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F.A.Z.-Leseprobe: Folge 3 Das Kraterloch in den Reserven der Taconic

06.11.2009 ·  Als Präsident der Federal Resvere Bank in New York rettet Henry Graves bisweilen in nächtlichen Telefonaten die Finanzwelt vor dem Zusammenbruch. Dritte Folge unserer F.A.Z.-Leseprobe von Adam Hasletts Roman „Union Atlantic“.

Von Adam Haslett
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Aus dem blauen Flieder flüstert Charlotte: Komm, du verpasst was. Komm, schau. Die Freude ist irgendwie immer die ihre. Mutter und Vater mit ihren Drinks in den Korbsesseln der Veranda: Zaungäste, und weit hinten auf der alten Poststraße das Sirren des Verkehrs. Du verpasst was, flüstert die Schwester. Die Luft in der ersten Frühlingswärme: so weich. Henry will zu seiner Schwester, aber die Beine kleben ihm am Boden. Ihr Geflüster zwischen den lila Blütendolden füllt seine Ohren; Sonne zerfließt auf den gebogenen Ästen. Hier ist, was du suchst, hier, sagt sie, und im selben Moment ertönt die Sirene.

Mit trockener Kehle wandte Henry den Kopf auf dem Kissen und öffnete die Augen einen Spaltbreit. Das Zimmer war stockfinster, nur der Rand erkennbar im Licht, das unter der Türritze hindurchschien. Ein Hotel, sicherlich: das vertraute Rieseln klimatisierter Luft im dichten Dunkel von Teppich, Gardinen und Sessel, dazu die winzigen roten Lichtpunkte von Fernseher und Bewegungsmelder. Nur wo? In welcher Stadt? Einen Atemzug lang wollte ihn die Sehnsucht nach einer bedeutungsgetränkten Welt zurück in den Schlaf ziehen, doch er fing sich und griff nach dem blökenden Telefon; sein Verstand war bereits wieder vom Raster der Gegenwart erfasst und vom schwindenden Traumreich abgekoppelt.

Er lag in einer Hotelsuite an der Atlantikküste in Florida, und es war Viertel nach eins in der Früh.
«Mr. Graves? Spreche ich mit Mr. Henry Graves?»
«Ja. Wer ist da, bitte?»
«Sir, hier spricht Vincent Cannistro, Taconic Bank, Leiter der Marktoperationen.»
«Einen Augenblick, bitte.»
Henry tastete nach dem Schalter und machte Licht.
«Wehe, es gibt keinen guten Grund für Ihren Anruf», sagte er. «Worum geht es?»
«Ich verstehe Ihren Unmut, Sir. Es ist nur so: Unser Geschäftsführer Fred Premley hält sich derzeit in Idaho auf, wir versuchen seit Stunden, ihn mobil zu erreichen. Ich hab einen Wagen losgeschickt, wir hoffen, den Kontakt in Kürze herstellen zu können.»
«Und Ihr Vorstandsvorsitzender?»
«Der Vorstandschef, Sir, hält sich am selben Ort auf.»

Henry schob sich hoch und griff nach seiner Brille; der Raum nahm Gestalt an. Tagungsunterlagen türmten sich auf dem Schreibtisch gegenüber.
«Sie stecken in der Klemme, und die Geschäftsleitung ist angeln. Verstehe ich Sie richtig?»
«Sir, ich fürchte, das trifft es in etwa.»
«Also gut, Mr. Cannistro. Lagebericht.»

Die Antwort ließ etwas auf sich warten. Selbst in seinem benommenen Zustand spürte Henry die Not seines Gesprächspartners. Nicht zum ersten Mal hörte er Stimmen wie diese: angespannt, übertrieben förmlich, sich nur mit Mühe die Flüche verbeißend, die Untergebene seit Stunden oder Tagen über sich ergehen lassen mussten. Der Mann riskierte einen Anruf weit jenseits seiner Gehaltsstufe. Wenn das schiefging, konnte es ihn den Job kosten.
«Wir haben ein Liquiditätsproblem», sagte er.
«Niemand ruft um diese Zeit an, weil ihm die Innenrevision Kummer macht. Wie sieht es aus?»
«Wir sind Fix-Zahler bei einem Zins-Swap. Wir schulden hundertsiebzig Millionen. Die waren vor neun Stunden fällig.»
«Hundertsiebzig? Worauf haben Sie denn gewettet?»
«Auf einen steigenden venezolanischen Kurs.»
«Die Dummheit straft sich selbst. Ich nehme an, Sie haben gehedgt? Sie haben Ihre Position doch abgesichert?»
«Sir, genau da liegt das Problem. Das Modell sah als Gegenposition Öl-Futures vor. Die Kurse sollten fallen, wenn Chávez die Zinsen anpasst. Sind sie aber nicht.»

