; noch unlängst hatte jemand darin gelegen, die Laken waren zerwühlt, im Kissen war der Abdruck eines Kopfes zu sehen. Auf dem Fußboden lag ein schnurloses Telefon mit dem Display nach unten, daneben stand ein Wasserglas. Die einzigen anderen Gegenstände im Zimmer waren ein Fernseher und eine Stehlampe.
Minutenlang stand er da wie versteinert und starrte auf das Bett.
Eine Tür in der hinteren Wand führte zum Ankleidezimmer: Zehn, zwölf Anzüge, blau, schwarz und anthrazitfarben, hingen an einer Stange und gegenüber davon Dutzende frischgebügelte Hemden, noch in den Plastikhüllen der Wäscherei. Dazwischen eine Kommode, vor der sich ein Berg schmutziger Wäsche türmte. Unter den Anzügen standen etliche Paar Herrenschuhe, sie rochen nach Leder und Schuhcreme. Zaghaft, mit plötzlich zitternden Händen, befühlte Nate den Ärmel eines der Jacketts und staunte, wie weich das feine Wolltuch durch seine Finger glitt. Im selben Moment hörte er eine Wagentür zuschlagen.
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