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F.A.Z.-Leseprobe: Folge 2 Eine verlockende Waffe

05.11.2009 ·  Wollte man ein Medien- und Waffenkonglomerat als Kunden lieber bei sich als bei der Konkurrenz sehen, gab es kaum einen besseren Ort, das Geschäft einzufädeln, als das Vorstandsbüro von Jeffrey Holland. Zweite Folge unserer F.A.Z.-Leseprobe „Union Atlantic“.

Von Adam Haslett
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Die von Union Atlantic beauftragten Architekten hatten sofort begriffen, wer hier der Bauherr war. Nicht der Konzern, nicht der Vorstand und ganz gewiss kein zwölfköpfiger Bauausschuss, sondern ein einziger Mann, der Chef aller drei: Jeffrey Holland. Der neue Hauptsitz war von Anfang an sein Baby gewesen, jeder entscheidende Schritt hatte von ihm persönlich abgesegnet werden müssen. In der Vorstandssuite stand unter einem von Schneegipfeln überragten Gebirgsfluss im Blattgoldrahmen ein brokatgepolstertes, eines englischen Landsitzes würdiges Sofa. Von diesem Sofa aus blickte man durch die verglaste Front auf eine Natursteinterrasse, hinter deren Geländer nichts als Himmel zu sehen war. Das Büro - ein eigenes, auf den Tower aufgesetztes Element - bot alles, was Besitzliebe sich von der Architektur erträumte, ohne mit postmodernen Irritationen oder den Unbequemlichkeiten
wahrer Neuerung leben zu müssen. Die leise Verbeugung vor dem Minimalismus in Raum- und Fensterzuschnitt suggerierte Zurückhaltung, während die Gestaltung in wesentlichen Details, von den kannelierten Pilastern der dunklen Bücherregale bis hin zu den gewaltigen Perserteppichen, Machtfülle zelebrierte. Der Raum war ein dickes, hell strahlendes Kompliment.

Was natürlich der Zweck der Übung war. Wollte man ein französisches Medien- und Waffenkonglomerat lieber als eigenen Kunden sehen als bei der Chase, gab es kaum einen besseren Ort, um mit dem Vorstandschef über dessen Landhaus, die Kunsthochschulpläne seiner Tochter und die vorteilhafte Nähe von Harvard zu plaudern, ehe die niederen Chargen ihn nach unten zur Präsentation entführten. In einem Raum wie diesem verbot sich PowerPoint. Hier sollten die Leute sich wohl fühlen.
«Er telefoniert», sagte Hollands Sekretärin Martha, als Doug erschien. «Aber das dürfte Sie ja kaum bremsen.»
Er hielt durch den Flur auf die offene Tür der sonnendurchfluteten Suite zu. Holland stand am hinteren Fenster mit dem Rücken zu Doug und blickte nach Norden hinaus über das Fleet Center zum weißen Kabelfächer der neuen Zakim-Brücke, die sich über die Mündung des Charles River spannte. Er sprach in das Panorama hinein, Hände in den Hosentaschen, den silbernen Dolch eines Headsets vor der Wange.
«… und deshalb sähen wir gern nicht nur solche Vorkehrungen im Gesetzentwurf verankert. An Transparenz muss jedem von uns liegen: Union Atlantic, den Verbrauchern, den Gerichten. Wer hätte nicht gern eine Beschleunigung von Insolvenzverfahren? Wer wäre nicht für Vereinfachungen? Und keiner, Herr Senator, kommuniziert das effektiver als Sie.»