Henry ließ den Kopf an die Wand sinken. Halb hatte er gehofft, der Anrufer habe einfach kalte Füße bekommen und vergrößere damit zwar den Imageschaden seines Instituts bei der Notenbank, aber mehr auch nicht; dann hätte er sich wieder schlafen legen können. Stattdessen schlug er die Laken zurück, stand auf, nahm Schreibblock und Stift vom Couchtisch und setzte sich in einen der Sessel.
«Mr. Graves, sind Sie noch da?»
«Ja. Ein derart törichtes Hedgegeschäft ist mir selten untergekommen. Und Sie wollen mir sagen, dass Sie das Geld nicht aufbringen können?»
«Per sofort nicht mehr, nein.»
«Verstehe», sagte Henry und nickte. Normalerweise würde das Standing selbst einer kleinen Retailbank wie Taconic am Markt ausgereicht haben, um solche stümperhaften Transaktionen zu verkraften; nur laborierte die Taconic seit über einem Jahr an faulen Technologiekrediten herum, und die Privatkundenbasis der Bank war auf der einen Seite von der Chase, auf der anderen von inländischen Discountern unter Druck geraten. Schon seit Wochen nahm die Taconic zur Absicherung der eigenen Positionen massiv Geld auf.

Als Präsident der Federal Reserve Bank in New York wachte Henry Graves über sämtliche Banken in seinem Distrikt, darunter auch die Taconic. Ebenso trug er Verantwortung für die großen Holdings, die das Bankwesen inzwischen beherrschten. Doch im Unterschied zu den anderen Banken des Federal Reserve System war die New York Fed mehr als nur eine Aufsichtsbehörde. Sie war die zentrale Schaltstelle des gesamten US-Notenbanksystems, handelte im Auftrag des Finanzministeriums mit staatlichen Schatzwechseln, und es gab kaum ein Land der Welt, das nicht einen Teil seines Staatsvermögens bei ihr angelegt hatte. Über das Interbankenüberweisungssystem Fedwire wurde täglich gut eine Milliarde US-Dollar bewegt. Anders gesagt: Henry Graves stand dem größten Pumpwerk im globalen Finanzleitungssystem vor. Entscheidend war, das Geld in Fluss zu halten. Möglichst schnell. Und möglichst unauffällig.

Folglich hatte er dafür zu sorgen, dass sich eine kritische Lage nicht zur Krise auswuchs. Engpässe bei der Taconic waren aufs große Ganze gesehen nicht dramatisch, aber es durfte keine Verwerfungen geben. Der Kollaps der Bank, wenn es denn so weit kommen sollte, gefährdete noch nicht das gesamte System; in einem Konkursverfahren würde das Vermögen liquidiert, das Unternehmen zerlegt und an Investoren veräußert werden. Kurzfristig jedoch konnte die Zahlungsunfähigkeit der Taconic ihren Gläubigern Schwierigkeiten bereiten. Eine Lösung, wie notdürftig auch immer, musste noch vor Börsenbeginn her.
«Wem schulden Sie das Geld? Wer ist Gegenpartei?»
«Union Atlantic.»

Henry empfand Erleichterung. Dann hatten sie es immerhin mit einer bekannten Größe zu tun, zudem einer Holding, die ebenfalls seiner Aufsicht unterlag. Union Atlantic, das hieß Jeffrey Holland. Ein bisschen sehr smart, ein bisschen sehr Showman. Betrachtete das Ganze als Sport. Nicht gerade ein Banker nach Henrys Geschmack, aber ein Mann, mit dem sich reden ließ. Er und seine Frau Glenda waren zufällig im selben Hotel auf Bermuda abgestiegen, das Henry vor vier, fünf Jahren, gleich nach Betsys Erkrankung, für sie beide ausgesucht hatte. Zu viert hatten sie draußen auf der Terrasse zu Abend gegessen. Die Hollands hatten ein Riesengebinde zur Beerdigung geschickt.

In diesem Moment ging ein weiteres Gespräch ein; Henry bat Cannistro, dranzubleiben.
«Hat dich der Dummlack schon erreicht? Seltener Idiot, was? Eine mickrige Provinzbank, die auf Chávez wettet! Hat man Töne? Schöner Schlamassel.»

Sid Brenner, IT-Direktor Zahlungssysteme bei der New York Fed. Der Chefklempner, wie sie ihn nannten, der Mann, der die Hebel bewegte. An zehn Fingern konnte man die Cracks abzählen, die in der Lage waren, das E-Netz zu programmieren, das die besagte Milliarde Tag für Tag durch den Markt schleuste. Die meisten arbeiteten bei IBM. Sid war schon seit fünfunddreißig Jahren bei der Fed, angefangen hatte er nur wenige Monate vor Henry. In Crown Heights geboren, lebte er noch immer dort - drei Kinder, einer Offizier in der israelischen Armee, die anderen beiden lehrten an Universitäten. Sid hätte jederzeit ein paar hundert Meter weiter an die Wall Street gehen und fünfmal so viel verdienen können. Er hatte es nie getan.
«Wir haben noch Zeit», sagte Henry, eine Halbwahrheit, die beide einfach so stehenlassen konnten. «Ich häng mich ans Telefon. Wir bekommen das schon hin.»
«Es geht mich ja nichts an, aber wenn du diesen Armleuchtern einen Freifahrtschein ausstellst, drehe ich dir den Hals um. Die sollten jubeln, wenn sie noch einen Kredit zu acht Prozent kriegen.»
«Ich rede mit Holland. Sonst alles glatt?»
«Scheint so. Bis auf das Kraterloch in den Reserven der Taconic.»
«Was meinst du, wer weiß inzwischen noch davon?»
«Von dem Swap? Kaum jemand. Dass sie seit acht Stunden um Geld betteln? Nicht gerade ein Geheimnis.»

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Quelle: © 2009 by Rowohlt Verlag, Hamburg. Alle Rechte vorbehalten.
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