Mit einem Kopfschütteln widersprach er dem, was eram anderen Ende der Leitung hörte. Als er sich umdrehte und Doug entdeckte, bedeutete er ihm mit einem kurzen Nicken, Platz zu nehmen. «Selbstverständlich, Herr Senator, natürlich verstehe ich das … und glauben Sie mir, nichts läge mir ferner, als Ihnen durch meinen Lobbyisten das Leben … ich verstehe.»
Holland war ein Riese von ein Meter neunzig, mit breiten Schultern und massigem Torso, ohne übergewichtig zu sein. Er hatte sich auf dem College sportlich nie hervorgetan und besaß doch die Geschmeidigkeit eines Athleten: Trug die stattlichen Schultern locker, setzte
seine Körpermasse, wenn er auf einen zukam, in einer Weise in Bewegung um, die vereinnahmte, ohne einzuschüchtern. Ähnlich instinktsicher war die Mimik, das bewegliche Gesicht mit dem breiten Mund, den vollen Backen, der kräftigen Nase und den für die Charmeoffensive so entscheidenden sanftblauen Augen. Fotos ließen ihn eher grobschlächtig erscheinen und verrieten wenig von seiner Präsenz. Unzählige Male hatte Doug beobachten können, wie er sein Ziel anvisierte - Kunde, Politiker, Freund - und schon mit dem festen, herzlichen Händedruck entwaffnete, einem breiten, wissenden Grinsen, um den letzten Widerstand schließlich mit einem um eine Spur heruntergekühlten Blick zu brechen, sodass sein Gegenüber, bis Holland überhaupt zu sprechen anhob, bereits zustimmend nickte.

«Na», sagte Holland jetzt mit einem belustigten Schnauben, «wenn Bob Rubin sich Demokrat nennt, dann bin ich wohl auch einer. Nein, glauben Sie mir, wir halten engen Kontakt mit Ihren Leuten. Das ist keine Frage von Parteigrenzen. Die Öffentlichkeit soll um die Schutzvorkehrungen wissen und begreifen, dass die Kreditvergabe am Ende so für alle günstiger wird. Wir sitzen in den Startlöchern. Es ist lediglich eine Frage des Timings, deshalb wollte ich gern hören, wie Sie die Lage einschätzen … Gut, ja, wir bleiben in Verbindung.»
Er entfernte sein Headset, setzte sich und schwang die Füße auf den Schreibtisch.
«Grassley, dieses Arschloch.»
«Aber er bleibt bei der Stange, oder?»
«Klar. Die Reform des Insolvenzrechts hat er sich doch vor Jahren auf die Fahne geschrieben. Sollte sie allerdings wirklich kommen, wird der gute Mann sich eine vollkommen
neue Fundraisingstrategie einfallen lassen müssen.»
Er verschränkte die Hände hinter dem Kopf und reckte sich. «Aber deshalb hab ich Sie nicht herbestellt. Haben Sie sich in letzter Zeit mal Ihre Netto-Cash-Position angesehen? Wir leihen Ihren Händlern Geld, als könnten wir es drucken. Verstehen Sie mich nicht falsch - die Gewinne sind glänzend. Aber Sie binden eine Menge Kapital.» Er stand auf, schob die Hände in die Hosentaschen und begann, auf dem Teppich hinter seinem Schreibtisch auf und ab zu gehen.
«Wir ziehen Kunden», sagte Doug. «Wir finanzieren ihre Spekulationen. Auf ihr Risiko, nicht unseres. Das ist der springende Punkt. Das Marktvolumen wächst.»
Ich verstehe Ihre Schwierigkeiten. Das hatte Doug bei seinem letzten Einstellungsgespräch zu Holland gesagt. Der Vorstand will Ergebnisse sehen. Und er will sie schnell. Was er nicht hatte sagen müssen, weil sein selbstgewisser Ton ohnehin für sich sprach, war dies: Es wird Zeiten geben, da werden Sie von den Einzelheiten nichts wissen wollen, aber auch das ist mir klar.

Holland wusste weder, wie er und McTeague hinter die Pläne der japanischen Regierung gekommen waren, noch hatte Doug ihn über die Feinheiten der Konstruktion mit Finden Holdings aufgeklärt. Im Laufe seiner steilen Karriere waren Doug jede Menge solcher Männer begegnet, ungediente Männer um die fünfzig, sechzig; wie vielen von ihnen gefiel auch Holland, dass Doug auf einem der avanciertesten Kriegsschiffe der Navy für die Luftabwehr zuständig gewesen war und an den Einsätzen im Persischen Golf teilgenommen hatte. Es bereitete ihm Vergnügen, das gleiche Vergnügen, fiel Doug auf, das er selbst empfunden hatte, wenn er die Raketen in ihren Abschussschächten überprüfte, mit der Hand über den blanken weißen Sprengkopf einer SM2 fuhr und bis in die Fingerspitzen hinein die gebändigte Schlagkraft spürte. Genau das war er selbst für jemand wie Holland: eine verlockende Waffe. Doug lief unter Menschen zur Hochform auf, die instinktiv erfassten, welche Synthese aus Spannung, Geheimhaltung und Gewinn er versprach. Und das hatte bisher niemand so klar erkannt wie Holland. Der wusste genau, dass er sein Aggressionspotenzial kanalisieren musste. Ein Mann wie er musste seine Fühler nach oben ins Direktorium und horizontal in die Konzernleitung hinein ausstrecken zu denen, die nach seinem Posten schielten, und genauso nach unten, in den Maschinenraum des Konzerns, wo sich Loyalität unmittelbarer auswirkte. Wie der Kommandant eines Schiffs, der sich im Prinzip auf eine Befehlskette stützte, praktisch jedoch mit Getreuen umgab, scharte Holland Leute um sich, die ihm ihre Jobs verdankten, und mit Hilfe dieser Verbindungsoffiziere, gleich welchen Rangs, setzte er seinen Willen durch. Ihm gefiel, dass sämtliche Sekretärinnen in Doug verknallt waren und alle anderen Bereichsleiter ihn hassten. Bis tief hinein ins Managementunwesen hatte Holland Berater sitzen, die emsig seine Projektpläne abnickten und ihm bei Fehlschlägen den Rücken deckten. Doch eigentlich ödeten ihn solche Vorsichtsmaßnahmen an, und ehrlich gesagt: sie genierten ihn auch. Zu den Leisetretern auf den langen Entscheidungswegen aber war Doug das perfekte Gegengift: das Mittel zu sofortigem Handeln. Nur machten wie bei jeder Geheimwaffe eher ihr Besitz als ihr Einsatz den Spaß und Präventionseffekt aus.

«Was ist mit unseren eigenen Positionen?», fragte Holland. «Wo stehen wir da eigentlich?»
Bei allem Gepolter um den Cashflow war das der eigentliche Grund, weshalb er Doug zu sich gerufen hatte: um Erfolgsmeldungen zu hören.
«Hongkong lag letzte Woche fünfunddreißig Millionen vorn. Nächste Woche rechnen wir mit vierzig.»
Holland sah hoch, hob die Brauen und grinste. Dann schlenderte er ans andere Ende der Bürosuite und blickte aus dem Fenster. Unter einem wolkenlosen Himmel glitzerte das Wasser des Hafens, eine Fähre schob sich mit starkem Schraubenwasser vom Anleger, in der Ferne schwebten Flugzeuge über die Halbinsel des Logan International Airport ein. Dank der Glasfärbung glänzte die Aussicht angenehm milde.
«Der Mensch von der Times hat wieder angerufen», sagte er. «Sie wollen das Porträt doch bringen.»
«Gratuliere», sagte Doug.
«Danke. Und wie steht's bei Ihnen? Sind wir Nachbarn? Sind Sie schon nach Finden umgezogen?»
«Ja. Dabei fällt mir ein: Kennen Sie eine Charlotte Graves?»
«Nie gehört. Wozu brauchen Sie eigentlich so viel Platz?»
«Keine Ahnung», sagte Doug. «Als todsichere Anlage, wer weiß.»
Holland lachte. «Meine Frau verabscheut Leute wie Sie», sagte er. «Vermutlich, weil sie selbst mal so war.»

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Quelle: © 2009 by Rowohlt Verlag, Hamburg. Alle Rechte vorbehalten.
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